Belgien König Albert II (2. v. r.) bei den Feierlichkeiten zum 50. Unabhängigkeitstag der ehemaligen Kolonie "Belgisch-Kongo".

Die Demokratische Republik Kongo feiert Unabhängigkeit Belgien und die Kolonialvergangenheit

Stand: 30.06.2010 00:28 Uhr

Vor 50 Jahren wurde Belgisch-Kongo in die Unabhängigkeit entlassen. Auch die einstige Kolonialmacht feiert das: Allerdings tut sich Belgien schwer, die dunklen Seiten der jahrzehntelangen Macht über das afrikanische Land aufzuarbeiten. Hinzu kommt die heikle Frage, ob man das aktuelle Regime unterstützen darf - und sei es nur mit der Reise des belgischen Königs Albert II. zu den Feierlichkeiten in Kinshasa.

Birgit Schmeitzner ARD-Hauptstadtstudio

Von Birgit Schmeitzner, ARD-Hörfunkstudio Brüssel

Armut, Korruption, Gewalt prägen das Leben der Menschen im Kongo. Das ist heute so und das war unter den belgischen Kolonialherren so. Ausgebeutet zunächst von König Leopold II: Er sah das zentralafrikanische Land als sein Privateigentum, das ihm wertvollen Kautschuk brachte und die Kongolesen in Sklaverei, Elend und in den Tod stürzte. Historiker schätzen, dass mehrere Millionen Menschen umkamen. Die riesigen Gewinne steckte Leopold in Prachtbauten daheim.

Der belgische Autor Lucas Catherine meint: "Der König war visionär, aber auch größenwahnsinnig. Er hat keine Rücksicht auf menschliche Schicksale genommen, sowohl in Belgien als auch im Kongo." Einige forderten daher Gedenktafeln - auf denen steht, dass dieses Gebäude mit dem Blut und dem Schweiß der Kongolesen erbaut worden sei, sagt Catherine.

Großmacht zu Kolonialzeiten

Ein kleines Eingeständnis der Schuld, das allerdings wenig an der Grundhaltung vieler Belgier ändert, die da lautet: "Damals als Kolonialherren, da waren wir wer." Erst 1908 wurde aus dem Kongo formal die Kolonie "Belgisch-Kongo", nachdem Leopold II. international immer mehr unter Druck geriet. Erst jetzt war er bereit, das Gebiet dem belgischen Staat zu unterstellen.

Belgien König Albert II (links) und der geschäftsführende belgische Ministerpräsident Yves Leterme (rechts) bei den Feierlichkeiten zum 50. Unabhängigkeitstag der ehemaligen Kolonie "Belgisch-Kongo"

Belgiens König Albert II (l.) und der geschäftsführende belgische Ministerpräsident Leterme (r.) bei den Feierlichkeiten zum 50. Unabhängigkeitstag der ehemaligen Kolonie "Belgisch-Kongo".

Gräueltaten und Apartheid

Fortan gab es zwar keine exzessiven Gräueltaten mehr, aber nach wie vor Zwangsarbeit auf den Plantagen und Besserungslager für Freiheitskämpfer. Und eine Infrastruktur, die nur für dem Abtransport der erbeuteten Rohstoffe galt sowie Bildung und Krankenversorgung nur für die weiße Oberschicht.

Der im Kongo geborene belgische Historiker Matthieu Zana Etambola, spricht von einer Form der Apartheid: Die Weißen in ihren Ghettos hätten gar nicht gewusst, wie es den armen Schwarzen gehe. "Mitte der 1950er-Jahre geriet dann das Kolonialsystem ins Wanken. Und Massendemonstrationen erzwangen die Unabhängigkeit im Jahr 1960. Der Hoffnungsträger der jungen Republik, der erste Regierungschef Lumumba, ließ das unabhängige, geeinte Kongo und damit die endlich erlangte Freiheit hochleben", so der Historiker Zana Etambola.

Wie soll Belgien an den Feierlichkeiten teilnehmen?

Wenig später war Lumumba tot, ermordet. Zwielichtig auch die Rolle Belgiens: Erst 40 Jahre später räumte die damalige belgische Regierung zumindest eine moralische Schuld ein. Lumumbas Söhne sehen das anders und haben vor kurzem Klage bei einem belgischen Gericht eingereicht. Und damit die Diskussion der Belgier über ihre dunkle Vergangenheit angeheizt.

Dazu kam die heikle Frage, wie Belgien mit den Feierlichkeiten in Kinshasa umgehen soll. Sollen auch belgische Soldaten an der Truppenparade teilnehmen? Erst hieß es: "Ja, sie sollen". Dann: "Nein, sie sollen nicht". Schließlich erklärte der geschäftsführende Premier Yves Leterme: Der belgische König Albert II. fahre nach Kinshasa, damit sei Belgien auf allerhöchster Ebene vertreten und alle anderen Fragen stellten sich damit nicht mehr.

Erste Reise in die ehemalige Kolonie seit einem Vierteljahrhundert

Doch auch diese königliche Reise - übrigens die erste in den Kongo seit 25 Jahren - ist umstritten: Louis Lumumba, der Neffe des ersten kongolesischen Premiers ist Menschenrechtler. Er meint: "König Albert kann doch nicht so einfach akzeptieren, dass sein Besuch 14 Millionen Euro kostet - ein Besuch in einem Land, in dem die Kinder weder Stifte noch Hefte haben und in dem es keine Straßen gibt. Dieses Geld hätte man doch besser in Schulen oder Infrastrukturprojekte stecken sollen." Denn der Kongo, sagt Lumumba, das sei Chaos. Ein Land, in dem die Menschen nur die Wahl haben zwischen dem Nichts und der Hölle.

Auch das ist kein Ruhmesblatt für die ehemalige Kolonialmacht Belgien.