Kommentar

Nach Papst-Entscheidung Die Zölibat-Debatte wird weitergehen

Stand: 12.02.2020 16:37 Uhr

So sehr sich Franziskus in sozialen Fragen als Reformer gibt, so sehr ist er in Sachen Kirchenrecht ein Konservativer. Seine Entscheidung zum Zölibat ist enttäuschend - und das Thema noch nicht vom Tisch.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Franziskus selbst gibt in seinem Schreiben den Maßstab vor. "Mutige Antworten" seien gefordert, schreibt er. Wer das päpstliche Dokument durchliest, stellt am Ende enttäuscht fest: Genau diese mutigen Antworten gibt Franziskus nicht. Sein nachsynodales Schreiben fällt in entscheidenden Punkten weit hinter die Empfehlung zurück, der im vergangenen Oktober zwei Drittel der Synodalen im Abschlussdokument zugestimmt hatten.

Und das waren wohlgemerkt nicht Vertreter der Kirche von unten, sondern führende Bischöfe aus der Region und der Weltkirche. Franziskus hat ihren Wunsch nach kleiner Veränderung abgeschmettert und damit einmal mehr daran erinnert, dass er - bei aller Fortschrittlichkeit im Sozialen - in kirchenrechtlichen Fragen fürs Bewahren steht.

Dennoch wird Franziskus die Diskussion um den Zölibat mit seinem heutigen Schreiben nicht vom Tisch bekommen. Die Realität vieler Gemeinden, nicht nur im Amazonasgebiet, wird dafür sorgen, dass die Debatte weitergeht. Die jetzt vom Papst vorgesehene Möglichkeit für Laien, in der katholischen Kirche zu predigen, wird den Mangel an Priestern nicht aufwiegen. Denn die wichtigsten Sakramente, an denen der Kern des Glaubens hängt, bleiben, natürlich, den Geweihten vorbehalten.

Debatten entstehen aus der Realität an der Basis

Während der Papst für verheiratete Männer die Tür kein Stück aufmacht, drückt er sie für Frauen sogar noch demonstrativ zu. Die Diskussion über ein mögliches Frauendiakonat brandmarkt Franziskus als "Reduktionismus". Der Wunsch von Frauen, in der katholischen Kirche Weiheaufgaben wahrzunehmen, hätte mehr Wertschätzung verdient. Auch hier aber gilt: Die Diskussion ist mit dem Nein des Papstes nicht vom Tisch.

Das Oberhaupt der Kirche gibt die aktuell verbindliche Linie für die Katholiken vor, die Debatten entstehen aus der Realität an der Basis. Dies gilt auch für die Zukunft des Synodalen Wegs in Deutschland, in dem mögliche Neuerungen in der katholischen Kirche diskutiert werden sollen.

Die heutigen Vorgaben aus Rom sind kein Rückenwind für Wünsche nach Veränderung. Kardinal Reinhard Marx sagt, seine Entscheidung, sich als Vorsitzender der deutschen Katholiken zurückzuziehen, hänge nicht mit dem aktuellen Schreiben des Papstes zusammen. Da davon auszugehen ist, dass sich ein guter Katholik an das 8. Gebot hält, glauben wir ihm. Dennoch wäre eine gewisse Frustration nachvollziehbar. Weil der Papst heute dem Wunsch auch vieler deutscher Katholiken nach zumindest kleinen Veränderungen die kalte Schulter gezeigt hat.

Kirchenrechtlich ein Konservativer

Überflüssig sind Diskussionen, ob Benedikts umstrittener Aufsatz zum Zölibat und die öffentlichen Warnschüsse konservativer Kardinäle in den vergangenen Wochen das heute veröffentlichte Papier beeinflusst haben. Das ist nicht der Fall. Zum einen heißt es aus dem Vatikan, die Grundzüge des Schreibens seien bereits im Dezember fertig gewesen. Zum anderen, und das ist das Entscheidende: Franziskus ist einfach so. Wer auf mehr gehofft hatte, muss möglicherweise sein Franziskus-Bild korrigieren. Der aktuelle Papst war kirchenrechtlich ein Konservativer, er ist es und er will es offensichtlich bleiben.

Kommentar: Papst-Schreiben ist eine Enttäuschung
Jörg Seisselberg, ARD Rom
12.02.2020 15:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Februar 2020 um 16:22 Uhr.

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