Ein junger Mann steht in Tripolis neben mehreren ausgebrannten Autowracks. | Bildquelle: STRINGER/EPA-EFE/REX

Kampf um Tripolis "Die Panik erfasst alle"

Stand: 18.04.2019 04:12 Uhr

Die Bewohner der libyschen Hauptstadt Tripolis leiden seit zwei Wochen unter den anhaltenden Gefechten. Der UN-Sicherheitsrat kommt unter deutschem Vorsitz zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Fast 200 Tote innerhalb von zwei Wochen, mehr als 800 Verletzte: In der libyschen Hauptstadt Tripolis kommt es täglich zu Gefechten.

Auf der einen Seite Milizen, die zu General Chalifa Haftar stehen. Erst hatte Haftar nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 nach und nach seine Gegner in Ost- und in Südlibyen besiegt.

Jetzt sagte er den Truppen den Kampf an, die auf der anderen Seite stehen und in Westlibyen das Sagen haben. Sie unterstützen teilweise Fayez al-Sarraj. Der von der internationalen Gemeinschaft anerkannte Regierungschef Libyens hat seinen Sitz in Tripolis. Haftar will ihn stürzen und so die Macht im ganzen Land übernehmen.

"Nur Horror"

Mehr als 18.000 Menschen sind bereits vor den Kämpfen geflohen. Auch Nadjia Sogousy, Hausfrau und Mutter von vier Töchtern. Die Frau mit dem freundlichen runden Gesicht hat mit einem libyschen Mitarbeiter des ARD-Studios Kairo in Tripolis gesprochen:

"Ich bin eine Vertriebene. Geschosssplitter haben mein Haus getroffen. Danach bin ich geflohen. Jetzt wohne ich bei Verwandten. Das libysche Volk lebt in Angst und Schrecken, nur Horror."

Im Horror: Solidarität. Der junge Geschäftsmann Marwan Fawzi und ein paar seiner Freunde helfen Menschen wie Nadjia, wann immer es geht.

"Wir erhalten Hilferufe von Familien, die durch die Kämpfe vom Rest der Welt abgeschnitten sind. In den meisten Fällen können wir nicht zu ihnen gelangen. Wir können nur versuchen, sie zu beruhigen, und wir empfehlen ihnen, in Deckung zu gehen, Abstand von Fenstern und Türen zu halten. Manchmal riskieren wir es, abgeschnittene Familien aus umkämpften Gebieten herauszuholen."

Zivilisten - "in jedem Krieg die Verlierer"

Innerhalb und außerhalb von Tripolis sei die Lage tragisch, berichtet Fawzi. Familien wohnten teils zwischen den Fronten. "Panik greift um sich. Sie erfasst alle." Die Gewalt habe besonders für die Zivilisten schreckliche Folgen, betont Fawzi: "Sie sind in jedem Krieg Verlierer."

2011 stürzten die Libyer Gaddafi. Seither herrscht Chaos. Die 54-jährige Sogousy sieht als Opfer vor allem die Jugend. Sie verrohe angesichts der Gewalt. Viele junge Männer griffen selbst zur Waffe:

"Es ist eine Tragödie, die Jugend zu verlieren. Aber Gott wird hoffentlich dem Blutvergießen ein Ende bereiten, die Probleme mildern und die Menschen zusammenbringen."

Demos gegen den Krieg auf umkämpften Straßen

Danach sieht es bisher nicht aus. Bisher vergießen die Milizionäre täglich aufs Neue Blut. Sogousy kritisiert:

"Ja, es herrscht Bürgerkrieg. Und keine Partei kämpft für die Interessen der Libyer. Wenn sie am Ende die Ämter verteilen, sorgt sich jeder nur um sich und will sein Interesse und die Interessen seiner Angehörigen durchsetzen."

Aber fast täglich gehen jetzt auch in Tripolis Menschen auf die Straße, um gegen diesen Bürgerkrieg zu demonstrieren - und gegen Außenmächte, die sich in Libyen einmischen.

Libyens Hauptstadt Tripolis versinkt im Chaos
Björn Blaschke, ARD Kairo
17.04.2019 21:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 18. April 2019 die tagesschau um 04:57 Uhr und Deutschlandfunk um 05:20 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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