Wahlplakat in Kroatien | REUTERS

Parlamentswahl Kopf-an-Kopf-Rennen in Kroatien erwartet

Stand: 05.07.2020 01:26 Uhr

Im Vorfeld der Parlamentswahl in Kroatien sah es lange nach einem sicheren Sieg von Amtsinhaber Plenkovic aus. Doch dann stiegen die Corona-Infektionszahlen - und der Vorsprung schrumpfte. Auch ein Außenseiter macht sich Hoffnungen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Bei der heutigen Parlamentswahl in Kroatien prognostizieren die letzten Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der regierenden rechtskonservativen HDZ unter Ministerpräsident Andrej Plenkovic und dem Mitte-Links-Bündnis, das vom sozialdemokratischen Parteichef Davor Bernadic angeführt wird. Beide Lager können mit 55 bzw. 56 Mandaten im 151 Sitze umfassenden Parlament rechnen, so die jüngste Erhebung des Privatsenders RTL.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Plenkovic, seit Oktober 2016 im Amt, warb für seine Wiederwahl mit dem Motto "ein sicheres Kroatien" - für die Bekämpfung der Corona-Pandemie hatte er zunächst große Zustimmung in der Bevölkerung erhalten. Seit zwei Wochen steigt jedoch wieder die Anzahl der Neuinfektionen, sein Krisenmanagement gerät zunehmend in die Kritik.

Fernsehdebatte im Zeichen von Corona

In der abschließenden Fernsehdebatte am Freitagabend im privaten Sender Nova TV verwies Plenkovic auf die wirtschaftlichen Erfolge der vergangenen Regierungsjahre: "Wir werden diese Wahlen gewinnen, denn wir haben in den vergangenen vier Jahren die Lebensqualität unserer Bürger verbessert."

Die Durchschnittslöhne seien während seiner Regierungszeit um rund 150 Euro gestiegen, die Mindestlöhne um rund 100 Euro und die Renten um mehr als 40 Euro. "Kroatien hat jetzt ein gesundes Wirtschaftswachstum, das davor - während der Regierung der Sozialdemokraten - stagnierte", so der Regierungschef. Drei Jahre hintereinander gebe es einen Haushaltsüberschuss, die Staatsverschuldung sei verringert worden, und Kroatien schreite der Eurozone und Schengen entgegen.

Steigende Infektionszahlen, schrumpfende Wirtschaft

Doch die Corona-Pandemie trifft Kroatiens Wirtschaft so schwer wie kaum ein anderes EU-Land. Vor allem die Einbußen im wichtigen Tourismussektor dürften deutliche Spuren hinterlassen. So sagt die Weltbank Kroatien für dieses Jahr einen Rückgang von 9,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts voraus.

Davor Bernadic, der 40-jährige Parteichef der oppositionellen Sozialdemokraten, lenkte in der TV-Debatte das Augenmerk auf den deutlichen Anstieg der Infektionszahlen. Es sei der schlimmste Tag seit dem Beginn der Corona-Pandemie: "Dabei haben Sie noch am 28. Mai in Split triumphierend verkündet, Sie hätten Corona besiegt. Und jetzt ist Corona wieder da, wie es scheint noch schlimmer als davor", wirft Bernadic Plenkovic vor.

Gab es in Kroatien Mitte Juni noch weniger als 100 aktive Fälle, so sind es nunmehr mehr als 700, vor allem in der Hauptstadt Zagreb hätten sich junge Leute bei Club-Besuchen und Partys nicht um Abstandsregeln gekümmert und damit zu dem erneuten Anstieg der Infektionszahlen beigetragen.

Ein Außenseiter könnte zum Königsmacher werden

Drittstärkte Kraft wird den Umfragen zufolge die neu gegründete rechtsnationale "Heimatbewegung" des ehemaligen Pop- und Folk-Sängers Miroslav Skoro. Er war im Dezember letzten Jahres bei der Präsidentenwahl angetreten und hatte 24 Prozent der Stimmen erzielt. Er könnte nach der Parlamentswahl und der anschließenden, langwierigen Koalitionsbildung zum "Königsmacher" aufsteigen.

Und so droht Skoro seinen politischen Rivalen unverhohlen: "Meine lieben Herren, ich habe eine schlechte Nachricht für Euch: Ich komme, um Eure Pläne durcheinander zu bringen." Skoro bezeichnet sich als "der kleine David", der den "arroganten und scheinbar unbesiegbaren Goliath" besiegt habe: "So wie David mit seiner Schleuder, so werde ich Euch dort treffen, wo es am meisten weh tut."

"Ich gehe auf die Nerven"

Er wisse, dass man mit ihm nicht gerechnet habe, dass er nicht ins Schema passe, dass er auf die Nerven gehe und man sich in seiner Gegenwart nicht wohl fühle, so Skoro. "Aber das ist nichts im Vergleich dazu, wie lange Ihr schon uns allen auf die Nerven geht. Und merkt Euch: Das mache ich nicht aus Interesse, sondern weil ich meine Heimat liebe!"

Die Wahllokale, in denen strenge hygienische Auflagen wie Fiebermessen und Gesichtsmasken-Pflicht gelten, schließen um 19 Uhr.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Juli 2020 um 09:08 Uhr.