Tausende von Menschen demonstrieren gegen Terrorismus und Gewalt. Tausende Kolumbianer haben nach dem schweren Autobombenanschlag auf eine Polizei-Akademie den Toten gedacht und gegen Terrorismus und Gewalt demonstriert.  | Bildquelle: dpa

Kolumbien Tief gespalten und verunsichert

Stand: 11.02.2019 00:54 Uhr

Zwei Jahre nach dem Friedensabkommen mit der FARC ist Kolumbien ein zerrissenes Land, dessen Probleme eng verwoben sind mit der Venezuela-Krise. Heute bricht Bundespräsident Steinmeier zu einer Reise nach Kolumbien auf.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

Die Autobombe explodierte während einer Beförderungsfeier in der Polizeischule General Santander, mitten in Bogotá. Sie riss Mitte Januar 21 Menschen in den Tod, der blutigste Anschlag seit 16 Jahren in Kolumbiens Hauptstadt. Wenige Tage später bestätigte sich, was schon vermutet wurde: Das Attentat ging auf das Konto der ELN, Kolumbiens letzte noch aktive Guerilla.

"Es reicht", erklärte Präsident Ivan Duque daraufhin. Die Kolumbianer ließen sich vom Terrorismus nicht unterjochen. "Die ELN sind nichts weiter als eine kriminelle Maschinerie von Entführungen und Attentaten."

Anschlagsort in Bogotá | Bildquelle: MAURICIO DUENAS CASTANEDA/EPA-EF
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Bei dem Anschlag Mitte Januar wurden 21 Menschen getötet.

Eskalation mit Ansage

Es war das definitive Aus für die ohnehin bereits eingefrorenen Friedensgespräche mit der marxistischen Rebellengruppe. Auch Präsident Duque hatte den Dialog seit Beginn seiner Präsidentschaft blockiert. Eine Eskalation mit Ansage, nur zwei Jahre nachdem Duques Vorgänger Juan Manuel Santos das historische Abkommen mit der größten Guerilla, der FARC, abgeschlossen hatte.

Die Friedensbemühungen würden nun um Jahre zurückgeworfen, glaubt Leon Valencia. Der renommierte Politikwissenschaftler war bis 1994 selbst Mitglied der ELN-Guerilla:

"Die Folgen zahlt das ganze Land. Denjenigen, die auf den Frieden setzen, wurden die Argumente genommen. Und Duque, der bisher politisch wenig überzeugen konnte, gibt das die Möglichkeit, zum kriegerischen Diskurs des rechten Uribe-Lagers zurückzukehren und militärische Lösungen zu fordern. Es wirft außerdem neues Öl ins Feuer im Konflikt mit Venezuela. All das ist sehr traurig."

Mit einem Lastwagen und zwei Containern wurde die Grenzbrücke zwischen Venezuela und Kolumbien abgesperrt | Bildquelle: AP
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Mit einem Lastwagen und zwei Containern wurde vor wenigen Tagen die Grenzbrücke zwischen Venezuela und Kolumbien abgesperrt. Die Maduro-Regierung blockiert damit Hilfslieferungen.

Mit der Venezuela-Krise eng verwoben

Der Erfolg des Friedensprozesses in Kolumbien und die Entwicklungen in Venezuela sind eng miteinander verwoben. Nicht nur, dass in den letzten Jahren über eine Million Venezolaner vor der Krise in das Nachbarland geflohen sind. Die marxistische ELN ist zudem im Grenzgebiet aktiv.

Duque wirft dem Maduro-Regime vor, sie aktiv zu unterstützen, genauso wie Dissidenten der FARC, also Kämpfer, die nicht am Friedensprozess teilgenommen haben. Die Fronten verhärten sich. Valencia warnt:

"Das ist einer der ungelösten Konflikte im Friedensprozess. Sollte es doch zu einer militärischen Intervention kommen und sich Kolumbien in irgendeiner Weise daran beteiligen, würde das ein Feuer in der gesamten Grenzregion mit Venezuela auslösen, der sich mit anderen Konfliktherden zu einem Flächenbrand ausweiten könnte." 

FARC-Kämpfer an einem Entwaffnungspunkt | Bildquelle: AFP
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4. Februar 2017: FARC-Rebellen wollen ihre Waffen abgeben.

Misstrauen gegenüber den Ex-Guerilleros

Kolumbien ist zwei Jahre nach dem Friedensabkommen ein tief gespaltenes Land. Viele misstrauen den Ex-Guerilleros der FARC. Die wiederum werfen der Regierung vor, ihre Versprechen nicht einzuhalten. Dazu hat der Frieden in vielen Regionen des Landes nie Einzug gehalten.

Zahlreiche bewaffnete Gruppen streiten sich um das Erbe der FARC, ihre Drogenrouten und Koka-Plantagen - das Geschäft boomt. Heute wird in Kolumbien mehr Koka angebaut als vor Beginn der Gespräche. Auch der Einfluss ausländischer Drogenkartelle steige, sagt Brigadegeneral Jorge Hoyos, der die sogenannte Hercules-Task-Force an der Grenze zu Ecuador leitet.

"Da sind die mexikanischen Drogenkartelle, die die Qualität des Kokains überprüfen, Ecuadorianer, die den Transport über den Pazifik organisieren und Kolumbianer, die die lokale Kontrolle der Territorien sicherstellen."

Gewalt gegen Aktivisten nimmt zu

Währenddessen ist die Gewalt gegen Menschenrechtsverteidiger dramatisch angestiegen. Mehr als 400 Aktivisten wurden seit 2016 ermordet, auch von Hilfsorganisationen wie Caritas und der Kirche. Ihr Appell an den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der am Montag zu seiner Kolumbien-Reise aufbricht: Sich dafür einzusetzen, dass der Friedensdialog weitergeht - gerade in einem Moment, in dem sich die Fronten auf allen Seiten verhärten.

Kolumbien - Friedensprozess mit Rückschlägen
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
10.02.2019 23:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Februar 2019 um 04:00 Uhr.

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Anne Herrberg, BR

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