Menschen halten im Dunklen eine Regenbogenfahne hoch. | Bildquelle: AFP

LGBT-Gemeinschaft in Ägypten Regenbogenfahne in Schwarz

Stand: 26.06.2020 04:03 Uhr

Bei einem Konzert in Kairo hielt die LGBT-Aktivistin Hegazy eine Regenbogenfahne hoch - und musste ins Gefängnis. Später beendete sie ihr Leben. Ihre Geschichte zeigt die systematische Ausgrenzung in Ägypten.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Der Abschiedsbrief, den Sarah Hegazy hinterlässt, als sie sich mit dreißig Jahren das Leben nimmt, ist voller Trauer und klingt doch irgendwie versöhnlich.

"An meine Geschwister - ich habe versucht, Erlösung zu finden und habe es nicht geschafft, vergebt mir. An meine Freunde - die Erfahrung war rau, und ich bin zu schwach, zu widerstehen, vergebt mir. An die Welt - Ihr wart grausam, weitgehend, aber ich vergebe."

Hamed Sinno, Sänger der bekannten libanesischen Indie-Band Mashrou Leila, ehrt Sarah Hegazy, indem er singt: "Ich möchte den Himmel nicht die Erde…" - ein Denkmal, das Sinno ihrer "Erfahrung" setzt. Eine "Erfahrung", die mit ihm und der Band Mashrou Leila verbunden ist.

Ein Moment der Freiheit

Im September vor drei Jahren besucht Sarah Hegazy in Kairo ein Mashrou Leila-Konzert. Frontman Hamed Sinno outete sich vor Jahren als schwul. Während des Konzerts schwenkt Sarah Hegazy eine Regenbogenfahne - ein Symbol der LGBT-Gemeinschaft. Hunderte andere Mashrou Leila-Fans jubeln. Später wird Sarah Hegazy mit der "Deutschen Welle" sprechen:

"Ich hatte es geplant und ich war glücklich. Es war einer der besten Momente meines Lebens, weil ich mich erklärt habe - in einer Gesellschaft, die alles, was anders ist, hasst und die die Welt nicht versteht."

Es ist ein kurzer Moment Freiheit, in der sie ihre sexuelle Orientierung zeigt.

"Wir sind stolz nach Hause gegangen und haben unsere Bilder im Internet hochgeladen. Wir haben uns diese Reaktion nicht vorstellen können."

Folterung von Schwulen und Lesben

Sicherheitskräfte nehmen Sarah Hegazy - und auch andere Konzertbesucher - fest. Der Vorwurf: Ausschweifung, Unanständigkeit und Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation. "Als sie mich holten, war es eine ganze Einheit. Eine Gruppe Offiziere mit Waffen kam", so Hegazy. Begleitet wird das Vorgehen der Sicherheitskräfte von staatstreuen Medien, die in der LGBT-Bewegung eine Gefahr für den "gesellschaftlichen Frieden" auszumachen meinen.

Homosexualität ist in Ägypten gesetzlich eigentlich nicht strafbar. Aber: Der Sicherheitsapparat klagt immer wieder Schwule und Lesben mit fadenscheinigen Anschuldigungen an. Und: Häufig untersuchen Ärzte die Beschuldigten dann daraufhin, ob sie womöglich gleichgeschlechtlichen Sex hatten. Laut Menschenrechtsorganisationen ist das eine Art der Folter. Andere Arten erlebt Sarah Hegazy - wie sie der "Deutschen Welle" sagen wird:

"Ich wurde gewalttätig behandelt; mit Stromschlägen. Ich wurde sexuell misshandelt von Frauen, denen gesagt wurde, dass sie das tun sollten."

Asyl in Kanada

Nach ihrer Freilassung beantragt die studierte Informatikerin Sarah Hegazy Asyl in Kanada und verlässt Ägypten. Darüber ist sie nicht glücklich.

"Ich bin eine sehr, sehr emotionale Person. Es gibt Erinnerungen, die ich nicht vergessen oder verdrängen kann. Meine Freunde und Mitstreiter sind mein Leben. Mein Erbe sind meine kleinen Geschwister und meine Freunde, und sie sind alle in Ägypten, weshalb ich Ägypten vermisse."

Sarah Hegazy deutet der Deutschen Welle an, unter Depressionen zu leiden.

"Es war eine grausame Erfahrung für mich - besonders weil meine Mutter krank war. Die Haft, das Exil und dann der Tod meiner Mutter. Ich bin durch Zeiten gegangen, von denen ich denke, dass ich sie nie erleben wollte. Und gleichzeitig - oder: wenn ich nicht von meinen Gefühlen übermannt werde - sage ich: Sicher! - Ich bin stolz darauf, wer ich bin."

Suizid ruft heftige Diskussion in sozialen Medien hervor

Am vergangenen 14. Juni nimmt sich Sarah Hegazy das Leben. In den traditionellen Medien Ägyptens, die alle mehr oder weniger auf Linie der Führung sind, spielt ihr Suizid keine Rolle. In den sozialen Netzwerken wird er umso häufiger kommentiert.

"Ich bin Sarah Hegazy ähnlich, und wer auch immer sie nicht akzeptiert, akzeptiert auch mich nicht - und ich will solche Leute nicht. Wir sind Menschen!"

"Ich bin froh, dass diese Welt manchmal aus gutem Grund hart ist."

"Nicht an Gott glauben, atheistische Lesbe, wie kannst Du es wagen IHN und uns um Vergebung zu bitten.?"

"Welches Verbrechen hat sie begangen? Dass sie Frauen liebt? Das soll ein Verbrechen sein? Ihr seid keine Engel, die richten dürfen…"

Ausgrenzung der "Anderen"

Die meisten Ägypter sind in sozialen Dingen konservativ und traditionell. Menschen, die irgendwie nicht der Norm entsprechen, werden meist von der Gesellschaft ausgegrenzt. Dass die Polizei Sarah Hegazy verhaftete und mutmaßlich folterte, hatte eines zeigen sollen: Dass die Staatsführung zum Schutz von Moral, Sitte und Anstand handele - so wie die Mehrheitsgesellschaft diese Werte versteht. Auf Toleranz in Medien und Politik können Schwule und Lesben nicht hoffen.

Hamed Sinno, der Sänger von Mashrou Leila, hielt in den USA eine Mahnwache.

"Ich möchte, dass Ihr nach Hause geht und darüber nachdenkt, warum Eure Leute uns umbringen. Wir haben von Sarah gehört. Stellt Euch vor, wie viele Menschen jeden Tag sterben, ohne dass wir es mitbekommen - weil ihre Familien sich dafür schämen, dass sie gestorben sind, weil sie anders waren."

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

Regenbogenfahne in Schwarz
Björn Blaschke, ARD Kairo
26.06.2020 05:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juni 2020 um 05:26 Uhr.

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