Kommentar

Schottland

Neues Referendum geplant Schottlands riskante Flucht nach vorn

Stand: 13.03.2017 20:44 Uhr

Wirtschaftlich unvernünftig, von den meisten Schotten nicht gewollt - trotzdem will ihre Regionalregierung ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit. Ein hochriskantes Manöver im Brexit-Streit mit London.

Ein Kommentar von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

Man kann den Frust der Schotten schon verstehen. Über Wochen und Monate habe ihre Regionalregierung versucht, einen Kompromiss mit London zu finden, sagt Regierungschefin Nicola Sturgeon. Sogar den Brexit sei man bereit in Kauf zu nehmen, wenn die besonderen schottischen Interessen berücksichtigt würden.

Aber aus London hieß es am Ende nur: Hier spielt die Musik, und selbst der Oberste Gerichtshof sagte: Was das Artikel-50-Gesetz angeht, habt ihr in den Regionen nichts zu sagen. Die Schotten waren für den Verbleib in Großbritannien, sie waren für den Verbleib in der EU, und als Ergebnis droht ihnen jetzt der harte Brexit.

Ein hochriskantes Unterfangen

Der Frust sitzt verständlich tief - aber der Ausstieg aus dem Ausstieg ist ein hochriskantes Unterfangen. Die Umfragen sind weit weg von einer klaren Mehrheit für die Unabhängigkeit. Die meisten Schotten wollen noch nicht einmal ein neues Referendum. Für viele ist ein Schottland außerhalb des Königreichs noch schwerer vorstellbar als ein Schottland außerhalb Europas.

Andere wissen, dass es wirtschaftlich nicht vernünftig wäre. Zwei Drittel der Ausfuhren aus Schottland bleiben in Großbritannien, nur ein Drittel geht raus in den Rest der Welt, einschließlich Europa. Und manche Fachleute sagen, Schottland sei wirtschaftlich allein gar nicht überlebensfähig. Das Jahresdefizit des kleinen Landes mit gerade einmal 5,5 Millionen Einwohnern lag zuletzt bei 15 Milliarden Pfund.

Alles auf eine Karte

Natürlich weiß Sturgeon das alles. Aber sie hat vom ersten Tag nach dem Referendum an alles auf diese eine Karte gesetzt: die Drohung mit einem Referendum, falls es keinen Sonderweg für Schottland gibt. Jetzt, wo der Kurs von London klar ist, mit einem harten Brexit für alle und ohne Sonderweg für Schottland, da kann Sturgeon kaum noch anders als die Segel zu setzen für ein neues Referendum. Theresa May hat ihr diesen erneuten Aufbruch allerdings auch leicht gemacht mit ihrem unnachgiebigen "No".

Ob aber der Weg dorthin, mit einem erneuten Wahlkampf bis in die Familien hinein, und womöglich eine tatsächliche Unabhängigkeit gut sind für ihr Land und seine Gesellschaft, das ist sehr, sehr ungewiss. Vielleicht wäre es besser gewesen, von vorneherein alle Kraft und Beharrlichkeit in die Beteiligung am Brexit zu stecken - anstatt dem Unausweichlichen ausweichen zu wollen.

Kommentar: Schottlands riskante Flucht nach vorn
T. Spickhofen, ARD London
13.03.2017 20:46 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 13. März 2017 um 22:15 Uhr.

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