Kommentar

Missbrauch in der Kirche Offene Wunden

Stand: 26.08.2018 20:52 Uhr

Dass der Papst die Missbrauchsfälle nun klar benennt, kann die Wunden nicht heilen. Aber die katholische Kirche hat die Chance, sich an die Spitze eines gesellschaftlichen Wandels zu setzen.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Ganz klar: Mit dem Thema Missbrauch kann man nicht gewinnen. Die Wunden, die die Täter ihren Opfer schlagen, heilen nie ganz, die Opfer leiden oft ihr ganzes Leben unter dem, was ihnen angetan wurde. Viele sind nachhaltig geschädigt, manch einer bringt sich um. Deshalb ist es auch gerechtfertigt, von Überlebenden zu sprechen - von denen, die die schrecklichen Taten überlebt haben. Allein in Irland gibt es Tausende.

Ihre Erwartungen an den Papstbesuch waren hoch. Aber Franziskus konnte sie gar nicht erfüllen. Er hat die Verbrechen klar benannt, er hat das Versagen der Kirchenoberen angesprochen, er hat sich mit Überlebenden getroffen, für sie gebetet. Die Wunden heilt das nicht.

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Zu lange hat die katholische Kirche systematisch die Taten vertuscht und die Aufarbeitung der Fälle behindert, zu lange haben Kirchenobere die Täter gedeckt. Und immer noch tut sich die Kirche schwer damit, Bischöfe, Ordensobere aus dem Verkehr zu ziehen, die - obwohl sie die Fälle auf dem Tisch hatten - nichts dafür getan haben, die Opfer zu schützen und neue Opfer zu verhindern. Das liegt auch an den Machtstrukturen in einer Organisation, in der nur alte, unverheiratete Männer das Sagen haben und in der es schwer ist, einen Bischof zu sanktionieren, selbst für den Papst.

Viele Menschen haben sich wegen der Missbrauchsfälle von der katholischen Kirche abgewandt, nicht nur in Irland, auch in Deutschland, in den USA, in Australien oder in Chile. Überall gab es das gleiche Muster der systematischen Vertuschung.

Die Taten selbst sind aber nicht nur ein Problem der Kirche, sondern der Gesellschaft. Zur Wahrheit gehört auch, dass die allermeisten Missbrauchsfälle immer noch in Familien geschehen. Dass zum Beispiel viele Sportverbände ein eher unterentwickeltes Bewusstsein für das Thema haben. Kinder und Jugendliche vor potentiellen Tätern zu schützen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Auch wegen des Aufschreis über die Skandale in Einrichtungen der katholischen Kirche hat sich viel getan in Irland, in Deutschland oder in den USA - dort hat auch die katholische Kirche inzwischen Konsequenzen gezogen. Und auch in Rom wurden die Regeln im Umgang mit den Fällen verschärft. Bischöfe werden inzwischen dafür sensibilisiert, worauf sie zum Beispiel bei der Ausbildung von Priestern achten müssen, wie man Taten verhindern kann.

Weckruf gehört

Es gibt beim Thema Missbrauch nur Verlierer. Aber die katholische Kirche hat eine Chance: Sie könnte sich an die Spitze des gesellschaftlichen Wandels setzen, der einer Kultur, in der Missbrauch möglich ist, eine klare Absage erteilt.

In einigen Ländern haben die Kirchenoberen, wie es scheint, den Weckruf gehört - wenn auch, wie in den USA zunächst unter dem Druck gewaltiger Entschädigungszahlungen. In anderen Ländern aber hat auch die Kirche noch nicht viel getan. Italien oder Polen beispielsweise haben ihre Missbrauchsskandale noch vor sich. Der Weg ist schmerzhaft, er ist lang. Aber am Ende kann sich etwas ändern - weil sich etwas ändern muss.

Kommentar: Franziskus in Irland - Offene Wunden
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom zzt. in Dublin
26.08.2018 20:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. August 2018 um 19:00 Uhr.

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