Deutsche und türkische Flagge | Bildquelle: dpa

In der Türkei unter Terrorverdacht "Ein Risiko besteht für alle"

Stand: 04.09.2018 02:44 Uhr

Mehrere deutsche Staatsbürger sitzen in der Türkei wegen Terrorvorwürfen in Haft. Außenminister Maas will die Fälle bei seinem Türkei-Besuch ansprechen - es könnte der richtige Zeitpunkt sein, hoffen manche.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Enver Altayli ist 73. Er hat die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft, schreibt Bücher und betreibt mit seiner Familie eine Ferienanlage in Antalya. Für die Türkei ist er allerdings ein Terrorverdächtiger. Seit einem Jahr sitzt er in Untersuchungshaft - in Einzelhaft.

Altaylis Tochter Dilara Yilmaz kann über die Gründe nur spekulieren. "Warum wird er in Einzelhaft gehalten? Er wird momentan als gefährlicher Untersuchungsinhaftierter kategorisiert. Aber es gibt keinen spezifischen Grund, warum er für gefährlich gehalten werden sollte. Dass er in Einzelhaft sitzt, sieht wie eine Strafe oder wie ein Druckmittel aus."

Ihr Vater arbeitete in den 70-er Jahren für den türkischen Geheimdienst. Möglicherweise habe seine Festnahme damit etwas zu tun, glaubt sie. "Man könnte denken, dass er eine Person war, dessen Linie der türkischen Regierung unbequem war - weil er deren Linie nicht unterstützt hat." Öffentlich habe er nicht viel darüber gesprochen. "Aber es war schon klar, dass er dagegen war, was momentan vorgeht - an massiven Menschenrechtsverletzungen und auch an der politischen Orientierung. Aber das sind unsere Spekulationen."

Offenbar wird ihm jetzt vorgeworfen, er habe die Gülen-Bewegung unterstützt. Aber sicher wissen das weder Enver Altayli noch seine Familie. Es gibt immer noch keine Anklageschrift.

Enver Altayli | Bildquelle: dpa
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Enver Altayli sitzt in türkischer Untersuchungshaft - warum, weiß seine Familie nicht.

Yücels Entschädigungs-Klage - ein Präzedenzfall?

Auch der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel musste ein Jahr auf seine Anklageschrift warten. Dann kam er plötzlich frei und durfte ausreisen. Sein Prozess geht aber im Dezember weiter - einer von zweien. Er selbst hat ebenfalls eine Klage in der Türkei angestrengt, denn er will für die Haftzeit entschädigt werden. Yücels Anwalt Veysel Ok sieht darin einen Präzedenzfall.

"Hier geht es nicht um Geld", sagt er. "Nicht darum, dass sich Deniz dadurch bereichert oder sein Blatt. Es geht darum, dass sich ein Journalist wegen seiner unrechtmäßigen Inhaftierung mit dem Staat auseinandersetzt. Wir sehen durchaus eine Chance."

Dieser Prozess beginnt am 25. September. Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen sagt, die Klage kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. "Gerade im Lichte dessen, dass hier ein deutsch-türkischer Besuchsreigen beginnt mit dem Besuch von Herrn Maas, mit dem Besuch von Herrn Erdogan, mit dem Besuch von Herrn Altmaier - nicht aus einer juristischen, aber aus einer politischen Sicht ist es gerade jetzt, glaube ich, ein gutes und wichtiges und richtiges Zeichen, diese Klage einzureichen."

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Istanbul | Bildquelle: dpa
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Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Istanbul.

Sieben Deutsche wegen Terrorvorwürfen in Haft

Außenminister Heiko Maas hat angekündigt, die Fälle der sieben Deutschen anzusprechen, die wegen Terrorvorwürfen im Gefängnis sind. Die Fälle müssten gelöst werden, wenn sich die deutsch-türkischen Beziehungen wieder normalisieren sollen.

Yücels Anwalt Ok sieht aber nicht nur die deutschen Fälle, sondern beispielweise auch die von türkischen Politikern und Journalisten: "Wenn die Türkei wieder gute Beziehungen zu Europa möchte, müssen diese Menschen freigelassen werden. Ich würde mich also nicht wundern, wenn demnächst einige populäre Inhaftierte auf freien Fuß gesetzt würden."

Oder aber wenn Ausreisesperren aufgehoben würden, wie im Fall der Ehefrau des türkischen Journalisten Can Dündar, der in Deutschland lebt. Christian Mihr hält es durchaus für möglich, dass sich an dieser Stelle etwas bewegt.

Innenpolitisch geht die Türkei allerdings nach wie vor hart gegen Kritiker und Oppositionelle vor, sagt Veysel Ok. Er könne aus eigener Erfahrung sprechen, so Yücels Anwalt. "Ich verteidige gegenwärtig elf inhaftierte Journalisten, und alle meiner elf Mandanten befinden sich aufgrund journalistischer Tätigkeiten im Gefängnis. Sie sind noch immer nicht auf freiem Fuß. Einige von ihnen wurden bereits verurteilt, teils zu zehn Jahren Haft."

"Jeder entscheidet für sich selbst"

Bis zu 20 Jahre Haft drohen Mesale Tolu. Die deutsche Übersetzerin und Journalistin durfte zwar inzwischen ausreisen. Aber auch ihr Prozess geht weiter. Sie will - im Gegensatz zu Deniz Yücel - zum nächsten Verhandlungstag Mitte Oktober in die Türkei zurückkehren. Dass sie wieder in Haft kommt, halten Experten für eher unwahrscheinlich. Yücels Anwalt will das aber nicht ausschließen: "Ein Risiko besteht für alle, die in der Türkei leben, nicht nur für Mesale oder mich selbst. Ich kann deshalb nur sagen: Jeder entscheidet für sich selbst."

In Antalya hofft die Familie von Enver Altayli auf den Besuch von Maas. Inzwischen wäre sie schon damit zufrieden, der Außenminister würde erreichen, dass Altaylis Fall endlich vor einem Gericht verhandelt wird. Denn der 73-Jährige ist gesundheitlich angeschlagen, hat stark abgenommen, erzählt seine Tochter traurig. Bei jedem Besuch sehe er älter aus.

Außenminister Maas Topthema in der Türkei: Deutsche unter Terrorverdacht
Karin Senz, ARD Istanbul
03.09.2018 23:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. September 2018 um 06:22 Uhr.

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