Das deutsche Rettungsschiff ''Lifeline'' fährt in den Hafen von Valletta ein | Bildquelle: dpa

Blockierte "Lifeline" "Eine Schande, dass wir festgehalten werden"

Stand: 02.09.2018 03:19 Uhr

Seit zwei Monaten halten Maltas Behörden das deutsche Rettungsschiff "Lifeline" im Hafen von Valletta fest. Die Papiere seien nicht in Ordnung, heißt es. Die Crew weist die Vorwürfe zurück und spricht von einer "Schande".

Von Katrin Matthaei, ARD Brüssel

"Mein Nachbar hat auch schon für uns gespendet", erzählt Claus-Peter Reisch. Er steht vor seinem gepflegten Einfamilienhaus im beschaulichen Landsberg am Lech und winkt einem älteren Herrn zu. Es ist Spätsommer, friedliche Idylle in Bayern.

Aber dafür hat der Unternehmer jetzt keinen Sinn. "Wir machen nun seit zwei Monaten an diesem Zertifikat rum." Sein Zeigefinger klopft ungeduldig auf die Schwarzweiß-Kopie vor sich. Es ist die Registrierung des Rettungsschiffes "Lifeline", auf der Reisch Kapitän ist. Sein zweiter Job. Er will endlich wieder raus fahren aufs Mittelmeer und Menschen in Seenot retten. Aber er darf nicht.

Claus-Peter Reisch | Bildquelle: dpa
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Claus-Peter Reisch, Kapitän der "Lifeline"

Erst seit Ende Juni ein Problem

Maltas Behörden zweifeln an, dass das in Amsterdam registrierte Schiff der Dresdner Hilfsorganisation "Mission Lifeline" unter niederländischer Flagge fahren darf. Beweise haben sie bislang nicht vorgebracht. Zum Gerichtstermin nach Valletta ließ man Reisch trotzdem zwei Mal anreisen. Eine Entscheidung könnte nun am 11. September fallen. Aber auch das sei nicht sicher, sagt der Kapitän. "Es geht letztlich darum, an fadenscheinig herbeigezogenen Gründen unsere Ausfahrt aus dem Hafen zu verhindern", vermutet er.

Unzählige Male hätte er die Papiere gezeigt, nie hätte es ein Problem gegeben. Erst Ende Juni. Nachdem die Lifeline mit 234 geretteten Migranten an Bord fünf Tage lang auf See ausharren musste, weil Malta und Italien die Menschen nicht aufnehmen wollten. Als neun EU-Staaten die Aufnahme zugesagt hatten, durfte die "Lifeline" in Malta anlegen. Deutschland war übrigens nicht darunter.

Malta: Helfer der "Lifeline" zwischen allen Fronten
Europamagazin, 02.09.2018, Katrin Matthaei

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Libyen ist kein sicherer Ort

Und da sitzen Boot und Crew nun fest: 2000 Kilometer von Reisch entfernt, in der prallen Mittagssonne, vor sich eine Postkartenaussicht auf die Altstadt von Valletta. "Es ist eine absolute Schande, dass wir hier unter fadenscheinigsten Gründen festgehalten werden”, sagt Maschinist Richard Brenner. "Die Seenotrettung wird an die libysche Küstenwache übergeben, die weder ausgestattet noch fähig ist, adäquat zu retten."

Der Leipziger hat miterlebt, wie kurz nach der Bergung der 234 Migranten die libysche Küstenwache in einem gefährlichen Andockmanöver auf die "Lifeline" drängte, um die Menschen wieder mitzunehmen. Kapitän Reisch weigerte sich damals. "Die Genfer Flüchtlingskonvention und das internationale Seefahrtsrecht verlangen von mir, die Menschen in einen sicheren Hafen zu bringen. Tripolis in Libyen ist das garantiert nicht", erklärt er.

Welche Qualen Migranten in Libyen zum Teil durchleben, hat die Crew anhand der Folterspuren gesehen. "Einem unserer Gäste hatten die libyschen Schlepper mit der Eisenstange eine Rippe gebrochen, darunter hatte sich ein halber Liter Wasser gesammelt, er hatte höllische Schmerzen", erzählt Brenner. Ein anderer hatte einen Leistenbruch und einen eingeklemmten Darm. Die Schlepper hätten ihn vor laufendem Telefon geschlagen, um von seiner Familie das Geld für die Überfahrt zu erpressen, erzählte er der "Lifeline"-Crew. Dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) berichteten Gerettete des italienischen Schiffs "Diciotti" nun von ähnlich qualvollen Erfahrungen, etwa einem unterirdischen Folter-und Vergewaltigungslager.

Bei einer Protest-Aktion auf Malta steht der Kapitän des Schiffes "Lifeline", Claus-Peter Reisch, während einer nachgestellten Beerdigung hinter einem Sarg. | Bildquelle: dpa
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Bei einer Protest-Aktion auf Malta steht der Kapitän des Schiffes "Lifeline", Reisch, während einer nachgestellten Beerdigung hinter einem Sarg. (Foto: August 2018)

Ist die Pflicht zur Seenotrettung verhandelbar?

Ruhig liegt die "Lifeline" im Wasser. Brenner und seine Kollegen prüfen Anker und Maschinen. Alles muss startklar sein, sobald die Sache mit den Papieren geklärt ist. In der Bucht gegenüber liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff, daneben ein paar Yachten. Nicht-EU-Bürger können sich in Malta für mehrere 100.000 Euro die Staatsbürgerschaft kaufen.

Aber sind Seenotretter wie die "Lifeline" nicht auch Teil des Problems? Machen sie den Menschen nicht erst Hoffnung, auf ihrer gefährlichen Überfahrt gerettet und nach Europa gebracht zu werden? Reisch in Landsberg und seine Crew in Malta antworten das Gleiche: Solange die Fluchtursachen nicht bekämpft würden, machten sich die Menschen auf den Weg. Hätten sie die Wüste überlebt, würden sie alles auf eine Karte setzen.

Kapitän Reisch stellt zum Abschied eine ganz grundsätzliche Frage: "Ich bin am Ammersee auch schon gesegelt. Da ist man noch nicht ganz gekentert, da ist die Wasserwacht schon da. Aber nur weil diese Leute die falsche Hautfarbe haben oder vom falschen Kontinent kommen, schicke ich jetzt keine Wasserwacht mehr?"

Das ist eine Frage, die die EU nun ehrlich für sich beantworten muss.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 02. September 2018 um 12:45 Uhr im Ersten.

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