Saulius Urbietis

Jobmisere in Litauen Vom Geigenbauer zum übermüdeten Taxifahrer

Stand: 29.01.2013 12:08 Uhr

Litauen laufen die Bürger weg: Binnen 20 Jahren hat das Land ein Fünftel seiner Einwohner verloren. Es gibt zu wenige Jobs - und die sind oft schlecht bezahlt. Selbst der renommierte Geigenbauer Urbietis kann von seinem Handwerk nicht mehr leben. Er fährt Taxi - solange die Augen offen bleiben.

Tim Krohn ARD-Studio Stockholm

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Saulius Urbietis macht es wie jeden Tag: Rein ins Taxi und los, solange die Augen offen bleiben. Er fange praktisch am frühen Morgen an und fahre dann, bis er die Ampelfarben nicht mehr unterscheiden könne, berichtet er: "Und das ohne Feiertage. Anders kann man hier nicht überleben."

Müde sieht er aus, der 50-Jährige, aber auch freundlich und bescheiden. Wer zu ihm in Vilnius in den Wagen steigt, hört Mozart oder Paganini. Der Fahrer kennt sich aus mit der Musik, weiß ganz genau, welche Violine warum wie klingt. Kein Wunder, er selbst hat viele von ihnen gebaut, für die größten Solisten weltweit.

6000 US-Dollar für eine Geige

Im Ausland legen Menschen für seine Geigen schon mal mehrere Tausender hin. Für wie viel Geld sie dann weiterverkauft werden, weiß Urbietis allerdings nicht - nur so viel: "Meine teuersten waren zwei Instrumente, die ich nach Spanien verkauft habe - für jeweils 6000 US-Dollar." Die letzte brachte ihm aber gerade noch 1500 Litas ein. Das sind nicht mal mehr 500 Euro, und das bei mehr als einem Monat filigranster Handarbeit.

Das war der Moment, in dem er sein Handwerk an den Nagel hing: "Es gibt hier einfach keine Geigenspieler mehr, keine Musiker. Niemand will mehr ein Instrument lernen." Als die Wirtschaftskrise vor drei, vier Jahren losging, riefen ihn plötzlich immer mehr Leute an. Alle meinten: "Wir wollen nicht mehr, es geht nicht mehr." Vor diesem Zeitpunkt standen die Leute nach Urbietis Worten noch Schlange für seine Instrumente.

"Die Kultur im Land ist längst abgewürgt"

Mit der Wirtschaft ging auch Litauens Kultur in die Knie. Wer es sich heute noch leisten kann, lässt seine Kinder vielleicht Jura studieren, aber Musik? Urbietis schaltet einen Gang runter, die Kultur hier, sagt er, sei doch längst abgewürgt: "Wer schlau ist, und nur ein bisschen besser spielt, verlässt das Land." Und zum Beweis führt er an: In Litauens Orchestern sehe man heutzutage nur wenige junge Gesichter. Die meisten seien alte Leute.

Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was auch Griechen oder Spaniern blühen kann. Wer gut ausgebildet ist und etwas kann, der geht. Litauen hat in den letzten zwanzig Jahren knapp eine halbe Million Einwohner verloren - ein Fünftel der gesamten Bevölkerung. Mögen die Wirtschaftsdaten auch wieder anziehen, der Aderlass unter den Jüngsten und Klügsten ist wohl nie wieder aufzuholen. Der Rest fährt Taxi. Das Durchschnittseinkommen in Litauen liegt bei gerade einmal gut 600 Euro im Monat.

Entsetzen über trübe Gesichter

Urbietis weiß nicht, welche Zukunft Litauen hat. Oft hat er Fahrgäste, die inzwischen im Ausland leben und nur zum Urlaub hier sind. Alle erzählten, betont er, dass sie nicht mehr nach Litauen zurückkehren wollten. Sie seien entsetzt über die hohen Preise und die trüben Gesichter der Menschen auf den Straßen: "Die kommen nur noch her, um ihre Verwandten zu besuchen, und dann schnell zurück ins Ausland."

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KOMMENTARE

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vanPaten 29.01.2013 • 13:27 Uhr

Im Hinterhof die Suppenküchen boomen

So sieht sie also aus die tolle Zukunft der blühenden baltischen Landschaften wegen der man sich vom Sowjetregime ab- und der EU zuwandte und den Aufschwung per Schulden versuchte. Nicht nur die EU-Südperipherie unter dem Euro ist zum Armenhaus degradiert, sondern auch ganz Mittel- und Osteuropa. Einzig die Tchechen scheinen dank nachhatiger Konzerninvestitionen und der kostengünstgen Nähe zum reicheren Zentrum einigermaßen die Kurve gekriegt zu haben und daher viel Angst für die vielen Schulden ihrer angeblich reichen Nachbarn einstehen zu müssen. Die anderen Nicht-€-MEOs können zwar abwerten, was immer wieder auch bei GRE als die tolle Lösung debattiert wird, nur haben sie nicht die Investitionen und das Wachstum, um die die Importe verteuernde Abwertung exportseitig auszugleichen, während ihre Kreditwürdigkeit und Schuldentragfähigeit sinken. So bauen wir unser peripheres Armenhaus schön weiter aus, während wir über das "Projekt Europa" als Fels in der Wettbewerbsbrandung lügen.