"Verschließt nicht eure Augen", steht auf einem Transparent, dass Unterstützer des getöteten Zak Kostopoulos zu einer Demonstration von einem Athener Gericht mitgebracht haben. | Bildquelle: AFP

Gewalt gegen LGBTQI "Was Zak darstellte, löste Reflexe aus"

Stand: 30.10.2020 04:50 Uhr

Ein griechischer Queer-Aktivist wird verprügelt - erst von Zivilisten, dann von der Polizei. Er stirbt. Nun kommt der Fall vor Gericht. Aufgearbeitet ist sein Tod damit nicht, sagen Aktivisten.

Von Ellen Trapp, ARD-Studio Rom

Die Gladstonos-Straße in Athen ist zwar nur wenige Meter vom Stadtzentrum entfernt, doch Touristen verirren sich nur selten hierher. Kleine Geschäfte, Cafés, aber stets ist die Hektik einer Großstadt zu spüren. Genau hier kam es vor zwei Jahren zu einer Gewalttat, die die griechische LGTBQ Community noch heute aufwühlt und nun vor Gericht landet.

Ende September 2018 wird Zak Kostopoulos - nach allem, was bekannt ist - in einem Schmuckladen im Stadtteil Omonia festgehalten. Nach Angaben der Athener Polizei soll er versucht haben, etwas zu klauen. Kostopoulos wird in dem Geschäft eingesperrt, während der Besitzer draußen auf der Straße steht.

Der 33-Jährige, der in Griechenland als queerer Aktivist für Aids-Prävention bekannt ist und als Drag-Queen "Zackie Oh" auftritt, bekommt offensichtlich Panik: Er versucht sich mithilfe eines Feuerlöschers aus dem Laden zu befreien. Doch die Glastür hält stand. Als es ihm gelingt, eine kleinere Schaufensterscheibe einzuschlagen, wird er auf der Straße vom Juwelier und einer anderen Person massiv angegriffen. Einer der Männer tritt ihm auf den Kopf. Dutzende Menschen bleiben stehen und schauen zu, wie Kostopoulos verprügelt wird. Augenzeugen-Videos zeigen später, mit welch roher Gewalt die Täter auf ihn einschlagen.

Menschen versammeln sich am Tatort in Athen. | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
galerie

Menschen versammeln sich am Tatort in Athen, einer belebten Einkaufsstraße.

"Gegafft wie Zuschauer in einer Arena"

In der Gladstonos Straße will kaum jemand darüber reden, was sich vor zwei Jahren hier abspielte. Giannis, der seinen Nachnamen nicht nennt, hat einen kleinen Laden gleich nebenan, er ist Augenzeuge der Tat. "Ich stand auf der Straße und sah, dass Zak im Schmuckladen stand und versuchte, die Tür aufzubrechen. Ich sagte dem Ladenbesitzer, der draußen stand, er möge die Tür öffnen, um ihn rauszulassen, sonst würde er sicherlich die Scheiben zerschlagen. Aber er hörte mir gar nicht zu", erinnert er sich.

"Ich ging weg und dann gab es diesen anderen Mann, der neben dem Besitzer stand... und als sich Zak seinen Weg freimachte durch ein kleines Schaufenster, traten sie auf ihn ein. Ich dachte mir: 'Was sind denn das für Arschlöcher?'"

Ein anderer Ladenbesitzer will seinen Namen nicht nennen. Er sagte, er könne immer noch nicht begreifen, was damals geschah. Sichtlich betroffen erinnert er sich: "Die ersten sechs Monate war ich völlig neben mir. Ich habe den Eindruck, der Großteil der Menschen hat nur gegafft, wie Zuschauer in einer Arena."

Nachdem die Männer in krankenhausreif getreten haben, kommen schnell neun Polizisten zum Tatort, um das zu tun, was die Gesellschaft im Land bis heute spaltet: Sie legten Kostopoulos in Handschellen und traten weiter auf ihn ein. Am Ende brachten sie ihn ins Krankenhaus. Doch Kostopoulos überlebte nicht.

Ein Aktivist steht vor einem Protesttransparent in Athen. | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
galerie

"Verschließt nicht die Augen", steht auf einem Transparent, dass Unterstützer des getöteten Zak Kostopulos am Tatort aufgestellt haben.

Der Vorfall zeige, "welche Doppelmoral wir leben", sagt ein Freund

Der Vorfall zeigt für viele: Sein Leben sei weniger wert gewesen als das eines heterosexuellen Menschen - darüber wurde in Griechenland heftig diskutiert. Die LGBTQI-Community des Landes weiß, dass sie von vielen nicht akzeptiert ist.

Rafael Bilidas war ein enger Freund von Zak. Er ist noch immer in tiefer Trauer und in Angst vor der entsetzlichen Polizeigewalt: "Wir sprechen nicht nur über den Vorfall des Mordes selbst, sondern auch darüber, wie Zaks Identität verwendet wurde, um die Bedeutung des Mordes zu verringern", sagt er.

"Was Zak darstellte, all diese Identitäten lösten in der griechischen Gesellschaft viele Reflexe aus, die diese tief verwurzelte Brutalität offenbaren - und welche Doppelmoral wir leben, welche Heuchler wir sind, wenn wir sagen, dass wir das menschliche Leben schätzen, aber dann eine Million Ausschlußfaktoren haben."

Der Wert des menschlichen Lebens gelte in der öffentlichen Wahrnehmung also nicht für alle Menschen gleich - etwa nicht für die, die als Drogenkonsumenten, HIV-positiv oder queer wahrgenommen würden, meint Bilidas.

Anklage wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge

Am 21. Oktober sollte ein Prozess in Athen beginnen, der nun auf den 6. November verschoben wurde: Sechs Zivilisten - darunter dem Juwelier und dem Mann, der zuerst auf Kostopoulos eintrat - und vier Polizisten wird schwere Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen.

Der Verein "Zackie Oh Justice Watch" beobachtete die Ermittlungen genau und will dies auch in Zukunft tun. Dass die Angeklagten erst nach der Veröffentlichung von Bildern festgenommen wurden, die die Tat zeigen, empört die Vereinsmitglieder: "Bis zu diesem Tag liefen sie frei herum, erklärten im Fernsehen, der Dieb habe sich selbst verletzt und sei dann gestorben", erklären sie in einer Stellungnahme gegenüber dem ARD-Studio Athen. "Das liegt eben daran, dass die Polizei den Vorfall nicht untersucht hat und dies auch nicht getan hätte, wenn es zu diesem Thema keine Videos und keinen Aufschrei in den sozialen Medien gegeben hätte. Sie glaubten, dass das Opfer eine marginalisierte Person war, die niemanden interessieren würde."

"Stärker als jeder, der denkt, Stärke habe mit Muskeln zu tun"

Kostopoulos sei ermordet worden - so sehen viele in Griechenland den Fall. Die Verteidiger der Polizisten weisen diese Vorwürfe zurück: Das, was passiert sei, als Mord zu bezeichnen, sei Verleumdung - und zwar mit rassistischen Motiven, so werden sie in griechischen Medien zitiert. Das einzige, was ihnen juristisch als Vergehen vorgeworfen würde, sei Körperverletzung mit Todesfolge.

Kostopoulos wurde viele Jahre ausgegrenzt, beschimpft und angegriffen - weil er war, wie er war. Brechen konnte ihn das lange nicht, vielmehr hatte er seinen eigenen Worten nach das Gefühl, daraus sogar noch Kraft zu ziehen. Rund ein Jahr vor seinem Tod schrieb er auf Facebook: "Die Tatsache, dass ich so viel Gewalt erfahren habe und sie mich nicht wie ein Monster erscheinen lässt, macht mich nicht zu einem Feigling oder hilflos. Es macht mich stärker als jeden, der denkt, Stärke habe etwas mit Muskeln zu tun. Weil ich glaube, dass die einzige Antwort auf Hass Liebe ist."

Korrespondentin

Darstellung: