Migrantinnen im Libanon |
Reportage

Corona-Krise im Libanon Geplatzte Träume

Stand: 31.05.2020 16:06 Uhr

Ein Job in einer Metropole des Nahen Ostens, Geld für ihre Familien zu Hause - Hunderttausende Gastarbeiter träumten im Libanon von einem besseren Leben. Die Corona-Krise hat ihre Hoffnungen zerstört.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Sie träumten von einem guten Leben in einer glitzernden Metropole, einem Job, Geld, das sie ihren Familien zu Hause in Äthiopien schicken können. 19 und 25 Jahre waren Janine und Miron alt, als sie aus Addis Abeba nach Beirut aufbrachen.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Heute, vier Jahre später, sind sie bitter enttäuscht. Erst verloren sie ihren Job, mussten wegen der Ausgangssperre über Wochen in einem kleinen Zimmer ausharren. Nun ist ihr Erspartes aufgebraucht, die Miete haben sie schon seit zwei Monaten nicht mehr bezahlt. Bald stehen sie auf der Straße. "Die Situation ist echt schlecht", sagt Miron Zakareya. "Nicht nur für mich. Für alle Ausländer hier. Wir haben fast kein Geld mehr, können unsere Familien nicht mehr unterstützen."

Miron Zakareya |

"Die Situaion ist schlecht", sagt Miron Zakareya.

Den Libanon trifft die Krise doppelt hart

250.000 Gastarbeiter aus Äthiopien, den Philippinen, Bangladesch und anderen Ländern sind im Libanon offiziell registriert. Tausende arbeiten illegal. Ausländer leiden am schlimmsten unter der Krise. Das zerbrechliche Land am Mittelmeer hat es gleich doppelt hart erwischt. Der Staat ist so gut wie pleite, kann die immensen Schulden nicht mehr bedienen, die Banken stehen vor dem Kollaps, die Währung ist auf Talfahrt, die Inflation galoppiert.

Hunderttausende haben ihren Job verloren. Gastarbeiter trifft es als erste. Im Libanon sind sie Menschen zweiter Klasse. Sie arbeiten als Müllmänner, Haushaltshilfen, Putzfrauen. Viele müssen ihre Pässe abgeben, sind ihren Arbeitgebern schutzlos ausgeliefert, arbeiten oft bis zur Erschöpfung, erleben immer wieder Gewalt und Missbrauch.

Mit der Krise hat sich die Situation dramatisch zugespitzt. Vielen wurde das ohnhin schon spärliche Gehalt um die Hälfte gekürzt, andere wurden über Monate gar nicht mehr bezahlt oder einfach auf die Straße gesetzt.

"Gastarbeiter werden allein gelassen"

Diala Haider von Amnesty International schlägt Alarm. "Die Situation ist furchtbar. Die Arbeiter haben Angst, sind erschöpft, fühlen sich allein gelassen von ihren Arbeitgebern und auch von der Regierung des Libanon." Haidar fordert, dass Arbeitgeber, die ihren ausländischen Angestellten die Löhne wahllos kürzen, zur Rechenschaft gezogen werden. Die Regierung müsse ein soziales Netz für die Betroffenen spannen, damit sie überleben können, Rückflüge für sie organisieren.

Doch damit dringt die Organisation derzeit kaum durch. Die Libanesen haben andere Sorgen.

"Wir müssen überleben"

Janine und Miron haben über Jahre in einem schlichten Restaurant in Beirut geputzt. Ein Knochenjob für umgerechnet 400 Euro monatlich. Mit der Krise wurde das Gehalt zuletzt auf nur noch 90 Euro zusammengekürzt. Schließlich machte die Gaststätte dicht, so wie viele andere auch. Seither sind die beiden arbeits- und mittellos. Janine meint resigniert: "Wir schlagen uns irgendwie durchs Leben. Wir müssen überleben, bis wir zurück in unsere Heimat reisen können."

Gastarbeiterinnen im Libanon |

Wir müssen überleben, bis wir zurück in unsere Heimat reisen können": Gastarbeiter im Libanon

Geplatzte Träume

Doch es gibt nur wenige Rückflüge. Und ein Ticket nach Addis Abeba ist mit etwa 600 Euro unerschwinglich für die sie. Bei der äthiopischen Botschaft haben sie sich auf einer Warteliste eintragen lassen. Doch die ist lang. Ab und an erhalten sie dort immerhin ein Nahrungsmittelpaket. Auch deshalb sind die Schlangen vor dem Gebäude oft so lang. Lebensmittel im Supermarkt können sich nur noch die wenigsten leisten. An Geld für die Lieben in der fernen Heimat gar nicht erst zu denken. "Meine Familie hat nichts mehr zu essen", erzählt Miron. "Sie leiden sehr. Mein Sohn geht nicht mehr zu Schule, weil ich dafür kein Geld mehr habe." Ihr Traum ist geplatzt. Jetzt geht es für sie selbst ums Überleben. Und da sind sie nun ganz auf sich allein gestellt.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 01. Juni 2020 um 23:15 Uhr.