Blick auf zerstörte Häuser und die zerstörte Hafenanlage in Beirut | WAEL HAMZEH/EPA-EFE/Shutterstock

Katastrophe in Beirut Coronavirus breitet sich im Libanon stark aus

Stand: 11.08.2020 20:33 Uhr

Nach der Explosion in Beirut ist der Libanon in einer Ausnahmesituation: Noch immer suchen Retter nach Vermissten. Und auch wegen fehlender Masken ist die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten in dem Land zuletzt stark gestiegen.

Nach der verheerenden Explosionskatastrophe der vergangenen Woche breitet sich in der libanesischen Hauptstadt Beirut verstärkt das Coronavirus aus. Zuletzt habe es innerhalb von 24 Stunden fast 300 bestätigte neue Fälle von Covid-19 gegeben, sagte der Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tarik Jasarevic.

UNICEF-Sprecherin Marixie Mercado fügte hinzu, das Land habe mit seinen knapp sieben Millionen Einwohnern somit eine der höchsten Raten von Corona-Neuansteckungen in der WHO-Region Östliches Mittelmeer. In Beirut herrsche ein enormer Mangel an Gesichtsmasken zum Schutz vor Ansteckung.

Die verzweifelten Menschen in Beirut hätten nach der Explosion andere Prioritäten als den Schutz vor einer Infektion, hieß es. Zudem ist nach UN-Angaben das Gesundheitswesen in Beirut stark von der Explosion getroffen und kann nicht energisch auf die Pandemie reagieren.

Am Dienstagmorgen meldete die WHO mehr als 6500 bestätigte Covid-19-Fälle im Libanon, 76 Infizierte seien gestorben.

Hunderte bei Gedenken an Opfer

Unterdessen suchen Rettungskräfte noch immer nach Opfern der Explosionskatastrophe. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums werden nach wie vor 20 Menschen vermisst. Die Zahl der Toten stieg indes auf 171. Rund 6000 Menschen wurden verletzt.

"Wir suchen noch immer, aber wir verlieren die Hoffnung", sagte einer der Rettungshelfer. Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass sich die Vermissten in unmittelbarer Nähe der Lagerhalle aufhielten, wo es zu der gewaltigen Explosion gekommen war.

Genau eine Woche nach der Katastrophe gedachten die Bewohner Beiruts der Opfer. Zum Explosionszeitpunkt um 18.08 Uhr erklangen Glockengeläut und Gebetsrufe von den Moscheen. In der Nähe des völlig zerstörten Hafens versammelten sich Hunderte weiß gekleidete Menschen. Viele trugen Plakate mit den Namen ihrer bei dem Unglück getöteten Angehörigen und Freunde, viele weinten.

Menschen in Beirut gedenken der Opfer der Explosion | NABIL MOUNZER/EPA-EFE/Shuttersto

Hunderte Menschen kamen zu dem Gedenken am Ort der Explosionen. Bild: NABIL MOUNZER/EPA-EFE/Shuttersto

Suche nach neuer Regierung

Das Land befindet sich zudem in einer schweren inneren Krise. Präsident Michel Aoun muss nach dem Aus der Regierung mit den wichtigsten politischen Blöcken über einen Nachfolger verhandeln. Wegen starker Interessensgegensätze hat es im Libanon oft lange gedauert, politische Spitzenämter zu besetzen. Wegen der schweren Wirtschaftskrise, der Corona-Pandemie und den Folgen der Detonation ist der Druck jedoch groß, schnell eine Einigung zu finden.

Als Reaktion auf die Explosion und gewaltsame Proteste gegen die Regierung hatte Premier Hassan Diab am Montagabend den Rücktritt seines Kabinetts erklärt. Viele Libanesen geben seiner Regierung die Schuld an der Explosion. Diab erklärte, verantwortlich für die gewaltige Detonation sei die "chronische Korruption" im Libanon.

Als Nachfolger der zurückgetretenen Regierung stehen stehen jetzt libanesischen Medien zufolge unter anderem eine "Regierung der nationalen" Einheit und eine "neutrale Regierung" unabhängig von den Parteien zur Diskussion. Als Ministerpräsident wird unter anderem der Jurist und Diplomat Nawaf Salman gehandelt. Der 66-Jährige ist Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. August 2020 um 16:45 Uhr.