Kroatien EU

Feiern zum EU-Beitritt Kroatiens Von Euphorie ist wenig zu spüren

Stand: 01.07.2013 04:25 Uhr

Kroatien gehört seit Mitternacht der Europäischen Union an. Der kroatische Regierungschef Milanovic betonte, sein Land sei eine Brücke zu anderen Balkanländern, die versuchen die EU-Kriterien zu erfüllen. Die Kroaten selbst sehen den Beitritt skeptisch.

Von Ralf Borchard, ARD-Studio Südosteuropa, zzt. Zagreb

"Gratulation, Kroatien", rief EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso auf Englisch und Kroatisch unter dem Jubel des Publikums und sprach von einer "historischen Nacht". Kroatien habe hart gearbeitet und sei gut auf den Beitritt in die Europäische Union vorbereitet, so Barroso.

Ralf Borchard ARD-Studio Wien

Der kroatische Regierungschef Zoran Milanovic betonte, er sehe sein Land als Brücke zu den Nachbarländern des westlichen Balkans. "Es liegt an uns, den Ländern in der Region die Hand zu reichen und ihnen zu helfen, die europäischen Kriterien möglichst schnell zu übernehmen. Mit diesen Ländern und Nationen sind wir untrennbar verbunden", so Milanovic.

Kroaten schwenken Flaggen der EU

Feiern in Zagreb - trotz Skepsis und Misstrauen

Auch wenn Tausende Bürgerinnen und Bürger mit einem bunten Programm aus Klassik, kroatischer Folkore, Pop und Rockmusik bis nach Mitternacht feierten - von Beitrittseuphorie ist wenig zu spüren auf den Straßen von Zagreb: "Wir werden sehen, was kommt. Wir erwarten, dass es besser wird - jedenfalls hoffen wir es", meint eine Passantin. Sie hoffe vor allem auf Arbeit, sie sei jetzt arbeitslos: "Es ist nicht fair, dass manche alles haben und andere nichts. Ich hoffe, dass sie uns nicht übers Ohr hauen in der EU, denn wir haben genug gelitten. Wir hatten Krieg und andere schlimme Sachen, man sollte etwas mehr Verständnis für die Armen haben."

"Schlecht ist es, eine Katastrophe", sagt dieser Gegner des EU-Beitritts. "Die EU wird uns alles wegnehmen, und sie wird uns nichts geben", fügt er hinzu. "Für mich bedeutet es nichts Konkretes", meint eine andere Passantin fast gleichgültig, "vielleicht einfacher reisen, und dass wir uns nicht mehr wie Bürger der Dritten Welt fühlen."

Zweifel an Fortschritten

Zwar ist die Mehrheit in Kroatien Meinung, dass ihr Land ganz selbstverständlich zu Europa gehört und die EU-Mitgliedschaft der richtige Schritt ist, gleichzeitig herrscht angesichts der Wirtschaftskrise große Skepsis, ob der EU-Beitritt konkrete Fortschritte bringt.

Umgekehrt wird in den anderen EU-Ländern betont, dass Kroatien in den Punkten Korruptionsbekämpfung, Justiz- und Wirtschaftsreformen zwar Fortschritte gemacht, aber noch einen langen Weg vor sich hat.

Eine wenig dankbare Rolle bei den Beitrittsfeiern hatte der Vertreter der Bundesregierung, der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Link. Die Absage von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat für Verstimmung gesorgt. Dass statt der Kanzlerin nicht einmal der deutsche Außenminister, sondern nur ein Vertreter aus der dritten Reihe kam, wurde in Zagreb als deutliche Kritik gewertet, entweder an Kroatiens Beitrittsreife insgesamt oder an der Weigerung, den früheren Geheimdienstchef Josip Perkovic an Deutschland auszuliefern.

Beides stimme nicht, Merkel habe nur Terminprobleme, sagte Staatsminister Link im ARD-Interview: "Wir freuen uns auf Kroatien als Mitglied Nummer 28. Und das ist keine Rhetorik, sondern Kroatien hatte wahrscheinlich den schwersten Vorbereitungsprozess von allen Mitgliedern - von allen neuen Mitgliedern - und deshalb freuen wir uns, dass Kroatien jetzt dabei ist."

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KOMMENTARE

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Oberfranken KU 01.07.2013 • 12:04 Uhr

@koridor: Warum so von Oben herab?

Ich finde es nicht richtig wie sie hier Kommentatoren "Halbwissen" vorwerfen. Das setzt ja voraus das sie "Alles" bis ins kleinste Detail wissen. Diesen Vorwurf können sie höchstens der Politik machen die anscheinend so ihre Entscheidungen trifft, und das hat Auswirkungen, im Gegensatz zu Kommentaren hier. Ich habe nachgeschaut, Reisefreiheit mit dem "Schengener Abkommen" ist für Kroation für den 1. Juli 2013 geplant. Inwieweit das schon gültig ist weiss ich noch nicht, wird aber kommen. Also ist ihre Behauptung auch nur "Halbwissen" oder zumindest hinterher. Trotz diesem Abkommen wollen aber viele Staaten diese Freiheiten wieder national begrenzen, das ist aktuell. Das mit dem Euro stimmt schon, dafür gibt es aber etliche andere finanzielle Hilfen die abgerufen werden können. Der Kuchen wird aber nicht grösser, die Staaten aber immer mehr. Ich weiss nicht wie die Kroaten dazu stehen, das ist sicher so verzwickt wie die Äusserungen bei uns in Deutschland zu unserer Regierung ;-)