Menschen schauen in Havanna von außen durchs Fenster in ein Geschäft. | Bildquelle: Ernesto Mastrascusa/EPA-EFE/REX

Kuba Wenn Nägel, Sprit und Touristen fehlen

Stand: 01.11.2019 11:21 Uhr

Kubas Wirtschaft erlebt eine neue Krise: Verschärfte US-Sanktionen und der wirtschaftliche Zusammenbruch des verbündeten Venezuela bereiten der Karibikinsel große Probleme.

Von Anne-Kathrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Vorsichtig klopft Daniel Garcia Nägel in einen Holzrahmen. Holz sei in Kuba Mangelware, so wie alles andere, schimpft der Handwerker. Die derzeitige Krise sei aber keine neue Spezialperiode wie in den 1990er-Jahren, nachdem die Unterstützung aus dem Ostblock weggefallen war, sondern nur eine weitere Etappe.

Seit Kuba die Devisen ausgehen, kann der selbstständige Tischler in Havanna das Material für seine Kleinmöbel nur noch über Umwege beschaffen. Als der US-Präsident noch Barack Obama hieß, seien Werkzeuge und Holz aus den USA in die staatlichen Läden geliefert worden. Seit Donald Trump sei das wieder vorbei.

Touristinnen in Havanna | Bildquelle: REUTERS
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Touristen in Havanna werden immer weniger, was Kuba zusätzlich belastet.

Ebenso bleiben die konsumfreudigen US-Touristen fern: "An meinem Haus kamen Touristen vorbei und kauften bei mir ein, jetzt kommt keiner mehr und die Kubaner können sich meine Produkte nicht mehr leisten", erzählt Garcia. Weil auch sie vom Tourismus lebten. 

"Ich muss ein kubanischer Superman sein"

Für den Handwerker ist die Lage hart: "Ich muss meine Familie ernähren, meine Kinder sind in der Uni, in der es keine Gratis-Mahlzeiten mehr gibt, also zahle ich für alles", sagt Garcia. Sein Arbeitsmaterial müsse er auch kaufen - und der Preis dafür habe sich verdreifacht. "Ich muss ein kubanischer Superman sein, um das alles zu schaffen. Tagtäglich."

Für Privatleute wie Garcia sind Holz und Nägel nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Im September war auch Benzin extrem knapp. Ein Ergebnis der neuen US-Sanktionen gegen Venezuela, das wegen seiner eigenen Krise dem verbündeten Kuba schon seit Jahren immer weniger Öl liefert.

US-Präsident Trump hat auch die Sanktionen gegen Kuba verschärft, was vor allem die wichtige Devisenquelle Tourismus trifft. Beides zusammengenommen würgt die Wirtschaft ab. Nach offiziellen kubanischen Angaben wächst die Wirtschaft nur noch um 0,5 Prozent.

Benzin-Knappheit legt Land quasi still

Der Ökonom Omar Everleny aus Havanna bezweifelt selbst das. Die kubanische Wirtschaft sei schon immer wenig gewachsen, sagt er. "Die Benzinknappheit im September hat das Land praktisch stillgelegt und ich habe den Eindruck, dass es null Wachstum geben wird." Aber die kubanische Wirtschaft müsse wachsen, damit es mehr Waren und Dienstleistungen gebe und Inflation vermieden werde.

"Leider sehe ich nicht, wie wir das kurzfristig erreichen können", sagt der Ökonom. Die Optionen hätten immer auf der Hand gelegen, seien allerdings nicht umgesetzt worden: "Kuba muss exportieren, hat aber keine konkurrenzfähigen Produkte." Dafür brauche das Land Investitionen, die es aber nicht genug gebe. "Vielleicht schaffen wir sogar die 0,5 Prozent, aber von realem Wachstum kann man nicht sprechen", prognostiziert Everleny.

Im kubanischen Sozialismus dauere die Öffnung des privaten Sektors zu lange, beklagt der Ökonom. Immer noch fehlten Großmärkte für Selbstständige. Für ihre Restaurants und Cafeterias kaufen sie in den Läden der Normal-Verbraucher.

Trump zerstört Träume

Auch Tischler Garcia wünscht sich endlich Großmärkte, in denen er das Material für seine Kleinmöbel und Souvenirs kaufen kann. In der Obama-Zeit, als sich Kuba wirtschaftlich öffnete, habe er an eine Zukunft geglaubt. Damals habe er wieder geträumt: "Ich kam voran, hatte ein ruhiges, sicheres Arbeitsleben und war einfach glücklich."

Mit Trump sei dieser Traum aber nun wieder Geschichte: "Dieser neue US-Präsident gibt uns den Dolchstoß mit dem Namen: 'NEIN zu diesem sozialistischen System'", schimpft Garcia. Daraufhin sei den Kubanern die Luft ausgegangen. "Dieser Präsident hat es geschafft, unsere Ideen zu ersticken. Wir gehen mit gesenktem Haupt und können den Blick nicht in die Zukunft richten." Solange Trump regiere, ginge es für die Kubaner nur bergab.

Kühlschrank im Devisenladen kaufen

Langsam reagiert die kommunistische Partei- und Staatsführung auf die neuen Herausforderungen. Die Krise lindern sollen jetzt Devisenläden: Kubaner können darin Haushaltsgeräte wie Kühlschränke und Mikrowellen mit Dollar erwerben, die sie im Tourismus verdienen oder die Verwandte aus dem Ausland schicken. So nimmt der Staat Devisen ein.

Wirtschaftswissenschaftler Everleny, der an der Reformagenda des früheren Präsidenten Raúl Castro mitgearbeitet hatte, bis er in Ungnade fiel, glaubt nicht, dass diese neue Maßnahme die Probleme löst: "Im Grunde führen sie damit nur eine dritte Währung ein. Wir haben ja schon den konvertierbaren Peso und den kubanischen Peso. Eigentlich sollte die Doppelwährung längst abgeschafft sein."

Dollar werden knapp

Doch der Ökonom sieht daran auch etwas Positives: "Positiv daran ist, dass der Staat Dollar einnimmt, die vorher im Ausland ausgegeben wurden. Damit kann er Rohstoffe für die Industrie importieren." Aber es werde lange dauern, bis das wirke und die Wirtschaft wachse. "Die Staatsführung sagt zwar, es gebe dadurch keine Dollarisierung, aber das stimmt nicht", sagt Everleny. Wenn die Leute die Möglichkeit hätten, bestimmte Produkte billiger mit US-Dollar einzukaufen, würden sie umtauschen, was sie können.

"Die Dollar, die aus den USA zu uns kommen, werden in nächster Zeit knapper", sagt der Ökonom. Unter anderem, weil wegen der neuen Sanktionen weniger US-Touristen auf die Karibikinsel kommen und weil US-Präsident Trump die Geldüberweisungen an Verwandte eingeschränkt hat.

In Geschäften regiert der Mangel

In den normalen Geschäften regiert der Mangel. Der Staat kann kaum noch importieren. Und weil Diesel für Busse und Lkw knapp ist, funktionieren Transport und Verteilung der Waren aus eigener Produktion nur schlecht.

Die langen Schlangen vor den Tankstellen sind erst einmal wieder verschwunden, weil neue Öl-Lieferungen eingetroffen sind. Jetzt gibt es Energiesparprogramme und es gelingt, die Auswirkungen des Treibstoffmangels für die Bevölkerung gering zu halten. Stromabschaltungen in Haushalten wie in der Spezialperiode der 1990er-Jahre gab es noch keine.

 

Kubas Wirtschaft steht still
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
01.11.2019 09:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2019 um 05:13 Uhr.

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