Trümmer der abgestürzten Boeing 747 im Jahr 1988 in Lockerbie, Schottland  | Bildquelle: dpa

Lockerbie-Anschlag "Es war ein Inferno"

Stand: 21.03.2019 12:47 Uhr

Vor 30 Jahren stürzte eine Boeing 747 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie ab. Für den Terrorakt wurde ein libyscher Geheimagent verurteilt. Aber die Ermittlungen dauern noch immer an.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Der PanAm-Flug 103 startete heute vor 30 Jahren in London-Heathrow dem Ziel New York. 25 Minuten später, um 19.03 Uhr, als die Boeing 747 in den schottischen Luftraum flog, gab es den letzten Funkkontakt. Kurz danach stürzten brennende Teile auf die schottische Kleinstadt Lockerbie. Sie zerstörten Häuser. Feuer breitete sich aus. Der erste Notruf sprach irrtümlich von einer Gasexplosion.

"Als wir ankamen, lagen überall Wrackteile", erinnert sich ein Feuerwehrmann. "Es stank nach Kerosin. Es brannte lichterloh - es war ein Inferno, schrecklich." Nach fünf Minuten hätten die Rettungskräfte gewusst, dass sie nichts mehr tun konnte. "Überall lagen Leichen, es gab keine Überlebenden", so der Feuerwehrmann.

Zerstörungen nach dem Absturz einer Boing 747 im schottischen Lockerbie im Jahr 1988 | Bildquelle: dpa
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Zerstörungen in Lockerbie nach dem Absturz einer Boing 747 im Jahr 1988. 270 Menschen starben. Darunter waren elf Einwohner der schottischen Kleinstadt.

"Klare Hinweise auf hochexplosiven Sprengstoff"

270 Menschen starben. Darunter waren elf Einwohner von Lockerbie. Die Ermittler glaubten erst an einen technischen Defekt der Maschine. Doch am darauf folgenden Heiligabend erklärte der Chef der Ermittlungskommission: "Die Teile eines Gepäckcontainers zeigen klare Hinweise auf einen hochexplosiven Sprengstoff."

Es war ein Terrorakt. Die späteren Untersuchungen identifizierten einen Samsonite-Koffer, in dem sich der Sprengstoff befunden hatte. Er war von keinem der Passagiere an Bord aufgegeben worden. Möglicherweise kam der Koffer aus Malta, wurde in Frankfurt in den PanAm-Zubringer-Flug umgeladen und landete in Heathrow schließlich im Gepäckraum des Jumbos nach New York.

Zerstörungen nach dem Absturz einer Boing 747 im schottischen Lockerbie im Jahr 1988 | Bildquelle: dpa
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Ermittler an der Absturzstelle. In einem Samsonite-Koffer hatte sich der Sprengstoff befunden.

Trümmer der abgestürzten Boeing 747 im Jahr 1988 in Lockerbie, Schottland | Bildquelle: dpa
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"Als wir ankamen, lagen überall Wrackteile", erinnert sich ein Feuerwehrmann.

Mehr als zwei Milliarden Dollar von Gaddaffi

Ein schottisches Gericht verurteilte 2001 den libyschen Geheimagenten Abdel Basset Ali al-Megrahi zu lebenslanger Haft. 2009 wurde der krebskranke Megrahi begnadigt und konnte nach Libyen ausreisen. Er starb im Mai 2012 und hatte bis zuletzt jede Verantwortung für das Attentat bestritten. 

Die libysche Regierung zahlte mehr als zwei Milliarden Dollar Entschädigung an die Hinterbliebenen der Lockerbie-Opfer. Im Gegenzug hoben die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen die Handelssanktionen gegen das Land auf. Die Zahlung war also mehr ein Deal als ein Schuldeingeständnis Gaddafis.

Ermittler mit Suchhunden nach dem Absturz der Boing 747 im schottischen Lockerbie im Jahr 1988 | Bildquelle: dpa
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Mit Spürhunden suchten Sicherheitskräfte nach Hinweisen auf die Ursache des Absturzes. Die Ermittlungen sind nach wie vor nicht abgeschlossen.

Spuren in den Iran und zur Front zur Befreiung Palästinas

Denn es könnte auch ganz anders gewesen sein. Es gibt Spuren, die in den Iran führen. Und in Deutschland fanden BKA, BND und Verfassungsschutz Hinweise darauf, dass die Täter aus der Front zur Befreiung Palästinas gekommen sein könnten.

Die schottischen Behörden haben jedenfalls auch 30 Jahre nach dem Terroranschlag die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Megrahis früherer Anwalt Aamer Anwer, der auch zahlreiche Hinterbliebene der Opfer vertritt, strebt weiter die Wiederaufnahme des Verfahrens an und macht gleichzeitig Briten und Amerikanern schwere Vorwürfe. "Lockerbie ist immer noch der schwerste Terroranschlag in Großbritannien", sagt Anwer. "Eine Änderung des Urteils würde bedeuten, dass die britische und die amerikanische Regierung 30 Jahre lang einer monumentalen Lüge aufgesessen sind und den Falschen inhaftiert hatten. Deshalb versuchen die Geheimdienste so verzweifelt, die Wahrheit zu vertuschen." 

Klar sind die Konsequenzen für die Flugpassagiere: Seit dem Lockerbie-Anschlag dürfen Flugzeuge keine unbegleiteten Gepäckstücke mehr an Bord nehmen. Die bis dahin laxen Sicherheitskontrollen sind deutlich schärfer geworden.

30 Jahre Lockerbie: Immer noch offene Fragen
Jens-Peter Marquardt, ARD London
21.12.2018 09:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Dezember 2018 um 09:20 Uhr.

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