Zerstörter Geldautomat und zerschlagene Fenster einer Bankfiliale in Beirut | Bildquelle: AFP

Überschuldeter Libanon "Die Diebe kommen ungestraft davon"

Stand: 09.03.2020 01:09 Uhr

Erstmals in seiner Geschichte zahlt der Libanon einen Milliardenkredit nicht zurück. Damit verschärft sich die Krise im Land und die Wut der Bevölkerung wächst. Schon 40 Prozent leben unter der Armutsgrenze.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Mehr als 40 Jahre blühte sein Geschäft. Maurice Geagea verkauft Sandwiches. Liebevoll zubereitet mit Ei, Schinken, Käse. Bis zu 400 waren es jeden Tag. Seine Kunden waren Arbeiter und Angestellte aus den umliegenden Firmen in einem Industrieviertel von Beirut.

Heute muss der 65-Jährige von seinem Ersparten leben. Gerade einmal vier Sandwiches verkauft er noch pro Tag. Bald muss er seinen Laden dicht machen - so wie viele in der Umgebung. "Wir sind in diesem Industrieviertel schon seit 1979", erzählt er. "Selbst im Bürgerkrieg war die Situation nicht so schlecht wie jetzt. Fast alle Fabriken schließen. Und die, die noch arbeiten, bekommen nur noch die Hälfte ihres Gehalts."

40 Prozent unter der Armutsgrenze

Der Libanon erlebt die schwerste Krise in seiner Geschichte. Gut jede zehnte Firma musste schließen. Ebenso wie Hunderte Restaurants, Bars, Cafes. 220.000 Angestellte wurden seit November schon entlassen. Fast 40 Prozent der Bevölkerung leben mittlerweile unter der Armutsgrenze.

Viele können sich die Miete nicht mehr leisten. Die Zahl der Obdachlosen steigt. Youssef Bitar ist einer von ihnen. Der 59-Jährige lebt unter eine Brücke, schläft in einem engen Zelt, verkauft gebrauchte Kleidung. Kunden aber bleiben aus. "Ich kann mir nicht einmal mehr Brot leisten, habe nichts zu essen", sagt er.

Viele Jahre hat der Libanon über seine Verhältnisse gelebt. Kaum ein anderes Land ist so hoch verschuldet. Viele Banken stehen vor dem Kollaps. Die Währung ist im freien Fall. Die Devisen werden knapp. Nur noch etwa 100 Dollar können Kunden jede Woche abheben. Millionen kommen nicht mehr an ihr Erspartes ran. Das hat bei vielen Menschen Panik ausgelöst.

Flüchtlinge trifft es besonders hart

Rabih Imad hat das zu spüren bekommen. 30 Jahre hat er in seiner Schreinerei Stühle, Tische, Schränke montiert, etwa 25 Handwerker beschäftigt. Die meisten mussten schon gehen. Seit etwa sieben Monaten brechen ihm die Aufträge in Beirut weg. Jetzt macht er die Firma dicht. "Wir haben keine Aufträge mehr bekommen. Wir haben auch kein Geld mehr von den Kunden bekommen. Es war eine echt schwierige Situation, und es wird immer noch schwieriger."

Die Schwächsten trifft es am härtesten. Khaled Qassem Elwan floh aus Syrien in den Libanon, schlug sich mit Hilfsarbeiten in der Schreinerei über die Runden. Jetzt steht er vor dem Nichts. So wie Hunderttausende andere Flüchtlinge aus Syrien, die in dem einst so wohlhabenden Land Zuflucht suchten. "Ich habe kein Geld mehr, um auch nur das Allernötigste zu kaufen. Der Vermieter will die Miete. Ich muss Strom und Lebensmittel bezahlen. Ich weiß nicht, wohin."

Der Ministerpräsident des Libanon, Nasser Diab (Archiv) | Bildquelle: AFP
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Am Wochenende hatte der libanesische Ministerpräsident Diab angekündigt, dass sein Land erstmals einen Milliardenkredit nicht zurückzahlen werde.

"Riesenschlag gegen Libanons Glaubwürdigkeit"

In einer Fernsehansprache kündigte Ministerpräsident Diab am Wochenende an, einen fälligen Milliardenkredit heute nicht zurückzuzahlen - erstmals in der Geschichte des Landes. Eine folgenschwere Entscheidung, wie der Finanzexperte Sami Nader glaubt: "Es ist ein Zahlungsaufall. Ein Riesenschlag gegen Libanons Ruf und seine Glaubwürdigkeit."

Er rechnet mit einem weiteren Verfall des libanesischen Pfunds und einer Verschärfung der Krise. Grundlegende strukturelle Reformen seine nötig, gerade im öffentlichen Sektor, der Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Doch nichts davon ist bislang in Sicht, wie Nader beklagt.

Keine Hoffnung mehr auf eine Revolution

"Die Menschen müssen die Last tragen. Die Elite, die Regierung, die Abgeordneten haben das ganze Geld gestohlen und das Volk muss es jetzt zurückzahlen", meint Ahmed Salih. Er geht seit Oktober auf die Straße gegen die Eliten seines Landes und für einen Neuanfang. So wie einst Hunderttausende auch. Nichts davon sei bislang aber erreicht worden. "Die Diebe kommen ungestraft davon," sagt er bitter. Die Hoffnung auf eine Revolution hat er mittlerweile aufgegeben.

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