Gläubige sitzen mit Abstand voneinander auf Gebetsteppichen vor der al-Amin Moschee in Beirut (Libanon). | EPA

Ende des Ramadan im Libanon "Für uns wird es kein Zuckerfest"

Stand: 13.05.2021 11:09 Uhr

Mitten in der Corona-Pandemie feiern Muslime in aller Welt das Ende des Fastenmonats Ramadan. Im wirtschaftlich schwer angeschlagenen Libanon können arme Menschen aber nur vom "Zuckerfest" träumen.

Von Martin Durm, ARD-Studio Beirut

Drei Tage Freude und Nähe und Süßes in Hülle und Fülle - das hätten sie nötig in dieser Stadt, die in den vergangenen Monaten so viel durchmachen musste: Erst die Explosion unten am Hafen, die im August des vergangen Jahres halb Beirut verwüstet hat. Und nun der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems, der den Rest zu erledigen droht: die Währung, die Infrastruktur, die ohnehin fragile Gesellschaft.

Martin Durm

"Keine Süßigkeit, keine Kleider, keine Schokolade"

Das dreitägige Eid al Fitr, das Zuckerfest am Ende des Ramadan, feiern viele niedergeschlagen, verbittert: "Wie spüren ja nicht mal, dass Eid ist", sagt eine Frau auf der Hamra, der Einkaufsstraße im Westen Beiruts, wo die meisten Läden geschlossen sind. "Die wirtschaftliche und die politische Lage sind einfach katastrophal. Und dazu noch Corona. Wir können uns gar nichts leisten zum Fest, keine Süßigkeit, keine Kleider, keine Schokolade. So ist das hier."

Es ist - um die kollektive Gefühlslage zu verstehen - als fände in Deutschland zwar Weihnachten statt, aber ohne Geschenke und Festessen und Gebäck. Nicht die Dinge an sich werden vermisst, sondern das Gefühl, glücklich und miteinander verbunden zu sein an solchen Tagen. Stattdessen ist man gezwungen, über Dinge zu reden, die man doch eigentlich vergessen will bei so einem Fest: dass es kaum noch Benzin gibt, dass ständig der Strom ausfällt und dass das Geld kaum noch was etwas wert ist.

"Du weißt nicht, wie es weitergeht"

Der "Palast der Süßigkeiten" war früher eine Goldgrube für seinen Besitzer Mohammed, der das Geschäft in dritter Generation führt. Jetzt steht er deprimiert hinter Pyramiden aus Mandeln und Pistaziengebäck und rechnet vor: "Heute kriegst du 12.000 Pfund für den Dollar, morgen vielleicht 15.000, aber du weißt nicht, wie es weiter geht. Und du sagst dir nur: Gott sei Dank, dass ich wenigstens gesund bin."

Und Gott sei Dank kommen immer noch ein paar Kunden in Mohammeds Süßigkeiten-Palast. Wenn nicht, hätte er dicht machen müssen im Ramadan: "Es gibt hier den Schwarzmarkt. Und viele Libanesen haben Verwandte im Ausland. Die schicken ihnen jetzt frisches Geld, Devisen. Wenn du das auf dem Schwarzmarkt tauschst, kommst du irgendwie durch die Festtage. Aber keiner weiß, wie es danach weitergeht." 

Macht-Elite wird überleben

Die mächtigen libanesischen Clans, die jahrzehntelang die Politik und das Finanzwesen dominierten, haben den Kollaps durch chronische Korruption, Unfähigkeit und Vetternwirtschaft verursacht. Aber sie werden auch das überleben - wie 14 Jahre Bürgerkrieg, wie die monströse Explosion am Hafen, für die keiner die Verantwortung übernahm. Sie werden es überleben mitsamt ihren Villen in den Schuf-Bergen und ihren Yachten an der Mittelmeerküste; die Hariris und Berris, die Auons und Gemayels.

Seit Monaten kommt keine Regierung zustande. Aber die ewige libanesische Macht-Elite hat ihre Milliarden längst ins Ausland transferiert, während der Rest der Bevölkerung dabei zusehen musste, wie sich ihr Erspartes und ihre Gehälter angesichts des Währungszerfalls pulverisieren.

"Nur die, die Geld haben, die können feiern"

Vor dem Eingang des Palastes der Süßigkeiten steht ein alter Mann in einem abgetragenen, aber gebügelten Anzug. Er kenne den Laden, sagt er, früher habe er da zum Ramadan immer kiloweise Bachlava gekauft. Jetzt sei er nur mal vorbei gekommen, um zu sehen, was es so gibt: "Ich lebe bei meiner Tochter und ihrem Mann, wir werden uns nichts leisten können. Das wird kein frohes Fest. Nur die, die Geld haben, die können feiern."

 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Mai 2021 um 11:00 Uhr.