Jeremy Corbyn  | Bildquelle: REUTERS

Labour-Parteitag Auftaktrede ohne Brexit

Stand: 23.09.2018 03:40 Uhr

Je näher der Brexit rückt, desto größer wird das Chaos. Auch die Labour-Mitglieder sind uneins. Die Mehrheit würde heute pro EU stimmen und hätte gern erfahren, welchen Kurs ihr Parteichef Corbyn verfolgt.

Von Anne Demmer, ARD-Studio London, zzt. Liverpool

"Oh Jeremy Corbyn, Oh Jeremy Corbyn ..." singen seine Anhänger, als der Labour-Vorsitzende auf die Bühne im Hafenviertel von Liverpool tritt. Rund 2000 Menschen haben sich davor versammelt. Sie jubeln Corbyn zu. Der Altlinke ist an der Spitze der Labour Partei, seitdem er mit Unterstützung der jungen Momentum-Bewegung vor drei Jahren die Parteiführung übernommen hat. Eine halbe Stunde lang spricht er:

"Es gibt vieles, was in diesem Land falsch läuft: Es gibt Armut, es herrscht Ungerechtigkeit. Schuld ist das System und die konservative Tory-Regierung."

Seine Anhänger jubeln ihm zu. Das Wort Brexit nimmt er nicht einmal in den Mund. Das Thema birgt Konfliktpotential. Corbyn hat nie eine richtige Position dazu gefunden. Er selbst gehört eher zu den Europa-Skeptikern, auch wenn er beim Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt hatte.

Die meisten pro EU

Der Parteivorsitzende steht unter Druck. Laut einer aktuellen Umfrage von YouGov haben von rund 1000 Labour-Parteimitgliedern 90 Prozent erklärt, dass sie in der EU bleiben würden, wenn sie heute noch einmal abstimmen könnten. 86 Prozent würden ein Zweites Referendum über den Final Deal unterstützen.

Der europafreundliche Flügel würde das am liebsten zur offiziellen Parteilinie machen. Zuletzt hatte sich der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan stark gemacht:

"Für mich ist klar: Entweder es gibt ein schlechtes Abkommen oder gar keins, also einen ungeordneten Austritt aus der EU. Und dann sollten die Briten nochmal ein Wort mitreden und am Ende auch die Möglichkeit haben, sich ganz gegen Brexit entscheiden zu können."

Corbyn stand einem zweiten Referendum immer kritisch gegenüber. Vor ein paar Tagen sagte er: "Wenn die Regierung nicht liefern kann, ein finaler Entwurf für das Abkommen nicht vom Parlament abgesegnet wird, dann ist es Zeit für Neuwahlen. Und dann können die Menschen entscheiden, wer der nächste Premierminister wird."

Das "ist wirklich deprimierend"

Seine Brexit-Haltung bleibt dabei unklar. Eine junge Frau ist enttäuscht von seiner Auftakt-Rede in Liverpool. Unter ihrem Arm klemmt eine EU Flagge. "Ich denke schon, dass er seinen Prinzipien treu ist. Ich schätze, wofür er steht und er handelt auch danach. Unsere aktuelle Regierung halte ich für nicht so glaubwürdig. Er ist näher an den Menschen dran. Aber dass er der EU eher kritisch gegenüber steht, finde ich schwierig und dass das Thema Brexit noch nicht einmal erwähnt wurde, ist wirklich deprimierend."

Eine andere Corbyn-Anhängerin verteidigt ihn: "Es ist wirklich ein schwieriges Thema. Er will wahrscheinlich einfach abwarten, was mit der aktuellen Regierung passiert. Außerdem riskiert er die Gunst der Wähler gerade aus dem Norden, aus den ärmeren Regionen zu verlieren, dort haben viele für den Brexit gestimmt."

Für den Labour-Vorsitzenden wird der Parteitag kein Spaziergang: 13.000 Mitglieder werden sich in den nächsten vier Tagen in Liverpool tummeln und neben dem offiziellen Parteitag, vor allen Dingen die zahlreichen Randveranstaltungen und das zeitgleich stattfindende Festival der jungen Momentum-Bewegung besuchen: The world transformed.

Labour-Parteitag: Corbyns Auftaktrede ganz ohne Brexit
Anne Demmer, ARD London
23.09.2018 06:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. September 2018 um 10:00 Uhr.

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