Der Hirte Roba Guyo isst mit seiner Familie. | Bildquelle: Caroline Hoffmann, WDR

Klimawandel in Kenia Der Ziegenhirte, der die EU verklagt

Stand: 13.10.2019 01:48 Uhr

Klimawandel kennt keine Grenzen. Deshalb müsse die EU mehr für den Klimaschutz tun, argumentieren zehn Familien und verklagen die EU. Einer der Kläger ist der kenianische Hirte Guyo.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Früh am Morgen treibt Roba Guyo seine kleine Ziegenherde in die dürre Landschaft hinaus. Immer weiter muss er laufen, denn durch die dauernde Hitze wächst kaum Grün an den dornigen Sträuchern, die Erde ist staubig und trocken.

Sein Leben lang ist er schon Hirte, aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Roba Guyo ist verzweifelt. "Die Herausforderung durch das Klima macht mich fertig", sagt er. Das größte Problem sei die Trockenheit. "Wir können nichts anderes, wir haben nichts anderes gelernt."

Auf dem Boden ausgebleichte Knochen der Tiere, die die große Dürre von 2017 nicht überlebt haben. Roba Guyo verlor damals den größten Teil seiner Herde. Den kleinen Rest treibt er jetzt zum Wasserloch. Nur um zehn Uhr morgens dürfen die Hirten es nutzen, so hat es das Dorf Badanreero im Norden Kenias beschlossen. Das Wasser ist zu kostbar.

Der kenianische Hirte Roba Guyo mit einigen seiner Ziegen. | Bildquelle: Caroline Hoffmann, WDR
galerie

"Das muss aufhören": Der Hirte Roba Guyo verlor bei der Dürre 2017 den größten Teil seiner Herde.

Tödliche Kämpfe ums Wasser

Im Dorf gibt es sogar Waffen, um den Teich zu verteidigen. Erst vor kurzem wurden in den benachbarten Hügeln vier Menschen bei einem Kampf ums Wasser getötet.

Immer wieder trocknet das Loch komplett aus. Trocken sei es hier schon immer gewesen, doch das Klima verschärfe sich, erzählt Roba Guyo. Die Hitze werde extremer. Wenn Regen komme, gebe es aufgrund des trockenen Bodens Springfluten. So dürfe es nicht weitergehen, beschloss der Hirte. Jetzt klagt er - gegen die EU.

"Ich fragte mich: Wer kann mir helfen", erzählt er. "Wir erfuhren von den Hilfsorganisationen, dass die Gründe menschengemacht sind. Und da ich so verzweifelt bin, entschied ich mich, an der Klage teilzunehmen. Das muss aufhören. Wegen der Hitze schmilzt mir fast das Gehirn."

Zehn Familien klagen

Roba Guyo verklagt das EU-Parlament und den Europarat nicht allein. Zehn Familien aus Europa, Fidschi und Kenia sind Teil des sogenannten People’s Climate Case. Unterstützt werden sie von Umweltorganisationen. Sie kannten sich gegenseitig nicht, doch sie wollen zeigen, dass der Klimawandel alle betrifft. Gemeinsam fordern sie von der EU, ihr Klimaziel zu verschärfen.

Das besagt bisher: Bis 2030 müssten die Emissionen um 40 Prozent des Wertes von 1990 gesenkt werden. Zu wenig, finden die Kläger, ist die EU doch insgesamt für rund zehn Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich.

Normale Bürger gegen die EU - und das aufgrund von Klimazielen? Geht das überhaupt? Es sei einen Versuch wert, sagt Gerd Winter, denn es gebe bereits Klage-Beispiele im Ausland. Der Bremer Jura-Professor hatte die Idee zur Klage und half, Familien zu finden. "Wir müssen uns engagieren, um Schlimmeres zu verhüten", fordert Winter. "Der Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung der Menschheit, fast schlimmer als die eines großen Krieges, weil sie die ganze Welt betrifft und unwandelbar ist."

Erfolgsfälle gibt es durchaus: 2015 klagten in den Niederlanden Bürger gemeinsam mit einer Umweltorganisation. Das Ergebnis: Die niederländische Regierung musste ihr Klimaziel verschärfen.

Bürger verklagen EU auf mehr Klimaschutz
Europamagazin, 13.10.2019, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Berufung auf die EU-Grundrechtecharta

Die zehn Familien berufen sich in ihrer Klage auf die Grundrechtecharta der EU. "Die Charta garantiert den Bürgern Sicherheit in ihren Lebensbedingungen, Recht auf Eigentum, Gesundheit, Kindeswohl", sagt Winter. "Sich darauf zu berufen ist möglich, da die Veränderungen des Klimas durch Emissionen, die diese Rechte bedrohen, menschengemacht sind."

Doch erstmal muss es in Brüssel überhaupt zu einer Verhandlung kommen. In erster Instanz wurde die Klage vom Europäischen Gericht aus formellen Gründen abgewiesen. Gerd  Winter schreckt das nicht. Vom Klimawandel sei schließlich fast jeder betroffen.

"Eine Klage gegen EU-Gesetze setzt voraus, dass die Kläger individuell betroffen sind. Der Europäische Gerichtshof legt dies sehr eng aus, nämlich so, dass die Kläger im Vergleich zu anderen exklusiv betroffen sein müssen." Das sei absurd, empört sich Winter, weil es bedeute: "Je stärker die Katastrophe ist, und je mehr Menschen deshalb betroffen sind, desto weniger haben sie das Recht zu klagen. Wir bekämpfen das." Die Kläger sind in Revision gegangen.

Und warum eine kenianische Familie? "Wir sind die Emittenten, aber die Leidenden wohnen im Süden", sagt Winter. "Wenn die EU sich so eine Menge von Emissionen greift, dann greift sie damit auch in Leben und Gesundheit der Familie Guyo ein."

Knochen eines wegen der Trockenheit verendeten Tieres | Bildquelle: Foto: Caroline Hoffmann, WDR
galerie

Viele Tiere sind wegen der Trockenheit bereits verendet.

"Wenn sich nichts ändert, können wir nur auf den Tod warten"

Roba Guyo verdient nichts mit dieser Klage. Er und die anderen Familien wollen einen nachhaltigen Politikwechsel. Seine große Hoffnung: Dass die Veränderungen, die sie beobachten, sich dann doch noch aufhalten lassen.

Dima Guyo, die Frau des Hirten, kann es einfach nicht verstehen. "Diese Leute müssen ihr Verhalten ändern und aufhören mit den Dingen, die am Ende diese Hitze produzieren", sagt sie. "Unsere Tiere sollen nicht sterben. Wenn es wirklich klappt, dass unser Fall gehört wird und sich dann etwas ändert, der Zyklus durchbrochen wird, dann wäre das gut für uns."  Sie denkt vor allem an die Kinder, die sich in der Schule vor Hitze kaum konzentrieren können und manchmal auch einfach umfallen.

Aber was, wenn es nicht klappt? Wenn sich gar nichts ändert und die Wetterextreme im Norden Kenias sogar noch schlimmer werden? Roba Guyo wird sehr ernst: "Wenn sich gar nichts ändert, dann können wir wohl am Ende nur auf unseren Tod warten."

Ob es zur Verhandlung kommt, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 13. Oktober 2019 um 12:45 Uhr.

Darstellung: