Eine Kuh versucht, auf einer trockenen Weide etwas Futter zu finden. | Bildquelle: dpa

Debatte über "Heißzeit" "Die Prozesse laufen bereits"

Stand: 07.08.2018 19:09 Uhr

Der Planet steuert auf eine "Heißzeit" zu, so die Zusammenfassung mehrerer Klimastudien. Besonders bedenklich: ein ökologischer Domino-Effekt. Doch noch ist es fürs Handeln nicht zu spät.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

Und wieder ist es Sommer geworden. Die Nordsee brandet an den Strand von Dortmund, doch jeder, der kann, bleibt in seinem klimagekühlten Haus. Was wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm wirkt, könnte Wirklichkeit werden - glaubt man der Analyse von Klimaforschern, die für die Nationale Akademie der Wissenschaft der USA (PNAS) aktuelle Studien zusammengefasst haben.

Darin ist von einer "Heißzeit" die Rede, in der sich die Erde um vier bis fünf Grad zu erhitzen droht. Den Wissenschaftlern zufolge könnte der Meeresspiegel langfristig um zehn bis 60 Meter ansteigen. Ganze Inseln und weite Landstriche drohen dabei unterzugehen.

"60 Meter - das würde bedeuten, dass das gesamte Eis auf der Erde schmelzen würde", wiegelt der Leiter der Kieler Forschungseinheit Maritime Meteorologie Mojib Latif im Gespräch mit tagesschau.de die unmittelbare Bedrohung ab. "Das kann passieren, aber nicht schnell. Selbst, wenn wir einen Schwellwert überschreiten, den wir nicht mehr stoppen können, würde das im Verlauf vieler Jahrtausende passieren."

Ökosysteme im Domino-Effekt

Ab wann der Klimawandel unumkehrbar sein wird - darauf geben die Autoren der Analyse keine Antwort. Nur, dass dieser Punkt irgendwann erreicht sein wird. Besonders sogenannte Kippelemente im Klimasystem könnten als Brandbeschleuniger wirken. Bei diesen Elementen handelt es sich um einzelne Ökosysteme wie den Regenwald oder die Grönland-Eisdecke.

Diese Systeme könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten, erklärt Mitautor Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre. "Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu."

"Die Prozesse laufen bereits", erklärt Werner Eckert, SWR-Umweltexperte. "Das Eis in der Antarktis schmilzt, die Permafrostböden tauen, der Regenwald im Amazonas trocknet teilweise aus." Die Gefahr, dass diese Prozesse unumkehrbar werden, sei real.

"Stellen Sie sich ein Auto vor, das einen Hang hinauf geschoben wird. Wenn das Auto einmal über die Kante rüber ist, dann rauscht es ab. Das ist das, was die Klimaforscher mit ihrer Analyse sagen wollen. Wir sind in der Phase, in der wir Menschen den  Klimawandel anschieben. Wir sehen im Nebel nicht genau, wo diese Kante ist, aber wir schieben wie die Blöden, indem wir Kohle, Öl und Gas verbrennen. Wenn wir es über die Kante hinüber geschoben haben, kippt es mit einer Wucht, der wir dann wenig entgegenzusetzen haben."

"Schockierender Anblick"

Die Folgen der Hitzewelle dieses Sommers sind sogar aus dem Weltall zu sehen. "Konnte eben die ersten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach mehreren Wochen von Nacht-Überflügen", schreibt Astronaut Alexander Gerst von der Raumstation ISS auf Twitter. "Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte."

Verantwortlich für den deutschen Jahrhundertsommer sei die konstante Lage des Jetstreams, also des Starkwindbands in der Höhe, das sich wellenartig um die Nordhalbkugel schlängelt, erklärten Meteorologen in den vergangenen Wochen. Auch das sei eine Folge des Klimawandels, sagt Sven Plöger vom ARD Wetterstudio. Aufgrund der starken Erwärmung der Arktis nehmen die Temperaturunterschiede zwischen den Subtropen und der Arktis ab, und dann schwäche sich der Jetstream ab.

"In den letzten Jahren konnten wir immer häufiger beobachten, dass die Welle des Jetstreams zum Stillstand kam und somit wochenlang das gleiche Wetter herrschte", so Plöger. "Je nachdem haben wir ständig sonniges oder ständig nasses Wetter mit viel Regen wie im vergangenen Jahr." Hitze und Regen mit Hochwasser seien zwei Seiten derselben Medaille.

Ein Satellitenbild zeigt die Erde. | Bildquelle: dpa
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Ungewöhnlich lange Hitze- oder Regenzeiten seien Folgen des Klimawandels, so Sven Plöger vom ARD Wetterstudio.

Experiment mit ungewissem Ausgang

Viele Forscher nahmen bislang an, dass die Klimaerwärmung bei zwei Grad gegenüber vorindustriellen Werten gestoppt werden könnte. Das ist nach neueren Erkenntnissen nicht mehr der Fall. "Wir führen mit unserer Erde ein Experiment mit ungewissem Ausgang durch", sagt Latif. "Deshalb würde ich dazu raten, das System so wenig wie möglich zu stören, so wenig Treibhausgase wie möglich ausstoßen, um nicht an diesen unumkehrbaren Punkt zu gelangen."

Eckert bestätigt diese Einschätzung. "Selbst, wenn wir das Pariser Klimabkommen umsetzen, könnte es sein, dass der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten wäre. Man müsste also über das hinausgehen, was im Klimabkommen steht, und zwar relativ schnell."

Studie als politischer Handlungs-Appell

Latif und Eckert verstehen die Analyse der Klimaforscher deshalb in erster Linie als politischen Appell, einen, der interessanterweise in den USA in Auftrag gegeben wurde, in einem Land also, dessen Präsident den Klimawandel leugnet.

Doch auch, was Deutschland anbelange, sagt Latif, könne er momentan nicht erkennen, dass die Politik daran arbeite, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen. Tatsächlich ist Deutschlands Ziel für 2020, den CO2-Ausstoß um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu drücken, kaum noch einzuhalten. Über einen Zeitplan für den Kohleausstieg verhandelt eine Kommission, die bis Ende des Jahres liefern soll.

In der Landwirtschaft müsste Deutschland ebenfalls umdenken, sagt Latif. Das sieht auch Umweltministerin Svenja Schulze so. Ein "Weiter so" in der Landwirtschaft dürfe es nicht geben. Massentierhaltung und die intensive Bewirtschaftung von Feldern würden die ökologische Schieflage weiter verstärken.

"Wenn wir in den nächsten Jahren nicht sehr viel tun, dann können wir danach nichts mehr ändern", fasst Eckert das Fazit der Studie zusammen.

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Kommentar: Droht eine weltweite Heißzeit?
Georg Ehring, DLF
07.08.2018 20:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. August 2018 um 19:00 Uhr.

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