Eine dichte Dunstglocke liegt über der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. | dpa

Bosnien-Herzegowina Stinkende Wolke über Sarajevo

Stand: 21.12.2020 10:57 Uhr

Regelmäßig überschreiten die Feinstaubwerte in Sarajevo die EU-Grenzwerte um ein Vielfaches - mit fatalen Auswirkungen auf die Gesundheit. Viele Bewohner heizen mit Holzabfällen, weil Alternativen zu teuer sind.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Blanke Ziegel, schiefe Dächer und Innenhöfe voller Sperrmüll prägen das Bild im Stadtteil Gorica am Rand der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Wer sich es leisten kann, wohnt hier nicht. Vor einem der Häuser hacken zwei Männer Brennholz. Nicht etwa Holzscheite, sondern alte Türrahmen, ausrangierte Kommoden und andere Holzabfälle. Die Männer sind wortkarg und möchten ihre Namen nicht veröffentlichen.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

"Hast du dich schon mal gefragt, ob wir so heizen müssten, wenn wir in einem besseren Staat leben würden?", fragt einer der beiden. Sie hätten zur Zeit keine Arbeit und könnten sich eine andere Art zu heizen schlicht nicht leisten. Dabei ist es ihnen sehr wohl bewusst, dass die Holzabfälle, die sie in Öfen einfachster Bauart verbrennen, im giftigen Rauch aufgehen. Mit Blick auf ein altes Regal, das er gerade zersägt, erklärt einer der Männer: "Das hier ist geklebt und hier ist Lack drauf. Und man weiß wie das brennt: schwarz."

Männer beim Holz zerkleinern | ARD Wien

Die Menschen kennen die Gefahr der giftigen Luft, können sich eine Alternative oft aber nicht leisten. Bild: ARD Wien

Holzöfen sind weit verbreitet

Sarajevo liegt in einem Kessel zwischen den Bergen Trebevic, Igman und Bjelasnica und giftige Luft kann nur schwer abziehen. Sind die oberen Luftschichten wärmer als die im Tal, liegt der Rauch als stinkende Wolke auf der Stadt - tagelang.

Autoabgase und Industrie tragen ihren Teil bei. "Wir gehen aber davon aus, dass die Hauptquelle der Verschmutzung kleine, individuelle Heizöfen sind", erklärt Anes Podic von der Umweltorganisation Eko-Akcija. "In der Stadt haben wir 35.000 bis 40.000 Haushalte, die mit Kohle und Holz heizen." Und das spüre man auch, sagt Marion Kraske, die als Leiterin des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung selbst in der Stadt wohnt. "Es bleibt einem buchstäblich die Luft weg. Man hat tatsächlich jeden Tag Symptome: Kopfschmerzen etwa, Herzrasen mitunter. Und insbesondere bei Kindern hat das natürlich fatale Auswirkungen gesundheitlicher Art."

Rauchender Schornstein | ARD Wien

Das Problem ist schon lange bekannt: Umweltschützer halten minderwertige Heizöfen für die Hauptursache der Luftverschmutzung in Sarajevo. Bild: ARD Wien

Feinstaubwerte zehnmal so hoch wie EU-Grenzwert erlaubt

In den Wintermonaten erreicht Sarajevo regelmäßig Feinstaubwerte teils zehnfach so hoch wie der Grenzwert in der EU und gehört immer wieder zu den Hauptstädten mit der schmutzigsten Luft weltweit - noch vor den berüchtigten Smog-Metropolen Peking, Neu-Delhi und Mumbai.

Das habe verheerende Folgen für die Gesundheit, sagt Podic von Eko-Akcija: "Nach Angaben der Weltbank sterben jedes Jahr 3300 Menschen in Bosnien und Herzegowina an den Folgen der schlechten Luft. Die Europäische Umweltagentur geht sogar von 5400 Opfern aus. Dieses Jahr werden wir fast genauso viele Pandemietote haben wie Todesfälle wegen der verschmutzen Luft. Und die Pandemie haben wir jetzt und hoffentlich nie wieder. Verschmutze Luft haben wir aber jedes Jahr."

Kampagne gegen Luftverschmutzung

Eko-Akcija hat zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung vor vier Jahren eine Kampagne gestartet, um auf das Problem aufmerksam zu machen: mit einer App, die vor schlechter Luft warnt. Denn jahrelang wurde die Luftverschmutzung von vielen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt und vor allem von den Behörden einfach hingenommen - nach dem Motto: War schon immer so.

Inzwischen liegen auch Vorschläge vor, wie sich das Problem nachhaltig lösen ließe. Jasmika Bjelavac ist Projektkoordinatorin bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Sarajevo und erklärt, wie es gehen könnte: "Fußgängerzonen in der Stadt, eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs und vor allem ein Verbot fester Brennstoffe im Kanton Sarajevo - für Kohle sofort, mittelfristig auch für Holz. Und die Möglichkeit, Heizöfen auszutauschen, um die Energieeffizienz zu steigern." Die Lösungsvorschläge haben die Verantwortlichen im Kanton Sarajevo dankbar angenommen, sagt Bjelavac. Nun werden Strategiepapiere verfasst und es sollen konkrete Schritte folgen.

Fehlt der politische Wille?

Geschehen ist bislang jedoch nichts und Marion Kraske von der Heinrich-Böll-Stiftung spricht den Verantwortlichen den politischen Willen ab, das Problem zu lösen. Die Probleme würden aufgeschoben und es gebe keine Expertise für die Umsetzung. "Und es gibt kein Verständnis, warum man den Bürgern eine saubere Stadt bieten muss." Das Menschenrecht auf saubere Luft werde nicht anerkannt.

Die Männer im Stadtteil Gorica werden wohl noch länger alles Mögliche verfeuern müssen, um heizen zu können. Die Winter in Sarajevo sind kalt und lang und den Männern bleibt nichts anderes übrig. Einer der beiden sagt schulterzuckend: "Es kann stinken, wie es will, aber besser, wir haben es warm als kalt."

Dieser Beitrag lief am 20. Dezember 2020 um 17:22 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur.