Saida Mousseh Mohammed Hassan und die Kadaver einiger ihrer Tiere.  | dpa
Feature

Berichte aus Krisengebieten Vergessene Not

Stand: 13.02.2020 07:06 Uhr

Es gibt humanitäre Krisen auf der Welt, die kaum für Schlagzeilen sorgen. Eine Hilfsorganisation macht jedes Jahr darauf aufmerksam. Wie ist die Lage in den zehn Regionen, die 2019 "vergessen" wurden? ARD-Korrespondenten sind dem nachgegangen.

Seit mehreren Jahren veröffentlicht die Hilfsorganisation Care eine Liste mit vergessenen humanitären Krisen. Wo leiden viele Menschen, ohne dass die Welt Anteil nimmt? "Suffering in Silence" heißt der jährliche Bericht. Zehn Krisen des vergangenenen Jahres ohne umfangreiche Berichterstattung werden darin aufgeführt - neun betroffene Regionen liegen in Afrika. Wie sieht es in den Ländern wirklich aus? Hier berichten die ARD-Korrespondenten über ihre Sicht auf die Krisenregionen.

Karte von Afrika mit den zehn Ländern, in denen es laut Care von den Medien weitgehend unbeachtete Krisen gibt. |

Tropischer Sturm auf Madagaskar | dpa

Palmen während eines Sturms auf Madagaskar 2017 Bild: dpa

Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt und liegt im Indischen Ozean. Stürme mit der Stärke eines Hurrikans sind noch nicht oft auf den Inselstaat getroffen, aber durch die Erwärmung der Ozeane steigt das Risiko von Zyklonen. Seit Jahren schon gibt es nicht genug Nahrung auf der Insel. Drei Viertel der Madegassen arbeiten in der Landwirtschaft und haben doch nicht genug zu essen. Sogar die Hauptnahrungsmittel Reis und Mais müssen eingeführt werden. Um immer mehr davon auf der Insel anzubauen, werden immer mehr Bäume gefällt oder abgebrannt. Bäume wachsen nur noch auf zehn Prozent der Fläche der einst komplett bewaldeten Insel.

Jana Genth | SWR

<em>Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg</em> Bild: SWR

Das hat Folgen für das Weltklima, aber auch direkte Folgen für die Menschen im Fall von Starkregen. Es gibt seit kurzem eine inselweite Wiederaufforstungsaktion, aber sie wirkt vorerst wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Nach Angaben der Weltbank leben 71 Prozent der Madegassen unterhalb der Armutsgrenze. In diesem Jahr sollen die Zahlen aktualisiert werden - 2021 will die Weltbank neue Ergebnisse veröffentlichen. Es ist aber davon auszugehen, dass sich der Anteil der armen Menschen nicht verringert hat. Armut in Madagaskar geht einher mit Hunger und Mangelernährung.

Frau mit Kind in einer Notunterkunft in der Zentralafrikanischen Republik | AFP

Eine Frau mit ihrem Kind in einer Behelfsunterkunft in Bangui nach einem Hochwasser 2019. Bild: AFP

Die Zentralafrikanische Republik besitzt jede Menge Diamantenvorkommen, Gold, Erdöl und Uran. Trotzdem zählen ihre Bewohner zu den ärmsten der Welt. Zur Ruhe ist das Land seit der Unabhängigkeit von Frankreich eigentlich nie gekommen. 2013 versinkt das Land endgültig im Chaos, als muslimische Rebellen die Regierung stürzen und die christliche Mehrheit zurückschlägt. Zwar wird im Frühjahr 2019 ein Friedensvertrag geschlossen, bis heute flammen aber blutige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Milizen und Volksgruppen immer wieder auf.

Norbert Hahn, WDR | WDR/Herby Sachs

<em>Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi</em> Bild: WDR/Herby Sachs

"Mehr als die Hälfte der Menschen im Land sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zugleich ist es auch das zweitärmste Land der Welt. Wir haben also sowohl einen bewaffneten Konflikt als auch chronische Not. Der Bevölkerung bleiben weder Sicherheit noch Menschenwürde," sagt Rosario Bruno von der UN-Hilfskoordination in der Hauptstadt Bangui der ARD.

Insgesamt sind fast drei Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Es bleibt zu befürchten, dass sich die Lage auch in diesem Jahr nicht wesentlich bessert: Zwei ehemalige politische Führer des Landes, denen schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, sind in den vergangenen Wochen aus dem Ausland nach Bangui zurückgekehrt. Keine guten Aussichten für ein geschundenes Land. Zudem wird der ausländische Einfluss auf das Land immer größer: Neben Frankreich und dem Westen wollen nun auch China und Russland am Reichtum des Landes teilhaben. Sichtbar geholfen hat das den Menschen bislang nicht.

Ein sambischer Farmer zeigt auf seine kleinen Pflanzen | STRINGER/EPA-EFE/REX

Ein Farmer aus Sambia auf seinem Feld Bild: STRINGER/EPA-EFE/REX

Hunger ist Alltag in Sambia. Der Großteil der Menschen auf dem Land lebt von der Landwirtschaft - durch die klimatischen Bedingungen sind die Erntemengen aber nicht üppig. Dürren und Überschwemmungen haben sich in den vergangenen beiden Jahren abgewechselt. Überschwemmungen gibt es eher im Norden des Landes, weil der kongolesische Regenwald angrenzt. Trockenheit betrifft vor allem den Süden.

Jana Genth | SWR

<em>Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg</em> Bild: SWR

In allen Regionen sind wiederholt Ernten ausgefallen. Die Bischofskonferenz in Sambia hat jüngst davon gesprochen, dass Menschen sogar in der Savanne nach Essbarem suchen. Auch die Versorgung mit Trinkwasser ist problematisch. Die Viehhaltung ist im ganzen Land schwierig. Dazu kommt auch in Sambia Armut. Die Menschen haben oft nur eine einzige Mahlzeit am Tag - diese besteht meist ausschließlich aus Maismehl und Wasser. Von ausgewogener Ernährung kann keine Rede sein, weshalb auch Mangelernährung verbreitet ist.

Auch Nachbarländer sind betroffen, unter anderem weil das Risiko von Zyklonen mit zunehmender Erwärmung der Ozeane ansteigt. Erst im vergangenen Jahr trafen zwei Zyklone die Küste Mosambiks und richteten auch in der Landwirtschaft verheerende Schäden an. Zudem fallen durch Dürre in Simbabwe ganze Ernten aus. Dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zufolge ist allein in Simbabwe die Hälfte der 15 Millionen Einwohner akutem Hunger ausgesetzt.

Pierre Nkurunziza | AFP

Offiziell im Ruhestand, doch seine Macht scheint Pierre Nkurunziza nicht abgeben zu wollen. Bild: AFP

Der scheidende Präsident von Burundi, Pierre Nkurunziza, hat sich in einer seiner letzten Amtshandlungen einen vergoldeten Ruhestand gesichert. Er bekommt weiter das Gehalt eines Abgeordneten, dazu 500.000 Euro und eine Luxus-Villa. Außerdem den Ehrentitel "Ewiger oberster Führer" - ein nicht sehr versteckter Hinweis darauf, dass Nkurunziza die Herrschaft auch im Ruhestand nicht wirklich abgeben wird. Er hinterlässt seinem auserkorenen Nachfolger Evariste Ndayishimiye ein herunter gewirtschaftetes Land.

Antje Diekhans, WDR |

<em>Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi</em>

Mehr als 70 Prozent der elf Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Immer wieder gibt es Unruhen. Die Hutu-Führung unterdrückt die Minderheit der Tutsi im Land. Viele Tausende leben deswegen im Exil. Die UN-Menschenrechtskommission sprach zuletzt von einem "Klima der Straflosigkeit" und "ernsthaften Menschenrechtsverstößen". Es soll systematische Tötungen und Folter geben. Eine genaue Einschätzung der Lage im Land ist schwierig - der Präsident hatte zuletzt das für Menschenrechte zuständige UN-Büro im Land schließen lassen. Auch dem Internationalen Strafgerichtshof gehört Burundi nicht mehr an. Für die Bevölkerung gibt es kaum Hoffnung, dass sich an der Lage in naher Zukunft etwas ändert.

Flüchtlinge, viele von ihnen aus Eritrea, am Flughafen in Kigali, Ruanda | AFP

Flüchtlinge, viele von ihnen aus Eritrea, am Flughafen in Kigali, Ruanda Bild: AFP

Eritrea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Einer der Gründe, warum jedes Jahr Tausende die Flucht Richtung Europa wagen - aber nicht der einzige. Das Land wird als das "Nordkorea Afrikas" beschimpft. Isoliert von seinen Nachbarn, abgeschottet und mit eiserner Hand regiert. Berichte zum Beispiel von Amnesty International über rund 10.000 politische Gefangene, über grauenhafte Bedingungen in den Gefängnissen, über Mord und Folter werden von der Regierung pauschal als Märchen abgetan.

Antje Diekhans, WDR |

<em>Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi</em>

Jeder Eritreer kann von der Schulbank bis zum Greisenalter jederzeit zum Militärdienst verpflichtet werden. Eine immense Belastung für die Wirtschaft des Landes und ein Grund dafür, dass Flüchtlinge schon beim heimlichen Überqueren der Grenze ihr Leben riskieren. Sie gelten nämlich als Deserteure und können sofort erschossen werden. Das Schizophrene daran: Das Land ist auf die rund eine Million Auslandseritreer und ihr Geld angewiesen. Geschätzt ein Drittel der Wirtschaftsleistung Eritreas wird von Flüchtlingen erbracht, die zu Hause als Verbrecher betrachtet werden.

Nordkoreaner ziehen einen Karren (Archivbild vom 22.11. 2017). | AFP

Menschen ziehen einen Karren mit Kohl in Hamhung in Nordkorea. Bild: AFP

Laut dem Care-Bericht benötigen 10,9 Millionen Menschen in dem isolierten Land humanitäre Hilfe. Diese Zahlen geben die UN an, rund 40 Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung sind von Hunger bedroht. Das liegt zum einen an Naturkatastrophen, zum anderen aber auch daran, dass die Menschen bereits geschwächt und damit anfälliger dafür sind, wenn Katastrophen passieren.

Kathrin Erdmann  | NDR/Christian Spielmann

<em>Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio</em> Bild: NDR/Christian Spielmann

Die Situation ist je nach Region in Nordkorea sehr unterschiedlich. Was vielen Menschen hilft, sind kleine eigene Gemüsegärten, durch die sie sich zum Teil selbst versorgen können. Aber es fehlt häufig an dem Nötigsten. Das wurde bei einem Besuch im vergangenen Sommer deutlich. Viele Menschen brauchen Strom, Wasser sowie Medikamente.

Wie die aktuelle Situation ist, lässt sich schwer sagen. Aber da Machthaber Kim Jong Un bereits mehrfach dazu aufgerufen hat, mehr Reis zu produzieren, dürfte sie weiterhin problematisch sein. Die Perspektive? Das Land scheint sich mehr und mehr abzuschotten, Lebensmittelhilfen werden nicht immer ins Land gelassen und vieles wird durch die bestehenden Sanktionen auch erschwert. Wie es weiter geht, hängt nicht zuletzt von weiteren Verhandlungen mit den USA ab. Da sieht es aber derzeit schlecht aus.

Hochhaus in Nairobi | REUTERS

In Nairobi und Mombasa floriert in Wirtschaft. In anderen Teilen Kenias sieht die Situation anders aus. Bild: REUTERS

Kenia ist die stärkste Volkswirtschaft in Ostafrika - mit Wachstumsraten um sechs Prozent. In der Hauptstadt Nairobi schießt ein Wolkenkratzer nach dem anderen aus dem Boden. Innerhalb kürzester Zeit sind viele Straßen und eine Bahnlinie von der Hauptstadt zur Küste gebaut worden. Der Flughafen ist neu. Der Hafen in Mombasa expandiert und nur etwa 250 Kilometer weiter nördlich ist der nächste Mega-Hafen so gut wie fertig. Vieles davon ist zwar auf Pump finanziert - mit Geldern vor allem aus China. Nichtsdestotrotz ist Kenia schon länger kein Entwicklungsland mehr, sondern wird von der Weltbank als Land mit niedrigem mittlerem Einkommen eingestuft. Warum sollten in so einem Land Menschen Hunger leiden?

Antje Diekhans, WDR |

<em>Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi</em>

Tatsächlich gibt es Regionen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt sind. Vor allem in der Halbwüste im Norden ist von Fortschritt nicht viel zu spüren. Die Menschen leben noch als Halbnomaden und ziehen mit ihrem Vieh immer weiter, bis sie ein bisschen Grün finden. In Dürrezeiten sind sie oft auf Lebensmittelhilfen angewiesen. In diesem Jahr ist die Versorgunglage auch in anderen Gebieten Kenias schlecht. Nach einer langen Dürrezeit gibt es jetzt schon seit Monaten heftige Regenfälle. Viele Regionen wurden überflutet. Vieh und auch einige Menschen ertranken. Dazu kommt noch eine Heuschreckenplage. Riesige Schwärme sind aus den Nachbarländern Äthiopien und Somalia herübergekommen. Es wird befürchtet, dass die Heuschrecken sich in den nächsten Wochen noch weiter vermehren könnten und einen Großteil der Ernte vernichten.

Eine Volkswirtschaft wie Kenia müsste für solche Notzeiten eigentlich Reserven haben. Dass die fehlen, liegt zum großen Teil an der allgegenwärtigen Korruption im Land. Riesige Summen verschwinden immer wieder in den Taschen von Politikern und anderen Strippenziehern. Wenn das endet, wären auch die Notlagen in Kenia voraussichtlich kein Thema mehr.

Ein Soldat im Norden von Burkina Faso | AFP

Ein Soldat im Norden von Burkina Faso in einem Lager für Binnenflüchtlinge. Bild: AFP

Im Februar 2019 gab es nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 60.000 Vertriebene aus dem Norden und Nordosten von Burkina Faso. Jetzt sind es über 600.000. Die Zahl der Menschen, die in dem westafrikanischen Land vor Gewalt und Hunger geflohen sind, verzehnfachte sich innerhalb von nur einem Jahr. Angesichts der ständig zunehmenden Überfälle und Anschläge in Burkina Faso dürfte diese Zahl sehr rasch weiter ansteigen.

Jens Borchers, HR | null

<em>Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika </em>

Seit 2015, als die Welle der Attacken begann, sind mehr als 750 Menschen umgekommen. Das alles geschieht in einem Land, das ohnehin große Schwierigkeiten hat, sich ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen. Nach Angaben des Erziehungsministeriums mussten 2341 Schulen schließen. Das bedeutet: Mehr als 320.000 Kinder bekommen keinen Unterricht.

Die Gründe: Gewalttätige Milizen und Dschihadisten-Gruppen dringen seit Jahren aus dem krisengeschüttelten Nachbarland Mali nach Burkina Faso vor. Laut einer Analyse der International Crisis Group (ICG) könnten sie darauf zielen, Burkina Faso als Sprungbrett in die benachbarten westafrikanischen Küstenstaaten zu nutzen: Ghana, Benin, Guinea, Elfenbeinküste. In Burkina Faso treffen sie auf einen schwachen Staat. Die Armee ist schlecht ausgebildet, die Regierung in Teilen des Landes kaum präsent. Korruption und ethnische Konflikte sind an der Tagesordnung. Dieses Umfeld nutzen die Milizen und Terrorgruppen für sich.

Die Regierung Burkina Fasos scheint in jeder Hinsicht überfordert. Die Versuche, der Bedrohung mit internationaler Unterstützung militärisch zu begegnen, haben keinerlei Erfolg gezeigt. Ende Januar verabschiedete das Parlament ein Gesetz, demzufolge jedes Dorf mindestens zehn Freiwillige benennen soll. Sie sollen bewaffnet werden, um die Armee zu unterstützen. Schon jetzt existieren zahlreiche Vigilanten-Gruppen, die bewaffnet gegen potentielle Angreifer vorgehen. Das führt zunehmend zu ethnischen Konflikten, die Gewaltspirale dreht sich auch deshalb immer schneller.

Schlechte Gesundheitsversorgung, hohe Arbeitslosigkeit und grassierende Korruption gehören ebenfalls zu den Faktoren, die Burkina Fasos Krise anheizen. Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen, Caritas International und andere Nichtregierungsorganisationen warnen immer häufiger vor der dramatischen humanitären Krise im Land.

Abiy Ahmed Ali erhält den Friedensnobelpreis | Hakon Mosvold Larsen/POOL/EPA-EF

Vom Ausland mit Lob überschüttet, steht Abiy Ahmed in Äthiopien zunehmend in der Kritik. Bild: Hakon Mosvold Larsen/POOL/EPA-EF

In den Schlagzeilen ist das Land am Horn von Afrika vor allem seinetwegen: Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed. Er kam im April 2018 an die Macht, und galt als neuer Star der afrikanischen Politik. Abiy Ahmed begann, das Land zu öffnen, liberalisierte die Wirtschaft, entließ politische Gefangene und schloss Frieden mit dem Erzfeind Eritrea. Dafür bekam der Premierminister im letzten Dezember sogar den Friedensnobelpreis.

Caroline Hoffmann, WDR | Herby Sachs

<em>Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi</em> Bild: Herby Sachs

Seit Abiy Ahmed an der Macht ist, reisten bereits einige deutsche Politiker ins Land. Ihr Ziel: mehr Investitionen ins aufstrebende Äthiopien lenken, Jobs schaffen und das Land zum Stabilitätsanker in der Region machen.

Das alles klingt nach Aufbruch, doch das Land leidet unter massiven Konflikten. In Äthiopien leben mehr als 80 verschiedene Volksgruppen. Seit der neuen Politik der Öffnung brechen die ethnischen Spannungen zwischen ihnen offen aus. Mehr als eine Million Menschen sind nach Angaben der äthiopischen Regierung allein aufgrund solcher Konflikte innerhalb Äthiopiens auf der Flucht. Hinzu kommen rund 450.000 weitere, deren Lebensgrundlage von Dürren oder Überflutungen zerstört worden ist. Das UN-Flüchtlingshilfswerk schreibt, 2020 würden 8,4 Millionen Menschen humanitäre Unterstützung benötigen.

Nicht nur wegen der Konflikte zwischen den Volksgruppen steht Premierminister Abiy Ahmed mittlerweile in der Kritik. Seit letztem Sommer seien immer wieder Oppositionsanhänger und Aktivisten festgenommen worden, sagt Amnesty International und befürchtet eine Umkehr in Richtung der alten, repressiven Seite des Regimes.

Fischer auf dem Tschadsee | dpa

Der Tschadsee schrumpft, an seinen Ufer kämpfen Milizen um die Macht. Bild: dpa

Vier Staaten, ein See, eine Krise: in den Tschadsee-Anrainerstaaten Nigeria, Kamerun, Niger und Tschad kämpfen mittlerweile seit mehr als zehn Jahren Soldaten staatlicher Armeen gegen zu Terroristen-Milizen mutierte Aufständische. Mehr als 2,5 Millionen Menschen mussten deshalb schon aus ihren Heimatregionen fliehen. Ihre Versorgung mit dem Notwendigsten wird kontinuierlich schwieriger. Mehr als fünf Millionen Menschen in der Region haben keine sichere Lebensmittelversorgung.

Jens Borchers, HR | null

<em>Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika </em>

Die Ursachen für diese anhaltende Krise? Sie liegen in schlechter Regierungsführung, wachsender sozialer Ungleichheit, verbreiteter Korruption und grassierenden Menschenrechtsverletzungen. Das habe zu mehr religiösem Fundamentalismus und zur Gründung bewaffneter Gruppen geführt. Diese Analyse lieferte 2019 eine ausführliche Studie unter Leitung der Adelphi-Denkfabrik. Sie war von den G7-Staaten in Auftrag gegeben worden.

Die Folgen sind dramatisch: Immer mehr Menschen fliehen vor der Gewalt. Die Kämpfe legen den einst florierenden Handel lahm. Der Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung ist miserabel. Verschärft wird die Lage durch den Klimawandel. Stark schwankende Temperaturen und Regenfälle beeinträchtigen zunehmend Landwirtschaft und Viehzucht. Die Bauern wissen kaum noch, was sie wann anpflanzen können.

Die vier Anrainer-Staaten des Tschadsees haben auf die Krise bisher vor allem militärisch reagiert. Die Angriffe der Terrormiliz Boko Haram gehen trotzdem weiter. Mittlerweile sucht ein Teil von Boko Haram den Schulterschluß mit dem "Islamischen Staat". Sie bildeten die Guerilla-Truppe ISWAP ("Islamischer Staat in der Westafrikanischen Provinz"), die zunehmend an Einfluss in der lokalen Bevölkerung in der Tschadsee-Region gewinnt. So warnte im Mai 2019 die International Crisis Group, ICG, in einem Bericht. Die ISWAP-Kämpfer hätten in Teilen der Tschadsee-Region einen besseren Ruf als die jeweiligen Regierungen und ihre Soldaten.

Über "Suffering in Silcence"

Die Hilfsorganisation Care teilt auf Nachfrage von tagesschau.de mit, "Suffering in Silence - zehn humanitäre Krisen, die 2019 keine Schlagzeilen machten" diene als Diskussionsgrundlage für Gespräche mit politischen und gesellschaftlichen Akteuren. Eine Sprecherin bestreitet, den Bericht als Mittel zum Einwerben von Spenden angefertigt zu haben, gibt aber zu: "Je weniger über humanitäre Krisen berichtet wird, desto weniger Spenden gibt es." Das Auswärtige Amt betont, dass der Bericht das Bewusstsein dafür schärfe, "dass Menschen in Not in verschiedenen Ländern der Welt einfach vergessen werden".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. September 2019 um 18:30 Uhr.