Blick auf zerstörte Häuser und die zerstörte Hafenanlage in Beirut | AFP

Unglück im Libanon Gab es Warnungen vor der Explosion?

Stand: 11.08.2020 11:32 Uhr

Medienberichte zufolge haben Sicherheitsexperten die libanesische Regierung bereits im Juli vor einer Explosion im Hafen gewarnt - und dabei explizit das Ammoniumnitrat erwähnt, das wohl zu der verheerenden Detonation führte.

Sicherheitsexperten haben die libanesische Regierung nach Reuters-Informationen im Juli vor den verheerenden Folgen einer Explosion im Hafen von Beirut gewarnt. Dabei seien explizit die 2750 Tonnen Ammoniumnitrat erwähnt worden, die vergangene Woche wohl zu der gewaltigen Explosion führten, die große Teile der Stadt zerstörten. Nach neuesten Berichten starben dabei 165 Menschen. Es gab 6000 Verletzte. Die Suche nach Opfern in den Trümmern geht weiter.

Die Chemikalien hatten der Regierung zufolge sechs Jahre lang ungesichert im Hafen gelagert. Die Warnung der Sicherheitsexperten sei an den Ministerpräsidenten Hassan Diab und den Präsidenten Michel Aoun gegangen, sagten mit entsprechenden Berichten vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

"Ich habe sie gewarnt"

Ein Informant sagte demnach, in den Berichten sei der Schluss gezogen worden, dass die Chemikalien umgehend abgesichert werden müssten. "Es gab die Gefahr, dass das Material, sofern es gestohlen worden wäre, für Terroranschläge genutzt werden könnte", so die Person, die an der Formulierung des Berichts beteiligt war und nicht namentlich genannt werden will. "Ich habe sie gewarnt, dass dies Beirut zerstören kann, wenn es explodiert."

Die Büros des Ministerpräsidenten und des Präsidenten ließen Anfragen zu dem Brief unbeantwortet. Auch die Staatsanwaltschaft wollte sich nicht äußern.

Schwierige Regierungsbildung

Gleichzeitig beginnt nun eine komplizierte Regierungsbildung. Nachdem Diab und sein Kabinett am Montag ihren Rücktritt erklärt hatten, steht der Libanon vor einer ungewissen politischen Zukunft. Die großen politischen Blöcke müssen sich nun auf einen Nachfolger einigen. Wegen der schweren Wirtschaftskrise, der Corona-Pandemie und den Folgen der Detonation ist der Druck groß, schnell eine Einigung zu finden.

Doch wegen der vielen unterschiedlichen Interessen und Bevölkerungsgruppen haben Regierungsbildungen im Libanon in der Vergangenheit meist lange gedauert. Die Macht in dem kleinen Land am Mittelmeer ist nach einem Proporzsystem unter den Konfessionen aufgeteilt: Der Premier muss immer ein Sunnit sein, der Staatschef ein Christ und der Parlamentspräsident ein Schiit.

Machtfaktor Hisbollah

Eine zentrale Rolle wird die Iran-treue schiitische Hisbollah gehören, die zu den einflussreichsten politischen Kräften des Landes gehört. Gegen die radikal-islamische Miliz kann kaum eine Regierung gebildet werden. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass auch eine vorgezogene Neuwahl des Parlaments die Lage nicht beruhigen kann. Die Demonstranten verlangen weitgehende politische Reformen.

Entsprechende Forderungen sind auch aus dem Ausland zu hören. So will der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Libanon mit einem Rettungspaket helfen, verlangt dafür aber eine politische Einigung auf umfassende Reformen. UN-Generalsekretär António Guterres mahnte ebenfalls politische Veränderungen an.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. August 2020 um 22:30 Uhr.