Der Lkw, in dem 39 Leichen gefunden wurden, wird vom Tatort gefahren. | Bildquelle: VICKIE FLORES/EPA-EFE/REX

Leichenfund im Lkw Polizei geht von vietnamesischen Opfern aus

Stand: 26.10.2019 19:30 Uhr

Nachdem immer mehr Vietnamesen Angehörige unter den 39 in einem Lkw gefundenen Toten befürchten, geht auch die britische Polizei von Vietnam als Herkunftsland der Opfer aus. Mittlerweile gibt es eine erste Anklage.

Nach dem Fund von 39 Leichen in einem Lkw konzentriert sich die britische Polizei bei der Identifizierung der Toten auf das Herkunftsland Vietnam. Zuvor waren die Behörden davon ausgegangen, dass die Toten aus China stammen. "Ich lege den Fokus im Moment auf die vietnamesische Gemeinschaft", sagte Martin Pasmore, der bei der Essex Police für die Identifizierung der Opfer zuständig ist. Doch auch andere Herkunftsländer kämen weiterhin in Frage - bei den Toten seien nur wenige Dokumente gefunden worden.

Martin Pasmore | Bildquelle: REUTERS
galerie

Martin Pasmore traf sich mit dem vietnamesischen Botschafter, um die Zusammenarbeit zu vertiefen.

Es sei ein Problem, dass möglicherweise Verwandte der Opfer selbst illegal in Großbritannien lebten und Angst hätten, sich bei der Polizei zu melden. Pasmore sicherte deshalb zu, seine Behörde werde niemanden verfolgen, der sich in dem Fall an die Polizei wende.

Inzwischen seien alle Leichen aus dem Lkw in die Gerichtsmedizin gebracht worden, sagte Passmore. Anschließend sollen an den Leichen gefundene Besonderheiten mit den Informationen abgeglichen werden. Er habe sich auch mit dem vietnamesischen Botschafter getroffen, um die Zusammenarbeit mit den Behörden in dessen Land zu vertiefen. "Wir alle wollen vor allem das Eine: Dass die Toten identifiziert und zu ihren Angehörigen gebracht werden."

Familien suchen vermisste Angehörige

In den vergangenen Tagen hatten sich Angehörige mit teils schockierenden Schilderungen an Medien gewandt. So befürchtete in Vietnam der Vater eines 20-Jährigen, dass dieser unter den Toten sein könnte. Er habe seinen Sohn seit der vergangenen Woche nicht erreichen können, als dieser gesagt habe, er werde in Paris zu einer Gruppe stoßen, die versuche, nach England zu gelangen, berichtete Nguyen Dinh Gia. "Er hat oft zu Hause angerufen, aber ich konnte ihn nicht erreichen, seit wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben."Der 20-Jährige habe sich seit 2018 illegal in Frankreich aufgehalten und wollte demnach für rund 12.600 Euro nach Großbritannien weiterreisen.

Die BBC berichtete außerdem von einer Familie, die angab, 30.000 Pfund für das Schleusen einer jungen Frau bezahlt zu haben. Den Bruder der Vermissten zitiert der Sender mit den Worten, seine Schwester sei seit dem 23. Oktober verschwunden. Zuletzt habe sie geschrieben, sie könne nicht atmen.

Eine britische Organisation von Vietnamesen, VietHome, teilte mit, sie habe der Polizei Bilder von fast 20 vermissten Personen gegeben.

Mittlerweile schaltete sich auch die vietnamesische Botschaft in London in den Fall ein. Sie richtete eine Hotline für Familie ein, die ihre Angehörigen vermissen und befürchten, dass sie unter den Toten sein könnten.

Anklage gegen Lkw-Fahrer

Unterdessen erhoben britische Behörden gegen den 25-jährigen Fahrer des Lkw Anklage unter anderem wegen Totschlags in 39 Fällen, sowie Beteiligung an Menschenhandel und Geldwäsche. Er muss am Montag vor Gericht erscheinen.

In Irland gab es eine weitere Festnahme: Ein junger Mann wird verdächtigt, in den Fall involviert zu sein. Er sei wegen einer anderen mutmaßlichen Straftat gesucht worden, die Polizei in Essex habe jedoch Interesse bekundet, ihn zu befragen, teilte die irische Polizei in Dublin mit. Irische Medien berichten, er sei kurz nach seiner Ankunft mit einer Fähre aus Frankreich im Hafen von Dublin festgesetzt worden.

Neben den beiden Männern befinden sich drei weitere Verdächtige in Polizeigewahrsam: Ein 48-Jähriger aus Nordirland, der nach Angaben der Behörden im Verdacht steht, an Menschenhandel und Totschlag beteiligt gewesen zu sein, sowie ein 38 Jahre alte Mann und eine gleichaltrige Frau.

Auflieger kam aus dem belgischen Zeebrugge

Die Leichen waren in der Nacht zum Mittwoch im Laderaum des Lastwagens im Ort Grays entdeckt worden. Die Umstände deuten stark darauf hin, dass es sich bei den Opfern um ins Land geschleuste Migranten handelt. Die Zugmaschine war aus Irland gekommen, der Auflieger kam über den belgischen Hafen Zeebrugge nach England - per Schiff wurde er von Belgien in den Hafen Purfleet gebracht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Oktober 2019 um 18:03 Uhr.

Darstellung: