Schüler und Schülerinnen nehmen an einer Unterrichtsstunde an einer Schule in London teil. | picture alliance / empics

Mehr Latein an britischen Schulen "Firlefanz, der wenig kostet"

Stand: 05.08.2021 12:52 Uhr

In England soll mehr Latein an staatlichen Schulen unterrichtet werden. Das koste zwar wenig, lenke aber von Wichtigerem ab, sagen Kritiker: Der Unterrichtsausfall während der Pandemie werde so nicht ausgeglichen.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

In England soll es künftig mehr Lateinunterricht geben. Bildungsminister Gavin Williamson hat angekündigt, dafür vier Millionen Pfund zur Verfügung zu stellen. Das Programm soll gezielt den staatlichen Schulen zugutekommen. Latein habe den Ruf, ein elitäres Schulfach für wenige Privilegierte zu sein, dem wolle er nun ein Ende bereiten, teilte Williamson mit.

Imke Köhler ARD-Studio London

"Latein ist etwas für vornehme, weiße Jungs"

Bei den Liebhabern des klassischen Altertums kommt das gut an. Auch Mary Beard, eine namhafte Altphilologin, die an der Cambridge University lehrt, ist begeistert von der Regierungsinitiative.

Latein habe immer noch das Image, nur etwas für "vornehme, weiße Jungs" zu sein. Das sei aber nicht richtig, betont Beard: "Ich finde Latein spannend, es ist herausfordernd. Es führt Kinder in ganz neue Welten ein und in Literatur, die sie so noch nicht kannten. Es erweitert das Bewusstsein und macht Spaß."

Latein an 40 staatlichen Schulen

Einer Umfrage des British Council zufolge hat fast die Hälfte der Privatschulen Latein im Programm, während von den weiterführenden staatlichen Schulen weniger als drei Prozent Latein unterrichten. Das soll sich ändern: Die Initiative des Bildungsministers sieht vor, dass an 40 staatlichen Schulen für 11 - bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler Latein angeboten wird. Das Pilotprojekt soll im September 2022 starten und ist zunächst auf vier Jahre angelegt.

Der Plan des Ministers stößt allerdings auch auf Kritik - und dabei geht es nur bedingt um die Frage, wie sinnvoll es ist, eine tote Sprache zu lernen. Vielmehr wird bezweifelt, dass die Regierung ernsthaft um gleiche Bildungschancen für alle bemüht ist.

Massiver Unterrichtsausfall soll kompensiert werden

Hintergrund ist, dass die Regierung zunächst nur 1,4 Milliarden Pfund bewilligen will, um den massiven Unterrichtsausfall seit Beginn der Pandemie zu kompensieren. Das ist ein Bruchteil dessen, was laut dem Bildungsexperten Kevan Collins bereitgestellt werden müsste. Collins war von der Regierung eigens damit beauftragt worden, die Kosten für ein solches Auf- und Nachholprogramm zu berechnen. Er hatte 15 Milliarden Pfund veranschlagt. Nach der Ankündigung der Regierung, nur knapp ein Zehntel dieser Summe bereitzustellen, hatte Collins bei Premier Boris Johnson sein Entlassungsgesuch eingereicht. Der Bildungsexperte warnt davor, Hunderttausende Schülerinnen und Schüler im Stich zu lassen.

Aufholen von Lernstoff

Die Journalistin Sonia Sodha von der linksliberalen Zeitung "The Observer" kommentierte die Haltung der Regierung mit den Worten: "Wir wissen, dass die Pandemie überproportional die Kinder aus der Arbeiterklasse und aus weniger begünstigten Verhältnissen getroffen hat. Es gibt in unserem Bildungssystem zentrale Themen, denen wir uns widmen sollten, gerade auch, was das Aufholen von Lernstoff nach der Pandemie angeht. Darüber sollten wir reden. Diese Firlefanz-Latein-Ankündigung, die wenig kostet, soll uns nur davon ablenken, und in diese Falle sollten wir Medienvertreter nicht tappen."

Auch Lehrerverbände empört

Auch Lehrerverbände und -gewerkschaften zeigten sich empört über die 1,4 Milliarden Pfund. Die Summe sei erbärmlich, hieß es. Geoff Barton, der Generalsekretär von ASCL, einer Berufsvereinigung von Schul- und Collegeleitern, rechnete vor, dass es bei der Summe auf 50 Pfund pro Schüler und Student hinauslaufe. Die USA würden hingegen 1600 Pfund pro Kopf ausgeben, die Niederlande 2500 Pfund.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. August 2021 um 09:24 Uhr.