Michal Kurtyka | ARD-Studio Warschau
Interview

Kurtyka im ARD-Interview Worauf der Chef der Klimakonferenz hofft

Stand: 03.12.2018 05:00 Uhr

Polen gilt nicht gerade als Vorbild in Sachen Klimaschutz. Michal Kurtyka ist Präsident der Klimakonferenz, die dort heute offiziell beginnt. Im ARD-Interview bewertet er die Politik seines eigenen Landes - und sagt, worauf er hofft.

ARD: Im Gastgeberland Polen werden etwa 80 Prozent der Energie aus Kohle gewonnen - was schlecht für das Klima ist. Wird sich das ändern?

Michal Kurtyka: Zu Zeiten des Umbruchs in Polen Anfang der 1990er-Jahre kamen nahezu 100 Prozent der Energie aus Kohle. Das war auch innerhalb des Ostblocks eine besondere Situation. Denn alle Nachbarländer Polens durften auch andere Energiequellen nutzen - Gas oder auch Atomkraft. Egal ob wir Atomkraft nun mögen oder nicht: In unseren Nachbarländern gab es einen Energiemix, in Polen nicht. Wir sind also mit dieser besonderen Situation an den Start gegangen - und mit vielen relativ neuen Kraftwerken, die in den 70er- und 80er-Jahren gebaut wurden.

Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem diese relativ neuen Kohlekraftwerke das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Und wir stehen nun vor der Frage, welchen Energiemix Polen in der Zukunft anstrebt. Diese Diskussion steht uns im kommenden Jahr bevor. Wie jedes andere Land der EU wird Polen 2019 einen Energie- und Klimaplan vorlegen. Ich arbeite hier sehr eng mit meinen Kollegen in den Ministerien zusammen. Sie arbeiten auch sehr stark daran, den Mix zu diversifizieren. Sonnenenergie wird eine große Rolle spielen - ebenso wie Offhore-Anlagen zur Windenergie. Windkraft spielt aber schon heute in Polen eine große Rolle.

Warschau bei Bussen und Bahnen weit vorn

ARD: Eines der großen Themen in Polen ist die Elektromobilität. Wie sieht es hier aus?

Kurtyka: Wir werden hier mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anfangen. Polen ist ein Land, in dem die öffentlichen Verkehrsmittel sehr gut ausgebaut sind und stark genutzt werden. In Warschau etwa werden fast 60 Prozent aller Wege mit Bussen und Bahnen zurückgelegt. Ich kenne die Statistik nicht genau, aber das ist sicherlich eine der höchsten Quoten in der Welt.

Wir haben also eine gute Ausgangslage. Wenn wir die Busse mit alten Dieselmotoren durch solche mit Elektroantrieb ersetzen, verbessern wir die Luft- aber auch die Lebensqualität schon ganz erheblich. Denn das bedeutet ja auch weniger Lärm. Deswegen hat Polen als erste Stufe der Entwicklung von Elektromobilität ein sehr ambitioniertes Programm für Elektrobusse aufgelegt. 41 Städte beteiligen sich daran, 1077 Elektrobusse sollen angeschafft werden. Soviel ich weiß, ist dies das bisher größte Angebot elektrischer Busse in der EU.

Interesse an Deutschlands "Energiewende"

ARD: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Deutschland bei der Klimakonferenz?

Kurtyka: Deutschland kann viel dazu beitragen - vor allem die Erfahrung der "Energiewende" (Kurtyka nutzt in dem auf Englisch geführten Interview dieses deutsche Wort). Die ganze Welt verfolgt das natürlich sehr intensiv. Inwieweit kann es die Klimaproblem lösen? Inwieweit schafft es neue Arbeitsplätze?

Polen und Deutschland arbeiten sehr intensiv bei den Fragen zusammen, wie erneuerbare Energien entwickelt werden können und wie der CO2-Ausstoß von Autos verringert werden kann. In beiden Bereichen ziehen Polen und Deutschland innerhalb der EU übrigens an einem Strang. Die Kooperation ist hier sehr gut. Darüber hinaus ist Deutschland natürlich auch ein bedeutendes Geberland für die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen in der Welt. Das muss man auf jeden Fall anerkennen und das ist etwas, über das ich mich als Direktor der Klimakonferenz sehr freue.

Zusammenarbeit mit den USA - wie mit jedem anderen

ARD: Ein anderer großer Partner - die USA - sind aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen. Wie bewerten Sie dieses Signal?

Kurtyka: Das ist sicherlich eine der wichtigsten Herausforderungen für die Klimakonferenz in Kattowitz. Wir erwarten aber, dass die amerikanische Delegation in Kattowitz dabei sein wird. Und selbstverständlich werden wir mit dieser Delegation zusammenarbeiten, wie mit jeder anderen auch - um einen Kompromiss zu finden. Ob dieser Kompromiss für alle attraktiv genug erscheint, um doch im Pariser Abkommen zu bleiben, wird sich erst im Nachhinein zeigen. Ich hoffe es natürlich.

Kohlekraftwerk in Polen | AP

Rund 80 Prozent seiner Energie bezieht Polen aus Kohlekraft und unter den EU-Städten mit der größten Luftverschmutzung sind 33 polnische. Bild: AP

ARD: Und worauf hoffen Sie persönlich im Zusammenhang mit der Klimakonferenz?

Kurtyka: Ich hoffe, dass wir etwas Langfristiges entwickeln, etwas, das global ist, wie die Herausforderung ja auch. Für mich persönlich ist es eine sehr bewegende Erfahrung, für den Ablauf einer Debatte verantwortlich zu sein, die die ganze Menschheit betrifft. Also ich bin sehr stolz, aber gleichzeitig demütig. Und erlauben Sie mir noch einen ganz persönlichen Wunsch: Ich hoffe, es gibt nicht zu viele schlaflose Nächte.

Das Interview führte Olaf Bock, ARD-Studio Warschau, auf Englisch. Für die schriftliche Fassung wurde es vom Studio Warschau und tagesschau.de übersetzt, redigiert und gekürzt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Dezember 2018 um 22:45 Uhr.