Zwei Männer verlassen ein zerstörtes Haus | Bildquelle: Daniel Hechler

Flüchtlinge im Libanon Zum zweiten Mal vertrieben

Stand: 11.07.2019 13:07 Uhr

Syrische Flüchtlinge werden in libanesischen Camps erneut obdachlos. Die Regierung hält die Unterkünfte aus Stein für illegal und ordnete den Abriss an. Kritiker sehen darin eine Schikane, um die Menschen loszuwerden.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Mit aller Kraft hämmern Khaled Mutawa und seine Freunde auf das Dach ein oder das, was davon übrig ist. Knochenarbeit bei sengender Hitze. Der 60-jährige Großvater macht immer wieder Pausen. Er hat Asthma. Einst wohnte hier sein Nachbar.

In ein paar Tagen soll von der Hütte nichts mehr übrig sein. Dann ist seine dran. "Ich bin sehr aufgebracht, sehr verärgert", sagt er. Seit 2013 lebe er hier in der Grenzstadt Arsal - etwa 124 Kilometer nordöstlich von Beirut. "Innerhalb von zwei Wochen entscheiden sie, dass alles abgerissen werden muss. Es ist sehr schwer für uns", sagt Mutawa.

Syrische Flüchtlinge im Libanon dürfen nicht mehr in festen Gebäuden leben
tagesschau 17:00 Uhr, 11.07.2019, Daniel Hechler, ARD Kairo

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Flucht vor den Bomben in Syrien

Mutawa floh mit seiner Frau und drei Kindern aus der Provinz Homs vor den Bomben im syrischen Bürgerkrieg. Im Libanon fanden sie Zuflucht, zogen in eine Hütte aus Stein. Eine Hilfsorganisation hatte sie für die Flüchtlinge gebaut. Es ist nicht mehr als ein karger Raum, eine Küche, eine Toilette, ein Fernseher. Doch sie waren dankbar für ihre vier Wände. Hauptsache, ein Dach über dem Kopf.

Drei Männer reißen ein Haus in einem Flüchtlingscamp im Libanon ab. | Bildquelle: Daniel Hechler
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Mit aller Kraft hämmern Khaled Mutawa und seine Freunde auf das Dach ein. Sie müssen das illegal errichtete Haus im Flüchtlingscamp im Libanon abreißen.

Armee droht mit Bulldozern

Mutawas Frau Ina’am El Dayekh war fassungslos, als sie von der Abrissanordnung hörte: "Wir sind so niedergeschlagen, dass sie uns rauswerfen wollen. Wir waren sicher hier." Der Abriss treffe die Familie so hart "wie damals, als wir unsere Heimat verlassen mussten", sagt sie.

Von den 113 Unterkünften in dem Flüchtlingscamp soll bald keine mehr stehen. So hat es Libanons Regierung beschlossen. Die Steinbauten für Flüchtlinge seien illegal gebaut worden. Jetzt sollen sie so schnell wie möglich weg. Ansonsten würden Bulldozer der Armee anrücken. "Jeden Morgen kommen Soldaten und fordern uns auf, uns zu beeilen", erzählt Mutawa.

Blick auf zerstörte Häuser in einem libanesischen Flüchtlingscamp. | Bildquelle: Daniel Hechler
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Die Regierung im Libanon hat angeordnet, dass illegal errichtete Flüchtlingsunterkünfte abgerissen werden müssen.

Ein Mann arbeitet an einem zerstörten Haus. | Bildquelle: Daniel Hechler
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Der Abriss der Unterkunft ist Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Flüchtlinge sollen keine Wurzeln schlagen

Viele Flüchtlinge leiden unter Depressionen, sind krank. Einige haben keine Beine mehr. Offiziell geht es bei der Anordnung nur um die Durchsetzung geltenden Rechts. Die Frage ist nur, warum jetzt und warum so rigoros. Bürgermeister Bassil al Hudschairi wundert sich: "Als die Gebäude auf dem Camp 2012 und 2013 errichtet wurden, ist niemand vom Staat, der Stadtverwaltung, der Polizei oder Armee dagegen eingeschritten."

Tatsächlich geht es wohl um eine simple Botschaft: Syrische Flüchtlinge sollen sich im Libanon nicht wie zu Hause fühlen, keine Wurzeln schlagen. Viele Libanesen würden sie lieber heute als morgen loswerden. Schätzungsweise 1,7 Millionen Syrer sind wegen des Kriegs ins Nachbarland geflohen.

Eine syrische Flüchtlingsfamilie sitzt in ihrer Unterkunft beim Essen zusammen. | Bildquelle: Daniel Hechler
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Khaled Mutawa floh mit seiner Frau und drei Kindern aus der Provinz Homs vor den Bomben im syrischen Bürgerkrieg.

Massiver Zustrom in den Libanon

Das instabile Land am Mittelmeer hat selbst nur vier Millionen Einwohner. Der massive Zustrom hat es an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Nachdem in weiten Teilen Syriens kein Krieg mehr herrscht, ist die Zeit für die Flüchtlinge gekommen, zurückzukehren, wie viele glauben.

Gouverneur Bashir Khoder allerdings formuliert das ein wenig anders: "Wenn wir uns wirklich um sie kümmern wollen, müssen wir ihnen helfen, ihre kulturelle Identität zu bewahren, damit sie wieder in ihrer Heimat leben können." Dass Syriens Präsident Assad Oppositionelle gnadenlos verfolgen lässt und Wohngegenden vielerorts zerstört sind, gerät zur Nebensache.

Blick über Häuser in der Grenzstadt Arsal im Libanon. | Bildquelle: Daniel Hechler
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Die beschauliche Grenzstadt Arsal hat 120.000 Syrer aufgenommen.

Die Stimmung in Arsal ist gekippt

Arsal hat die Flüchtlingskrise besonders schwer getroffen. Die beschauliche Grenzstadt hat 120.000 Syrer aufgenommen. Dreimal mehr als sie Einwohner hat. Zunächst war die Solidarität groß. Irgendwann kippte die Stimmung. Die Strom- und Wasserversorgung steht vor dem Kollaps. Für 12.000 Kinder gibt es nur 3000 Plätze an staatlichen Schulen. "Die Müllentsorgung, Schulen, Kliniken haben schon vor dem Krieg nicht richtig funktioniert. Diese Probleme haben sich mit den Flüchtlingen massiv verschärft", erzählt Mohamed Ezz el-Den.

Viele haben mit der Flüchtlingskrise ihren Job verloren. "Die Syrer haben viele Geschäfte aufgemacht, die unsere in Schwierigkeiten gebracht haben. Ich habe meinen Job dadurch verloren", sagt Ahmed Alberedy. Bürgermeister al Hudschairi versteht die Sorgen, setzt die Anordnung auch um, hält sie aber für Schikane: "Das erhöht den Druck auf die Stadtverwaltung, die Flüchtlinge, die Hilfsorganisationen, aber es ändert überhaupt nichts am Problem."

Leben in Zelten bei extremer Hitze und Kälte

Die meisten der insgesamt 4500 illegalen Hütten im Libanon sind mittlerweile abgerissen. Allerdings ist niemand bislang nach Syrien zurückgekehrt. Das Leben wird für die Flüchtlinge nur noch ein Stück beschwerlicher. Erlaubt sind jetzt nur noch Zelte aus Planen, Plastik, Holz, auch wenn die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter darin kaum erträglich sind.

Fünf solcher Zelte hat eine Hilfsorganisation gegenüber bereits errichtet. Längst nicht genug für 500 Flüchtlinge. Strom und Wasser sind noch nicht angeschlossen. Viele leben vorübergehend im Freien, auch Kinder. Mutawa hat sein Schicksal akzeptiert, wenn auch schweren Herzens. Er weiß, dass er nicht mehr willkommen ist im Libanon. Zurück in seine Heimat aber will er erst, wenn er dort nicht um sein Leben fürchten muss.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Juli 2019 um 12:00 Uhr.

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