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Litauen übernimmt EU-Ratspräsidentschaft Arm, reich und von Europa überzeugt

Stand: 01.07.2013 11:11 Uhr

Mächtige Oligarchen, gut situierter Mittelstand und bitterarme Menschen - die sozialen Unterschiede in Litauen sind immens. Gleichzeitig sind die Litauer überzeugte Europäer. Die Ex-Sowjetrepublik übernimmt heute die EU-Ratspräsidentschaft.

Von Tim Krohn,

ARD-Studio Stockholm

Nijole hat einmal als Lehrerin gearbeitet. Dann kam die Krise. Ihre Stelle zu Hause in Vilnius wurde gestrichen. Das war es dann für die 50-Jährige in ihrer Heimat. Die engagierte, gebildete Litauerin hat ihr Land verlassen - wie so viele andere auch. Heute schlägt sie sich als Altenpflegerin durch, irgendwo in Deutschland. "Unsere Leute sind sehr gewissenhaft und fleißig", sagt Nijole. "Das ist schon ein nationales Merkmal. Viele von uns fahren ja ins Ausland zum Arbeiten. Die Bedingungen dort sind nicht gut. Aber wir erdulden alles, denn zu Hause ist das Leben noch härter."

Tim Krohn ARD-Studio Stockholm

Wer gut ausgebildet ist und etwas kann, der geht. Litauen hat in den letzten 20 Jahren knapp eine halbe Million Einwohner verloren, ein Fünftel der gesamten Bevölkerung. Das Land scheint irgendwie festzustecken zwischen Wachstumskurs und Exodus.  

Die Jugend ist mutig und anpassungsfähig

Der Soziologe und Arbeitsmarktexperte Boguslavas Gruzevskis versucht, dem stetigen Aderlass unter den Jüngsten und Klügsten in Litauen doch noch etwas halbwegs Gutes abzugewinnen. "Tatsächlich kann sich unsere Jugend heute frei in der Welt bewegen", sagt er. "Die Emigration ist ja zu einem großen Problem geworden. Aber ich sehe das auch positiv. Es sind junge Leute, die ihr Potential entdecken und es zeugt von viel Mut, von den Fähigkeiten, sich anzupassen."

Das Problem für Litauens Gesellschaft allerdings, sagt der Berater der EU-Kommission, sei groß. "Schlimm für unser Land ist der Bevölkerungsrückgang und die schnelle Alterung unserer Gesellschaft. Durch die Emigration laufen diese Prozesse viel schneller ab als in anderen EU-Staaten", so der Experte. Dadurch entstünden Spannungen. Außerdem seien die sozialen Unterschiede zwischen wohlhabenden und ärmeren Leuten fast die größten in ganz Europa.

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Litauen verzeichnet hohe Wachstumszahlen - aber ein Auto können sich nicht alle leisten: Feierabendverkehr in Vilnius.

Unter den gut drei Millionen Litauern findet man mächtige Oligarchen, moderne Dienstleister aus dem Mittelstand und Leute wie Anna. Sie wohnt in einem der alten Plattenbauten aus Sowjetzeiten und lebt von umgerechnet 240 Euro Rente im Monat. Fast die Hälfte des Geldes geht für die Heizung im Winter drauf. Da bleibt nichts mehr.

"Ich muss zahlen, zahlen, zahlen. Wenn ich nicht zahle, dann jagen sie mich aus der Wohnung", klagt sie. "Auf die Straße will ich nicht, nein. Da kratze ich lieber das letzte Geld zusammen. Lieber hungern würde ich als auf die Straße gehen." Anna ist stolz - und fleißig. Sie will sich etwas einfallen lassen. Typisch Litauen, denn so beschreiben sich fast alle hier.   

Orientierung an Deutschland und Skandinavien

So gesehen kommt die Ratspräsidentschaft der EU in das richtige Land. Brücken in den Osten wolle man bauen, heißt es, und die Finanzpolitik der EU voranbringen. Litauer, sagt der Soziologe Gruzevskis, sind überzeugte Europäer. "Die Mitgliedschaft in der EU haben die Litauer mit viel Enthusiasmus in Angriff genommen. Und die Veränderungen danach waren ja auch beeindruckend." Heute versuchten die Litauer vor allem, sich an Deutschland und Skandinavien zu orientieren. "Dazu brauchen wir natürlich höhere Einnahmen im Haushalt und eine stärkere Wirtschaft. Aber unsere Wirtschaft wächst“, betont er.

Nur vier Jahre nach der Krise gilt Litauen wieder fast als europäischer Musterknabe. Kaum eine andere Volkswirtschaft der EU hat im Moment so gute Wachstumszahlen zu bieten.

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Wohnort für die ärmeren Litauer: Plattenbau in Vilnius.

Dumm nur, dass Nijole wohl nichts mehr davon haben wird. Die frühere Lehrerin schlägt sich mit Niedriglöhnen und Heimweh herum. "Ich habe in Deutschland immer Sehnsucht nach meinem Land, obwohl ich mich selbst nie für eine große Patriotin gehalten habe. Da ist ständig diese Sehnsucht, nach dem Wald meiner Kindheit, nach Leuten. Ich will immer hierher. Aber ich kann hier nicht überleben.“

Dieser Beitrag lief am 01. Juli 2013 um 09:42 Uhr auf rbb Info.