Bewohner des Camps Kara Tepe | Bildquelle: AFP

Flüchtlinge auf Lesbos "Das Lager macht krank"

Stand: 09.11.2020 07:26 Uhr

Kein warmes Wasser, keine Heizung, kein Strom - die Bewohner des Flüchtlingslagers Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos haben Angst vor dem Winter.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Athen

"Wir frieren jede Nacht", klagt ein junger Mann aus der Demokratischen Republik Kongo, der sich als Francisco vorstellt. "Es ist sehr kalt, und es gibt keine Heizung, weder für die Kinder, noch für uns."

Francisco kauert mit ein paar Freunden in einer windgeschützten Ecke auf dem Parkplatz des größten Supermarkts auf Lesbos, zehn Minuten Fußweg vom Lager entfernt. Hier ist es wenigstens spätnachmittags hell. Im Lager aber gibt es kein Strom - und nur eine Handvoll Straßenlampen. In den 1000 Zelten, in denen die Flüchtlinge wohnen, ist es ab 17.30 Uhr stockfinster. "Und wenn es regnet, fließt Wasser ins Zelt", sagt Francisco.

"Wir haben keine Betten. Es gibt keine Duschen, wir waschen uns mit Wasser aus dem Meer. Wenn wir auf Toilette müssen, gehen wir ins Gebüsch. Es ist traurig." Sein Fazit nach zwei Monaten im neuen Lager Kara Tepe: "Moria war die Hölle für uns, aber das hier, das ist schlimmer als die Hölle."

"An den Steckdosen herrscht immer dichtes Gedränge"

Ein Beispiel ist die Elektrizität: In Moria gab es zumindest in Teilen des Lagers ein wildes, oft selbstgebasteltes Netz - das war gefährlich, aber es gab Strom. Wie es im neuen Lager Kara Tepe ist, schildert Omid aus Afghanistan: Es gebe ein paar Generatoren. "Die laufen mit Benzin, aber oft funktionieren die nicht. Und an den Steckdosen herrscht immer dichtes Gedränge. Die Leute wollen ihre Handy-Akkus aufladen oder Wasser kochen. Strom ist wirklich Mangelware."

Kein Strom, keine Heizung, kein Licht - und jetzt kommt der Herbst mit voller Wucht. "Das Lager macht krank", sagt Greg Kavarnós von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Er weiß, wovon er spricht. Die Wartezimmer von Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos sind voll. Und Kavarnós stelt sich oft vor, wie es ihm erginge, wenn er im Lager leben müsste: "Ich bin gesund. Aber wenn Du mich in ein Lager stecken würdest - in ein Zelt ohne Heizung, ohne Zugang zu ordentlichem Essen, ohne eine Möglichkeit, mich richtig zu waschen, dann werde ich krank, egal wie gesund ich vorher war."

Forderungen nach Auflösung

Ärzte ohne Grenzen fordert, das Lager sofort aufzulösen. Die 7500 Menschen im Lager würden doch letztlich sowieso in Europa bleiben, sagt Kavarnós. Den Kindern im Lager werde die Zukunft gestohlen. "Die Menschen müssen ordentliche Unterkünfte bekommen. Wir müssen Sprach- und Integrationskurse anbieten, damit sie sich in dieser Gesellschaft zurechtfinden können, so wie sich jeder Bürger in jedem Land sich zurechtfinden muss", meint Kavarnós.

Francisco, der junge Mann aus dem Kongo, harrt nun schon fast ein Jahr lang in Moria und in Kara Tepe aus und wartet auf seinen Asylbescheid. "Es ist zum Verzweifeln", sagt er. "Die Europäische Union muss eine Lösung für uns finden. Wir sind doch auch Menschen."

Am vergangenen Freitag sagte er das, in der windgeschützten Ecke auf dem Supermarkt-Parkplatz. Dort darf er inzwischen vorerst nicht mehr hin - wegen der Corona-Ausgangssperre, die seit Samstag in ganz Griechenland gilt. Die 7500 Flüchtlinge dürfen das Lager Kara Tepe jetzt auch tagsüber nicht mehr verlassen.

"Schlimmer als Moria" - das neue Lager zwei Monate nach dem Brand
Thomas Bormann, ARD Istanbul
09.11.2020 07:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. November 2020 um 11:38 Uhr.

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