Flüchtlinge in Libyen | Bildquelle: REUTERS

Flüchtlinge in Libyen Rettung, die sich nicht so anfühlt

Stand: 26.06.2018 09:37 Uhr

Die libysche Küstenwache hat offenbar ihre Kontrollen verstärkt - immer mehr Bootsflüchtlinge werden in Lager zurückgebracht. Einige Migranten sagen, die Mittelmeer-Route sei blockiert.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Hunderte Flüchtlinge sitzen in Tripolis im Hafen einer Marinebasis auf dem Beton und warten, Männer, Frauen und Kinder. Die meisten wirken erschöpft, manche sind in Rettungsdecken gehüllt. Ein Schiff der libyschen Küstenwache hat sie im Mittelmeer geborgen. "Als wir in See stachen, war noch alles okay", erzählt Chris Kalu aus Nigeria. "Aber nachdem wir das offene Meer erreichten, sahen wir, dass unser Boot ein Leck hat, und das Drama begann. Die Leute fingen an zu drängeln und zu schreien."

"Die Route ist blockiert"

Sie wurden von der libyschen Küstenwache gerettet. Diese hat jüngst offenbar mit verstärkten Kontrollen begonnen und bringt die Menschen zurück ans Festland. Allein in den vergangenen anderthalb Wochen sollen es über 2000 gewesen sein. Unter ihnen Samuel Bitee. Vier Stunden lang sei sein Boot einem italienischen Rettungsschiff hinterhergefahren, das sich weigerte, die Flüchtlinge an Bord zu nehmen: "Nachdem uns der Treibstoff ausging, kam die libysche Küstenwache. Sie hat uns im Grunde gerettet." Aber eigentlich wollte der Mann aus Kamerun nur weg aus Libyen. Die anderen Migranten, sagt er, sollten diese Route besser meiden. Sie sei inzwischen blockiert.

Flüchtlinge in Libyen | Bildquelle: AFP
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Aus dem Mittelmeer gerettete Migranten in Libyen.

Flüchtlinge in Libyen | Bildquelle: AFP
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In den Internierungslagern herrschen schlimme Bedingungen.

Welche Hölle Flüchtlinge in Libyen erleben, schildert William Spindler vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen anhand eines Vorfalls, der sich vor einem Monat rund 180 Kilometer südlich der Hauptstadt ereignete. "Menschenhändler erschossen mehr als ein Dutzend Flüchtlinge, als rund 200 Migranten aus Eritrea, Äthiopien und Somalia versuchten zu fliehen", berichtet Spindler. Überlebende hätten berichtet, dass sie von den Menschenhändlern gefoltert und missbraucht worden seien - "manche über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren."

Bedingungen in den Lagern "inhuman"

Mit Schlauch- oder Holzbooten versuchen die Migranten, nach Europa zu gelangen. Es sind Boote, die niemand besteigt, der nicht verzweifelt nach einem Ausweg sucht - aus der Misere in seinem Heimatland, aber auch aus der Migrantenhölle Libyen.

Wer von der Küstenwache schließlich wieder an Land geschafft wird, landet in einem Internierungslager. Menschenrechtler beschreiben die Bedingungen dort immer wieder als inhuman. Seit November 2017 wurden aus diesen Lagern 15.000 Migranten zurück in ihre Herkunftsländer gebracht. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen bezweifelt, dass dies immer freiwillig geschah.

Flüchtlinge in einem Internierungslager in der Nähe von Tripolis | Bildquelle: AFP
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Flüchtlingslager im libyschen Zawiyah: Die UN warnen vor Menschenhandel und Folter.

"Beamte sind gleichzeitig Schleuser"

Auch gebe es offenbar eine Grauzone, in der libysche Behördenvertreter und kriminelle Netzwerke gemeinsam operieren. Abdelmoneim al-Hurr vom Büro der Arabischen Organisation für Menschenrechte in Tripolis bestätigt dies: "Etliche Beamte in den Lagern haben absolut keine Ahnung von den Rechten, die Flüchtlinge haben. Außerdem sind die meisten dieser Beamten gleichzeitig selber auch Menschenhändler und Schmuggler. Das können wir belegen."

Migranten in Libyen: Tod durch Ertrinken oder zurück in die Hölle
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
26.06.2018 09:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. Juni 2018 um 10:50 Uhr.

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