Mädchen in der "Zeltstadt" Moria auf Lesbos | Bildquelle: dpa

Flüchtlingslager auf Lesbos Krankheiten, Gewalt, psychische Attacken

Stand: 27.09.2018 11:42 Uhr

Das Flüchtlingslager auf Lesbos war einst für 3000 Migranten ausgelegt. Mittlerweile leben dort 9000 Flüchtlinge. Für viele Menschen ist die Situation vor Ort unerträglich.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Ein dicker, schwarzer Schlauch liegt vor dem Eingang. Es ist die Abwasserleitung des Flüchtlingslagers Moria. Eine enorme Menge Fäkalien fällt an bei inzwischen 9000 Bewohnern im Lager. Afrikanerinnen in farbigen und sehr sauberen Kleidern gehen mit ernsten Gesichtern an einem der Lastwagen vorbei, die zum Abpumpen gekommen sind. Es stinkt.

Aber Hawdin, ein 27-jähriger Kurde, ist nicht wegen des Gestanks ans Meer geflüchtet. Hawdin lebt seit vier Monaten ganz für sich alleine außerhalb des Lagers an einem der wilden Strände. "Jeden Tag, immer wieder, gab es Kämpfe im Lager. Ich bin mehrmals angegriffen worden, als Kurde von Arabern", gibt er als Begründung an und deutet auf eine Verletzung: "Hier am Auge meine Narbe, sehen Sie?" Am Strand fühle er sich alleine sicher. Weil er es im Lager nicht mehr aushalte, brächten ihm seine Freunde an seinen Platz am Meer etwas zu essen, erklärt er.

Müll vor Zelten in einer "Zeltstadt" von Flüchtlingen auf Lesbos | Bildquelle: Michael Lehmann ARD-Athen
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In der Zeltstadt auf der Insel Lesbos liegt offen Müll herum, es stinkt.

Vermehrt psychische Attacken

9000 Migranten aus vielen verschiedenen Ländern leben zusammengepfercht in einem Lager, das für 3000 Menschen gebaut wurde. So viele Menschen auf engstem Raum bedrohen sich auch gegenseitig, sei es durch Gewalt oder durch Krankheiten.

Suleman Ousman, ein  junger libyscher Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, legt ein kleines Baby, das er untersucht hat, zurück in die Arme seiner Mutter. "Die häufigsten Krankheiten wechseln oft: wir haben echte Notfälle, wo wir schnell eingreifen müssen, epileptische Anfälle zum Beispiel", erklärt der Arzt.

Es käme auch vermehrt zu psychischen Attacken, weil die Belastung insbesondere für Frauen und Kinder extrem sei, sagt Ousman. Außerdem seien während der Hitze viele im Lager dehydriert gewesen, es habe sehr viele Lungenentzündungen gegeben. "Da müssten viel mehr Leute sofort ins Krankenhaus gebracht werden", so der Arzt.

Örtliches Krankenhaus ist überlastet

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen muss ihr Feldlazarett direkt am Flüchtlingscamps Moria immer wieder aus- und umbauen, erklärt Ousamn: "Wir sind mit einer kleinen Gruppe Ärzte hier gestartet, dann mussten immer mehr Freiwillige aus aller Welt herkommen. Wir sind jetzt wie eine kleine Klinik ausgestattet, sogar mit einem Überwachungsraum." Man könne nur wenige Patienten ins örtliche Krankenhaus schicken, denn das sei überlastet und schicke die Patienten zurück, sagt der Arzt.

Oliven-Camp heißt die Zeltstadt, die um das Lager mitten in Olivenhainen immer schneller wächst. Oliven-Camp ist ein hübscher Name für eine Zeltstadt ohne Kanalisation mit nur wenigen Waschplätzen und Toiletten.

Echte Hilfe im Chaos ist ungewiss

Mittendrin im Gewühle steht verzweifelt ein junger afghanischer Vater. Seit vier Tagen sucht er mit dem Attest einer Frauenärztin in der Hand nach Hilfe für seine hochschwangere Frau. Auf dem Attest steht, dass die Frau Blut verliere und die Gefahr bestehe, dass sie ihr Baby verliere. "Bitte sofort kontrollieren", heißt es auf dem Attest.

Mann mit Attest in der Hand | Bildquelle: Michael Lehman ARD-Athen
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Der junge afghanische Vater hat Angst um seine hochschwangere Frau.

Blutverlust mit Lebensgefahr für das Kind im Bauch der Mutter - ungewiss, ob und wann der Afghane mit seiner Frau im Zelt echte Hilfe bekommen kann mitten im Chaos des Flüchtlingslagers.

400 Bewohner aufs Festland gebracht

Am Haupteingang können andere Frauen lächeln. Ihre Männer packen schwere Säcke in ein Dutzend Busse. "Die Entlastung hat begonnen" heißt die Schlagzeile in der Lokalzeitung dazu. Etwa 400 Bewohner von Moria sind der vergangenen Woche aufs Festland gebracht worden. Wie viele davon in andere griechische Lager umziehen und wer zu seiner Familie weiter reisen darf - das ist noch nicht klar.

Sypros Galinos, der Bürgermeister der Inselhauptstadt Mytilini, sagt, es sei jetzt wichtig, dass möglichst ein paar tausend Flüchtlinge aufs Festland verlegt werden: "Ich glaube und hoffe, dass das jetzt bald verstanden wird. Wir alle kennen die Flüchtlingsbilder, die um die Welt gegangen sind. Für uns auf der Insel ist das auch eine furchtbare Verleumdung."

Spyros Galinos | Bildquelle: Michael Lehmann ARD-Athen
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Der Bürgermeister der Inselhauptstadt Mytilini, Spyros Galinos, hofft, dass bald verstanden wird, dass möglichst viele Flüchtlinge auf Festland verlegt werden müssen.

Die Bewohner hätten beim dramatischen Beginn der Flüchtlingskrise viel geleistet, Belastungen ertragen und geholfen. "Es kann nicht sein, dass sich die Welt für immer darauf verläßt, dass wir Menschen auf Lesbos das alleine schaffen", sagt der Bürgermeister.

Anzahl der Flüchtlinge steigt stetig

Galinos fordert von der griechischen Regierung schon seit langem, dass Lesbos entlastet wird. Regierungschef Alexis Tsipras versprach im Sommer bei seinem Besuch auf Lesbos genau dies. Sein Migrationsminister Dimitris Vitsas wiederholte es vor wenigen Wochen auf einer Pressekonferenz in Athen.

Doch statt weniger wurden es immer mehr Flüchtlinge: An manchen Tagen kommen weiterhin mehr als 200 neue Flüchtlinge mit Booten von der Türkei. "Mein Aufruf heißt: Bitte, entlasten Sie die Insel, denn das Wetter kann bald umschlagen, der Winter steht vor der Tür und die Lage ist jetzt schon dramatisch gefährlich", sagt Galinos. Man könne sich nicht erlauben, dass nochmal Menschen im Winter sterben müssten. Der Hotspot Moria müsse vorher entlastet werden, fordert der Bürgermeister.

Bis dahin müssen die vielen tausend Flüchtlinge in Moria - und auch die, die täglich dazukommen - irgendwie durchhalten. Journalisten, die sich im Innern des Lagers umschauen wollen, werden weiterhin vor allem vertröstet und abgewiesen.

Journalist auf Polizeistation geführt

Ein Sicherheitsmann in Zivil reagierte äußerst gereizt auf die Nachfrage eines Reporters am Seiteneingang des Lagers. Er führte den Journalisten schließlich für ein paar Minuten auf die Polizeistation des Lagers und lies ihn ausführlich zu den Gründen seines Besuchs befragen.

Salam Aldeen von der Hilfsorganisation Team Humanity aus Dänemark sieht dahinter eine Taktik. Er ist harte Konfrontation mit den staatlichen Lagerverwaltern in Moria gewöhnt. Er glaubt, dass die Ansage für Sicherheitskräfte und Mitarbeiter in Moria heißt: Wir lassen uns beim Organisieren des Camps nicht auf die Finger schauen.

Warnung an die wartenden Flüchtlinge

So solle zum Beispiel niemand erfahren, dass auch schon mit Messern um Essen gekämpft wurde oder dass sich einzelne Migranten versucht hätten sich umzubringen, indem sie auf die Masten mit den Stromverteilern geklettert sind, sagt Aldeen: "Warum müssen die Flüchtlinge leiden? Sie müssen leiden, weil Griechenland oder die EU will, dass sie leiden. So soll den noch wartenden in der Türkei gezeigt werden: kommt nicht, sonst leidet ihr auch."

Er sagt, dass die humanitären Mitarbeiter kriminalisiert würden, weil man sie loswerden wolle - etwas, was er nicht verstehe, denn: "Wenn es die humanitären Helfer nicht gäbe, würde diese Insel endgültig im Chaos versinken."

Flüchtlinge auf Lesbos: Tausende müssen leiden, um Millionen abzuschrecken
Michael Lehmann, ARD Athen
27.09.2018 10:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. September 2018 um 07:48 Uhr.

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