Proteste in Kenosha am 23. August 2020 | Bildquelle: VIA REUTERS

Gewalt in Wisconsin Wer ist der Schütze von Kenosha?

Stand: 01.09.2020 09:15 Uhr

War es Aggression oder Notwehr? Kyle R. soll bei Unruhen in Kenosha zwei Menschen erschossen und einen schwer verletzt haben. Jetzt ist ein Kampf um Deutungshoheit entbrannt. US-Präsident Trump schlug sich auf R.s Seite.

Von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

So richtig stolz sieht er aus, leicht von unten fotografiert, in der Hand ein militärisch aussehendes Gewehr - wie es im Ermittlungsprotokoll heißt, "eine Smith & Wesson im A-15 Stil". Die Patronen für das Gewehr sind viereinhalb Zentimeter lang. Kyle R., gerade 17 Jahre alt, hat bei einer Demonstration in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin mit diesem Gewehr zwei Menschen erschossen und einen weiteren schwer verletzt.

Was ist Kyle R. jetzt? Ein verwirrter Waffennarr? Ein Mörder? Ein Held, der sein Leben einsetzt, um Recht und Ordnung zu schützen? Einer, der sich mit der Waffe zwischen Demokratie und Anarchie stellt, weil der Staat versagt? Oder ist er ein Verführter, der in die Fänge von Anhängern weißer Vorherrschaft geriet? Ist er einer, der sich von Donald Trumps Angstrhetorik hat anstecken und radikalisieren lassen? Kyle R. steht plötzlich im Mittelpunkt eines Kulturkampfes, in dem es um nicht weniger als die zukünftige amerikanische Gesellschaftsordnung geht.

Proteste gegen rassistische Polizeigewalt

Dienstagnacht vergangene Woche: Wieder wird in Kenosha demonstriert, Menschen protestieren dagegen, dass ein weißer Polizist dem Schwarzen Jacob Blake sieben Kugeln in den Rücken geschossen hat. In den Nächten zuvor gehen Häuser und Autos in Flammen auf, Geschäfte werden geplündert.

"Wir fahren in die Stadt und schützen unsere Straßen", hatte es wohl Aufrufe in sozialen Netzwerken gegeben. Kyle R. und etliche andere Männer nehmen ihre Pistolen und Gewehre, sehen sich wohl als Miliz - eine Bürgerwehr. "Mein Job ist es, Menschen zu beschützen", sagt R. kurz vor den Schüssen einem Reporter. Die Lage in den Straßen wird immer chaotischer, irgendwann schießt er, ruft einen Freund an und sagt dem, dass er gerade jemanden getötet habe.

Anwalt spricht von Notwehr

Kyle R. wird festgenommen, ist jetzt wegen Mordes und einer ganzen Reihe anderer Vergehen angeklagt, unter anderem unerlaubten Waffenbesitzes. Mit 17 durfte er dieses Gewehr noch gar nicht haben. Was man über ihn weiß, stammt aus bedingt zuverlässigen Internetquellen und Medienberichten. Die stellen ihn als jungen weißen Mann dar, der Waffen liebt, Selfies mit Gewehren postet. Er setzt sich für "Blue Lives Matter" ein, also für die Polizei, die wegen Gewalt gegen Schwarze unter Druck steht. Da möchte er später selbst einmal arbeiten. Die Schule verlässt er vorzeitig, macht ein Praktikum bei der Feuerwehr, arbeitet als Rettungsschwimmer.

"Kyle R. hat in Notwehr geschossen", sagt sein Anwalt John Pierce. "Er hat seine Gemeinde verteidigt, als der Staat es nicht getan hat." Ein Beispiel für amerikanischen Patriotismus und Kampfesmut. Sein Mandant sehe sich plötzlich mit Mordvorwürfen konfrontiert, während er sich nur gegen einen "gnadenlosen, bösartigen und potentiell tödlichen Mob" verteidigte, sagt Pierce. "Wir sind geschockt, dass es ein 17-Jähriger mit einem Gewehr ist, der sich dafür entscheidet, die Ordnung zu erhalten, weil es sonst niemand tut", heißt es bei Fox News.

Kampf um das Narrativ

Vertreter von Black Lives Matter und Teilnehmern der Demonstrationen zeichnen ein ganz anderes Bild: Kyle R. sei der Prototyp des nationalen Terroristen, der gezielt durch Gewalt die Situation anheize. Viele geben Trump eine Mitschuld, denn er sei es, der Angst vor Chaos und Anarchie verbreite. Er sei es, der Waffenbesitz verherrliche und es indirekt unterstütze, wenn sich plötzlich bewaffnete Milizen bildeten. Kyle R. ist ein Fan Trumps: Er hatte ein Video gepostet, das ihn im Januar bei einer Trump-Veranstaltung zeigt.

Der Kampf um das Narrativ hat begonnen - und er wird auch mit Geld geführt. Ein Fonds sammelt Spenden für das schwer verletzte Opfer des Schützen, um dessen Behandlungskosten zu bezahlen. 50.000 Dollar sind auf dem Konto. Für Kyle R. setzen sich gleich mehrere Organisationen ein und sammeln Geld für die Verteidigung. So auch eine als rechtsradikal geltende republikanische Studentenorganisation, die deshalb Ärger mit anderen Studentenorganisationen hat. Auf der christlichen Spendenseite "Give Send Go" sind angeblich bisher mehr als 270.000 Dollar zusammen gekommen, um R.s Anwaltskosten zu bezahlen. Diese Seite brüstet sich damit, als einzige Plattform Sammelaktionen für den Schützen zuzulassen. Nach Medienberichten haben andere große Anbieter wie "GoFundMe" ein Sammelkonto abgelehnt. "Wir gehören Veteranen, wir lassen uns nicht zensieren oder canceln", so "Give Send Go".

Trump hat "Law and Order"- "Recht und Ordnung" in den Mittelpunkt seines Wahlkampfs gestellt. Seit dem Tod George Floyds in Minneapolis werden die USA von Protesten gegen Polizeigewalt erschüttert, die immer wieder in Gewalt ausarten. Wie man mit den Anliegen der Demonstranten und mit der Gewalt umgeht, spaltet das Land ein weiteres Mal.

Trump reist heute nach Kenosha
Arthur Landwehr, ARD Washington
01.09.2020 15:20 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 01. September 2020 um 11:38 Uhr auf B5 aktuell.

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