Die Region Basilikata in Italien. | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Matera 2019 Aus dem Elend ins Rampenlicht

Stand: 22.12.2018 16:32 Uhr

Matera gilt heute bei Italien-Touristen als Geheimtipp. 2019 ist die Stadt im Süden des Landes sogar Europäische Kulturhauptstadt. Vor wenigen Jahren war das noch unvorstellbar.

Von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Marta Ragozzino steht auf der wahrscheinlich schönsten Terrasse von Matera. Die geborene Mailänderin hat hier ihr Glück gefunden. Sie ist die Direktorin des staatlichen Kunstmuseums im prächtigen Palazzo Lanfranchi. Matera, die Europäische Kulturhauptstadt 2019, sieht aus wie eine große Weihnachtskrippe - vor einer felsigen Märchenlandschaft.

"Bild des Elends"

In Ragozzinos Museum für mittelalterliche und moderne Kunst hängt ein Bild, an dem sich viel erklären lässt über Matera und seine Umgebung. Es heißt "Lucania 61". Ein Kunstwerk mit gigantischen Maßen: 18,50 Meter und 3,20 Meter hoch. Das Panorama zeigt ein Matera, das die Schwester des Malers, der zugleich auch Arzt und Schriftsteller war, selbst so beschrieben hat:

"Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Türe empfangen. Einige besitzen nicht einmal solche, man steigt von oben über Falltüren oder Treppchen hinein. […] Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. So leben 20.000 Menschen. […] Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt […]."

Neun Monate prägen Matera bis heute

Der Text stammt aus Carlo Levis Buch "Christus kam nur bis Eboli", das in den 1970er-Jahren auch verfilmt wurde. Darin beschreibt Levi seine politische Verbannung in die Basilikata, also in jene Region, in der auch Matera liegt.

Die Faschisten hatten ihn hierher abgeschoben, ins Armenhaus Italiens, in dem die Menschen damals noch massenhaft an der Malaria starben. "Die Verbannung Levis in die Basilikata war grundlegend für die Geschichte dieser Region, sodass man heute denkt, sie habe Jahre gedauert", erzählt Ragozzino. "Dabei waren es nur neun Monate - von August 1935 bis Mai 1936."

Dennoch seien es neun sehr wichtige Monate gewesen, in denen Levi eine sehr enge Bindung zur Region aufgebaut habe. "Er wurde dann begnadigt, ging nach Frankreich, hat sich erneut dem Widerstand angeschlossen, um sich schließlich für ein paar Monate in Florenz zu verstecken."

Dort habe er dann "Christus kam nur bis Eboli" geschrieben. "Ein Manifest", sagt Ragozzino, "ein sehr wichtiges Buch nicht nur für Süditalien, sondern für die Geschichte unseres Landes, vielleicht sogar für die Geschichte Europas".

Die Stadt der Höhlenmenschen

Vor allem ist es jedoch ein Buch, das die Geschichte Materas verändert hat, denn Levis Beschreibungen, die viele Italiener als Schullektüre kennengelernt haben, sorgten dafür, dass das ganze Land von der Stadt der Höhlenmenschen Kenntnis nahm. Zwischen 15.000 und 20.000 lebten hier auf engstem Raum unter katastrophalen hygienischen Bedingungen.

Die Säuglingssterblichkeit sei hier so hoch gewesen, wie sonst nirgendwo in Italien, erzählt Ragozzino. Deshalb seien die Menschen in den 1950er- und 1960er-Jahren umgesiedelt worden aus den Sassi, den beiden historischen Stadtteilen von Matera. Sie zählen zu den drei ältesten, durchgehend von Menschen bewohnten Siedlungen der Erde.

Geprägt durch die griechische Kultur

Seit 8000 Jahren - manche meinen sogar seit 12.000 Jahren - lebten Menschen in den Grotten von Matera, davon mehr als 2000 Jahre in einer Siedlungsform, die die alten Griechen nach Süditalien gebracht hatten, erzählt Pietro Laureano. Der Professor hat sich intensiv mit der Geschichte Materas beschäftigt.

"Das hier war eine Stadt nach dem antiken griechischen Modell", sagt Laureano. "In der griechischen Polis gingen sie aufs Feld arbeiten, aber am Abend trafen sie sich auf dem Forum. Sie diskutierten, gingen ins Theater, um Aischylos zu hören. Hier galt die Tradition der Magna Graecia. Hier lebten Bauern, die sich abends elegant anzogen und sich auf dem Platz zum Diskutieren trafen."

Bauern hinter städtischen Mauern. Im Süden Italiens hat sich diese griechische Tradition lange gehalten.

Matera - Europäische Kulturhauptstadt 2019
Tassilo Forchheimer, ARD Rom
22.12.2018 15:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 01. Januar 2019 um 11:05 Uhr in der Sendung "Notizen aus Matera".

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