Die Polizei kontrolliert an der Grenze zu Luxemburg.  | Bildquelle: dpa

Geschlossene Grenzen In Luxemburg wächst der Corona-Frust

Stand: 05.05.2020 14:57 Uhr

Luxemburg ist umgeben von Deutschland, Frankreich und Belgien - und geschlossenen Grenzen. Der Ärger über die Isolation wächst. Politiker fürchten, die europäische Idee könnte Schaden nehmen.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

In Schengen hängt die Europaflagge derzeit auf halbmast. Der Ort, der wie kein anderer für das grenzenlose Europa steht, ist gerade selbst abgeriegelt. Auf den Moselbrücken nach Deutschland kontrolliert die deutsche Bundespolizei. Seit Mitte März, so lange gelten die einseitigen Grenzschließungen schon.

Deutschland hatte die Grenzen wegen der Corona-Krise kurzerhand geschlossen und die Nachbarländer nur per knappem Schreiben in Kenntnis gesetzt.

Beim luxemburgischen Premier Xavier Bettel kommt das gar nicht gut an: "Eine ganze Menge Leute haben das falsch verstanden. Soziale Distanz heißt nicht nationale Distanz. Es heißt nicht, dass die Länder auf einmal nichts miteinander zu tun haben wollen", sagt er. "Im Moment ist es so, dass ganz viele Länder einseitig Entscheidungen getroffen haben, ohne mit ihren Nachbarn zu reden."

Aufwändige Prüfung der Pendler

Luxemburg ist in einer prekären Situation. Ein kleines Land umgeben von drei Nachbarländern, die ihrerseits Grenzkontrollen eingeführt haben: Deutschland, Frankreich und Belgien. Hunderttausende Grenzpendler müssen jeden Tag ins Großherzogtum - sie werden einzeln überprüft.

Luxemburg fühlt sich eingekesselt. Léon Gloden, der Bürgermeister der Grenzgemeinde Grevenmacher, beschreibt die Situation: "Die Hauptverkehrsader von der Brücke zur Autobahn nach Luxemburg-Stadt geht quer durch den Ort. In normalen Zeiten überqueren die Brücke täglich mehr als 15.000 Wagen. Durch die Kontrollen haben wir jetzt Staus von drei, vier Stunden. Damit haben wir auch höhere Emissionswerte durch Abgase."

Belastung für Familien und Nachbarschaften

Er beobachte dramatische Szenen. Familien würden auseinandergerissen, der einst so rege Austausch mit den Nachbarn sei ausgesetzt. Gloden befürchtet, dass das langfristige Auswirkungen haben wird. "Das Ressentiment unserer Bürger gegenüber unserem deutschen Partner hat sich leider durch diese Kontrollen wesentlich verschlechtert."

Zahlreiche Bürgermeister verärgert

Dutzende Bürgermeister der Grenzgemeinden haben schon Protestbriefe verschickt - bislang ohne Erfolg. Was vielen besonders aufstößt: Während normale Bürger nicht mehr im Nachbarland einkaufen dürfen, hat sich die deutsche Bundespolizei beim Tanken in Luxemburg erwischen lassen. Mehrfach. Der Sprit ist im Großherzogtum eben deutlich günstiger.

Außenminister Jean Asselborn findet, die Symbolik allein sei verheerend und die politische Idee von Schengen in Gefahr. "Die deutsche Polizei in Schengen auf der Brücke: Ich habe Berlin gesagt, dass das nicht gerade ein gutes Bild abgibt", sagt Asselborn. "Beim Außenministerium gibt es da auch viel Verständnis, aber das Innenministerium hat da eben eine andere Meinung. Dort denkt man, man könne mit Grenzschließungen ein Virus aufhalten." Das sei aber falsch.

Trommeln für ein Europa ohne Grenzen

Und deshalb hängen nicht nur in Schengen die Europaflaggen auf halbmast - im ganzen Land werden sie gerade aus Protest eingezogen. Erst zum Europatag am 9. Mai wollen die Gemeinden sie wieder ganz hissen. Und mit Konzerten auf den Moselbrücken für ein Europa ohne Grenzen trommeln.

Luxemburg protestiert gegen Grenzschließungen
Michael Schneider, SR Brüssel
05.05.2020 14:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Mai 2020 um 15:08 Uhr.

Korrespondent

Michael Schneider | Bildquelle: Benjamin Morris, Saarländischer Rundfunk Logo SR

Michael Schneider, SR

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