Der 2006 ermordete Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko (rechts) mit einem weiteren FSB-Agenten während einer Pressekonferenz 1998.

Untersuchung zum Fall Litwinenko Der Spion, das Gift - und der Kreml?

Stand: 31.07.2014 15:39 Uhr

2006 starb in London der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko. Laut Scotland Yard wurde er vergiftet - doch von wem? Und was hat der Kreml damit zu tun? Eine Untersuchung soll nun die Hintergründe des Mordfalls aufklären.

Von Thomas Spickhofen, ARD-Hörfunkstudio London

Als Alexander Litwinenko, 43 Jahre alt, am 23. November 2006 um 21:20 Uhr, stirbt, ist schon klar: Der Mann ist vergiftet worden, mit Polonium-210, einer radioaktiven Substanz.

Auf seinem Sterbebett in einem Londoner Krankenhaus hat er wenige Stunden zuvor einen Abschiedsbrief verfasst und einen Schuldigen benannt: Wladimir Putin, auch damals schon Präsident Russlands.

Ein Freund Litwinenkos liest die Zeilen später öffentlich vor. "Sie werden es vielleicht schaffen, einen Mann zum Schweigen zu bringen. Aber der Protest aus aller Welt wird in Ihren Ohren nachhallen, Herr Putin, für den Rest Ihres Lebens."

Der angebliche Mörder? Sitzt heute in der Duma

Agent des KGB, Kreml-Kritiker, vielleicht auch Überläufer zum britischen Geheimdienst MI 6: Die Biografie Alexander Litwinenkow ist so schwer zu entschlüsseln wie die Umstände seines Todes. Die Ermittler von Scotland Yard kamen zu dem Schluss: Das Gift war in einer Teekanne, aus der Litwinenko getrunken hatte, drei Wochen zuvor in einem Hotel in der Londoner Innenstadt, in der Nähe des Regierungsviertels.

Ein gewisser Andrej Lugowoi soll das Gift in die Teekanne geschüttet haben. Er ist ebenfalls ein ehemaliger KGB-Mitarbeiter, später Geschäftsmann mit dem Spezialgebiet Sicherheitsdienste.

Die britische Generalstaatsanwaltschaft beschuldigt ihn ganz offiziell des Mordes und verweist auf eine Vielzahl von Polonium-Spuren, die Lugowoi hinterlassen habe. Der bestreitet die Vorwürfe. Und eine Auslieferung lehnt Russland ab, Lugowoi sitzt heute als Abgeordneter im russischen Parlament.

Die Anhörung ist öffentlich - ein Vorteil?

Witwe Marina Litwinenko verdächtigt die russische Regierung, den Mörder ihres Mannes zu schützen - und sie verdächtigt die britische Regierung, aus Gründen der Staatsräson kein Interesse an einer Aufklärung zu haben.

Heute hat die Anhörung begonnen. Film- und Tonaufnahmen sind verboten, aber die Öffentlichkeit ist zugelassen. Marina Litwinenkos Anwältin verspricht sich viel davon: "Der Vorteil einer öffentlichen Anhörung ist, dass das Material, das bisher unter Verschluss gehalten wurde, nun vom Vorsitzenden der Untersuchungskommission eingesehen werden kann und er dann entscheiden kann, ob es veröffentlicht wird", sagte sie.

Marina Litwinenko
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Die britische Regierung habe kein Interesse an einer Aufklärung des Mords an ihrem Mann, sagt Marina Litwinenko.

Geleitet wird die Untersuchung vom Rechtsmediziner Robert Owen, der sich auch schon früher mit dem Fall befasst hat. Er wird unterstützt von einem fünfköpfigen Gremium aus Juristen. Die Sitzungsprotokolle werden  im Internet veröffentlicht, möglicherweise auch Beweisdokumente, das entscheidet Owen dann im Einzelfall. Ein fester Zeitplan ist noch nicht bekannt, ebenso wenig, welche Zeugen befragt werden sollen.

Warum die Untersuchung ausgerechnet jetzt eingeleitet wird, mitten in der Krise mit Russland - dazu hat Jonathan Eyal vom politischen Thinktank RUSI eine Vermutung, die viele in London mit ihm teilen: "Die Entscheidung für eine öffentliche Untersuchung bedeutet mit Blick auf die britische Regierung, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn die Beziehungen einen Knacks bekommen. Und was noch wichtiger ist: Es macht ihnen nichts aus, wenn die Untersuchung einige peinliche Details über den russischen Präsidenten Putin und seine Freunde zutage fördert."

Der 2006 ermordete Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko (rechts) mit einem weiteren FSB-Agenten während einer Pressekonferenz 1998.
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Der 2006 ermordete Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko (rechts) mit einem weiteren Geheimdienstmitarbeiter während einer Pressekonferenz 1998.

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