Blumen liegen in der Nähe des Fundortes eines Lkw mit 39 Toten in Essex | Bildquelle: AP

Leichen in Lkw Offenbar mehrere Opfer aus Vietnam

Stand: 26.10.2019 12:41 Uhr

Zunächst gingen die Behörden davon aus, dass die in einem Lkw in Großbritannien gefundenen 39 Leichen aus China stammen. Doch inzwischen melden sich immer mehr vietnamesische Familien, die Angehörige vermissen.

Weitere vietnamesische Familien befürchten, dass Angehörige unter den 39 in einem Lastwagen in England entdeckten Toten sein könnten. Die britische Polizei hatte zunächst gesagt, dass die Opfer vermutlich aus China stammten, doch inzwischen spricht sie von einem "sich entwickelnden Bild". Eine britische Organisation von Vietnamesen, VietHome, teilte mit, sie habe der Polizei Bilder von fast 20 vermissten Personen gegeben.

In Vietnam befürchtete der Vater eines 20-jährigen Mannes, dass sein Sohn unter den Toten sein könnte. Er habe einen Anruf von einem Vietnamesen erhalten, der ihn über den Tod seines Sohnes auf dem Weg nach Großbritannien informiert habe, sagte er verschiedenen Nachrichtenagenturen. Er habe seinen Sohn seit der vergangenen Woche nicht mehr erreichen können. Dieser habe sich seit 2018 illegal in Frankreich aufgehalten und wollte demnach für rund 12.600 Euro nach Großbritannien weiterreisen.

Berichte über SMS-Schriftwechsel

Die BBC berichtete von insgesamt sechs vietnamesischen Familien, die Angehörige unter den Toten befürchten. Der Sender zeigte auch Bilder von SMS-Schriftwechseln, mit denen eines der möglichen Opfer nur Stunden vor dem Fund des Lkw mit seiner Familie in Kontakt getreten war.

Dem Bericht zufolge bestätigte eine Familie, dass sie 30.000 Pfund für das Schleusen einer jungen Frau bezahlt habe. Den Bruder der Vermissten zitiert der Sender mit den Worten, seine Schwester sei seit dem 23. Oktober verschwunden. Zuletzt habe sie geschrieben, sie könne nicht atmen.

Auch aus vietnamesischen Sicherheitskreisen hieß es, unter den 39 Toten könnten vietnamesische Staatsangehörige sein. Ein Sprecher der vietnamesischen Botschaft in London sagte zudem, die diplomatische Vertretung sei von einer vietnamesischen Familie kontaktiert worden, die ihre Tochter seit der Entdeckung des Lastwagens vermisse.

Polizei und der LKW, in dem die Toten entdeckt wurden | Bildquelle: AFP
galerie

Begehung des Tatorts und Spurensicherung: Die 39 Leichen waren im Laderaum eines Lastwagens gefunden worden, der im Ort Grays stand.

Zehntausende Euro für gefälschte Pässe

Die Opfer könnten bei der Reise nach Großbritannien gefälschte chinesische Pässe bei sich getragen haben. Viele vietnamesische Migranten stammen aus der verarmten Provinz Ha Tinh im Zentrum des Landes. Oft zahlen sie für ihre Reise mit gefälschten Dokumenten Zehntausende Euro - in der Hoffnung, vor allem in Großbritannien in Nagelstudios oder auf Cannabisfarmen arbeiten zu können.

Die Polizei in Essex erklärte, Familien sollten sich melden, falls sie Verwandte unter den Opfern vermuteten. Sie würden auch nicht strafrechtlich verfolgt, versicherte die stellvertretende Polizeichefin.

Vier Menschen festgenommen

Zuvor hatte die britische Polizei in dem Fall eine vierte Festnahme gemeldet. Es handele sich dabei um einen 48-jährigen Mann aus Nordirland, teilten die Ermittler mit. Er stehe im Verdacht, an Menschenhandel und Totschlag beteiligt gewesen zu sein. Ein 38 Jahre alter Mann und eine gleichaltrige Frau waren bereits festgenommen worden, der 25-jährige Fahrer des Lastwagens sitzt ebenfalls hinter Gittern. Eine Anklage gibt es bisher nicht.

Die ersten elf Leichen waren am Donnerstag aus dem Lastwagen geborgen und in die Leichenhalle eines Krankenhauses in Chelmsford gebracht worden. Laut Polizei sollte in einem ersten Schritt die Todesursache ermittelt werden, bevor die Ermittler mit der Identifizierung der Opfer beginnen. Es handelt sich um die größte Mordermittlung in Großbritannien seit mehr als zehn Jahren.

Die Leichen waren in der Nacht zum Mittwoch im Laderaum des Lastwagens im Ort Grays östlich von London entdeckt worden. Die Umstände deuten stark darauf hin, dass es sich bei den Opfern um ins Land geschleuste Migranten handelt. Möglicherweise sind die Menschen im Laderaum erfroren, da der große Lkw-Sattelauflieger zur Kühlung geeignet ist. Offiziell bestätigt ist die Todesursache noch nicht.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. Oktober 2019 um 21:00 Uhr.

Darstellung: