Mazen Marr von der  Beiruter Hilfsorganisation "Nation Station" blickt auf den Hafen in Beirut.

Libanon nach der Explosion Wenigstens die kleinen Probleme lösen

Stand: 04.08.2021 06:18 Uhr

Wo im Libanon der Staat beim Wiederaufbau versagt, versuchen junge Libanesen, selbst anzupacken. In den Trümmerlandschaften sind kleine Initiativen entstanden, die vielen Bedürftigen im Kampf um das Überleben helfen.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Mazen Murr wirbelt durch die Großküche, die einst eine Waschstraße war. Er probiert die Suppe, portioniert Nudelgerichte, schaut sich die Abrechnungen an. "Nation Station" ist so etwas wie sein Baby, auf das er mächtig stolz ist: eine junge, quirlige Hilfsorganisation, die Menschen aus der Nachbarschaft in Not unter die Arme greift.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Es sind etwa 35 junge Helferinnen und Helfer, die in dem christlich geprägten Viertel Ashrafieh eine Mission gefunden haben. In einer früheren Tankstelle verteilen sie dreimal pro Woche 150 warme Mahlzeiten. "Ich hätte mir nie vorstellen können, mich in der Sozialarbeit zu engagieren", sagt Mazen. "Aber wenn ich sehe, wie wir Menschen in Not helfen können, macht mich das glücklich und gibt mir die Kraft, weiter zu machen."

Nun feiert die Organisation Geburtstag. Vor fast einem Jahr entstand sie aus dem Nichts. Der 4. August 2020 war für Mazen eine tiefe Zäsur. Nach dem Studium in Rom war der Architekt mit seiner Freundin zurück in seine Heimat gekommen, richtete sich eine Altbauwohnung ein, wollte eine Familie gründen.

Mehr als 200 Tote

Der Tag der Katastrophe begann wie jeder andere. "Ich habe meine Nachbarn begrüßt, bin zur Arbeit gefahren, wollte am Abend zurückkommen", erinnert sich der 30-Jährige. Dann der Knall. "Und alles lag in Trümmern. Einige meiner Nachbarn kamen ums Leben."

Menschen stehen am Tresen der Beiruter Hilfsorganistion "Nation Station". | ARD

In einer ehemaligen Tankstelle haben Mazen und seine Mitstreiter eine Großküche eingerichtet. Bild: ARD

Mazen Marr von der Beiruter Hilfsorganisation "Nation Station" steht in der Essens-Küche. | ARD

Täglich bereiten Helferinnen und Helfer hier 150 Mahlzeiten zu. Bild: ARD

Es war eine der größten nicht-nuklearen Explosionen in der Geschichte der Menschheit. Es detonierten 2700 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut. Jahrelang hatte die Chemikalie ungesichert in einer maroden Lagerhalle gelegen. Ein Schwelbrand nach Schweißarbeiten führte offenbar zu der Katastrophe. Mehr als 200 Menschen wurden in den Tod gerissen, etwa 6500 verletzt, ganze Stadtviertel verwüstet, 300.000 Menschen blieben über Nacht ohne Obdach.

Als Mazen von seinem Büro nach Hause kam, ahnte er noch nicht, was ihn erwarten würde. Die Explosion hatte er aus sicherer Entfernung zwar gehört. Erst jetzt aber wurde ihm das Ausmaß der Zerstörung bewusst. Seine Wohnung ist ein Trümmerfeld - der Boden übersät mit Glas und Holzsplittern, kein Strom. "Ich habe die ganze Nacht geweint", erzählt er. Am nächsten Morgen entschloss er sich, neu anzufangen statt aufzugeben.

Eine der schwersten Wirtschaftskrise seit 150 Jahren

Er trommelte Nachbarn und Freunde zusammen, sie bereiteten Mahlzeiten zu, verteilten sie an einer früheren Tankstelle um die Ecke. Es war die Geburt von "Nation Station". Mit Spenden aus dem In- und Ausland zogen sie in der Waschanlage eine Großküche hoch, professionalisierten sich und halten mittlerweile hohe Hygienestandards ein.

Wer ihre Hilfe in Anspruch nimmt, muss auch Bedürftigkeit nachweisen. Meist sind es ältere Männer und Frauen, die ohne ihre Hilfe kaum mehr überleben könnten. "Das Leben im Libanon ist sehr hart geworden", sagt Samia Sleiman, die mittags in der Schlange vor der Tankstelle auf ihr Essen wartet. "Wir haben kein Geld, um Lebensmittel einzukaufen. Und so geht es sehr vielen im Land."

Tatsächlich befindet sich der Libanon im freien Fall. Laut Weltbank erlebt das Land eine der schwersten Wirtschaftskrisen der vergangenen 150 Jahre weltweit. Der Staat ist praktisch pleite, die Währung seit Anfang 2020 um 95 Prozent abgestürzt. Die Preise haben sich vervierfacht, Jobs sind Mangelware. Jeder zweite lebt mittlerweile unter der Armutsgrenze. Strom fließt nur noch stundenweise, auch Medikamente sind nur noch schwer zu bekommen.

Kleine Schritte

Deshalb bietet "Nation Station" auch mittellosen Kranken Hilfe an. Junge Ärzte wie Wael Yoemes beraten, untersuchen, geben kostenlos Medikamente ab. "Wir sehen einen Anstieg bei den Infektionen im Libanon", sagt der 26-Jährige. "Das Wasser ist verseucht, Cholera breitet sich aus. Lebensmittelvergiftungen nehmen rapide zu, weil die Waren wegen der Stromausfälle nicht mehr durchgängig gekühlt werden können."

Walid Eid hat mit der Krise seinen Job als Designer verloren. Einen neuen findet er nicht. Nun ist er mit seiner Frau und vier Kindern in ein Armenviertel umgezogen. Er erlitt einen Herzinfarkt, klagt über Lähmungen im Bein. "Ich bin nicht mehr krankenversichert", erzählt er. "Ich kann es mir mittlerweile nicht mehr leisten, mich in einer Klinik behandeln zu lassen." Ohne "Nation Station" stünde sein Leben auf dem Spiel.

Ein Mitarbeiter der Beiruter Hilfsorganisation "Nation Station" installiert eine Lampe. | ARD

Die kleinen Probleme lösen: Mazen und die anderen Helfer montieren Solarlampen, damit es in der Nachbarschaft nachts nicht stockdunkel ist. Bild: ARD

Mazen Murr weiß, dass er und seine Freunde die enormen Probleme des Libanon nicht lösen können. Bei den kleinen aber wollen sie anpacken. In ihrem Viertel montieren sie Solarlampen, damit es Nachts nicht stockdunkel ist, wenn mal wieder der Strom ausfällt. Mehrere ältere Menschen hätten sich bereits ein Bein gebrochen, weil sie in der Dunkelheit gestürzt seien. Es sind kleine Schritte für ein lebenswerteres Leben in einem krisengeschüttelten Land. "Ich konnte meinem Land nach der Explosion mehr geben, als ich dachte", sagt Mazen. "Ich habe die Hoffnung noch immer nicht ganz aufgegeben."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. August 2021 um 08:35 Uhr.