Ein Kind in Rom umarmt einen Erdball.

Studie zum Klimawandel Kinder leiden am meisten

Stand: 14.11.2019 16:02 Uhr

Die "Generation Greta" hat es nun auch schwarz auf weiß: Der Klimawandel hat große Auswirkungen auf die Gesundheit - vor allem bei Kindern. 100 Forscher warnen vor den Folgen in einem umfassenden Bericht.

Der Klimawandel schädigt bereits heute die Gesundheit vieler Menschen, insbesondere die von Kindern. Bei einem Weiterwirtschaften wie bisher "wird das Leben jedes heute geborenen Kindes tiefgreifend vom Klimawandel beeinträchtigt werden", berichtet das Konsortium The Lancet Countdown, zu dem rund 100 Experten gehören.

Einen halben Monat vor der UN-Klimakonferenz in Madrid bilanzieren die Experten im Fachjournal "The Lancet" die aktuellen und künftigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Gehe der CO2-Ausstoß weiter wie bisher, werde ein derzeit geborenes Kind an seinem 71. Geburtstag im Schnitt in einer um 4 Grad wärmeren Welt leben. Die Forscher kommen aus 35 Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Universitäten.

Berlin: Tausende Schüler nehmen zusammen mit der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg an der Fridays for Future Demonstration teil. | Bildquelle: dpa
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Die Schwedin Greta Thunberg sorgt mit ihren Protesten gegen die Klimapolitik weltweit für Aufmerksamkeit. Vor allem Kinder und Jugendliche gehen seit Monaten im Rahmen der "Fridays For Future"-Bewegung auf die Straße.

Bleibende Schäden aus der Kindheit

Kinder seien von den Auswirkungen des Klimawandels am stärksten betroffen, betonte Nick Watts, der Chef des Lancet-Konsortiums. Ihr Körper und ihr Immunsystem entwickele sich noch und Schäden in der Kindheit könnten bleiben. Auch Ernterückgänge durch den Klimawandel und infolgedessen Unterernährung träfen sie am schlimmsten, schreiben die Wissenschaftler. Sie litten stärker an Durchfall und an von Mücken übertragenen Erkrankungen wie Dengue. Neun von zehn Jahren mit besten Bedingungen für Dengue-Mücken gab es laut Report seit dem Jahr 2000. Auch die Bedingungen für den Cholera-Erreger hätten sich seit Anfang der 1980er-Jahre verbessert.

Eine Gruppe von Bakterien, die Vibrionen, werde eine zunehmende Gefahr, auch in der Ostsee, heißt es in dem Lancet-Report weiter. Die Erreger können Magen-Darm- und Wundinfektionen verursachen. Seit den 80er-Jahren habe sich aufgrund höherer Wassertemperaturen die Anzahl der Tage verdoppelt, an denen man sich mit Vibrionen in der Ostsee anstecken kann. 2018 waren es 107 Tage.

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Ursachen und Folgen des Klimawandels

Grafik zu Abweichungen von der weltweiten Durchschnittstemperatur

Wie sehr weicht die Durchschnittstemperatur vom langjährigen Mittelwert ab? Diese Grafik zeigt die jährlichen Temperaturabweichungen weltweit seit 1900. Die Nulllinie wurde aus den Durchschnittstemperaturen im Zeitraum von 1901 bis 2000 errechnet.

"Nie dagewesene Herausforderung"

Würde die Erderwärmung dagegen auf 1,5 Grad begrenzt - wie im Pariser Klimaabkommen gewünscht - und würden Versprechen der Länder eingehalten, sehe es anders aus, so die Forscher. Ein Kind in England könnte dann mit sechs Jahren den Kohleausstieg erleben, in Frankreich mit 21 Jahren den Abschied von Benzin- und Dieselautos und alle heute Geborenen weltweit könnten mit 31 Jahren erleben, dass nur noch so viel CO2 produziert wird, wie von der Natur oder mit technischen Mitteln aufgenommen werden kann. Zugleich könnte die Luft reiner und die Infrastruktur besser sein.

"Eine nie dagewesene Herausforderung verlangt eine nie dagewesene Reaktion und es benötigt die Mitarbeit der 7,5 Milliarden derzeit lebenden Menschen, um sicherzustellen, dass ein heute geborenes Kind nicht durch ein sich wandelndes Klima bestimmt wird", betonen die Autoren.

In Deutschland 45.000 Tote durch Feinstaub

Im vergangenen Jahr erlebten über 65-Jährige in Deutschland mehr Hitzewellen als im Schnitt der Jahre 1986 bis 2005. Das geht aus einer gesonderten Mitteilung des Lancet-Teams hervor, die Daten für Deutschland zusammenfasst. Im Jahr 2016 trug demnach die Feinstaubbelastung (PM 2,5) zu über 44.800 frühzeitigen Todesfällen in der Bundesrepublik bei, 8000 davon seien auf die Verbrennung von Kohle zurückzuführen. Feinstaub stammt unter anderem aus dem Verkehr und der Industrie.

Wirtschaftliche Verluste und Gesundheitskosten durch Feinstaub beliefen sich dem Bericht zufolge auf 20 Milliarden Euro. Die Luftverschmutzung insgesamt habe 2016 weltweit zu 7 Millionen Todesfällen geführt, 2,9 Millionen davon habe Feinstaub verursacht.

Feinstaub-Warnung in Stuttgart | Bildquelle: dpa
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In Deutschland sterben der Studie zufolge im Jahr rund 45.000 Menschen frühzeitig an den Folgen von Feinstaubbelastung - weltweit gar 7 Millionen.

Vier Kernforderungen der Wissenschaftler

Die Autoren der Studie haben vier Kernforderungen: Sie sprechen sich für eine schnelle und komplette Abkehr vom Kohlestrom weltweit aus. Reiche Staaten sollten garantieren, dass sie - wie bereits zugesagt - den ärmeren ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar an Klimaunterstützung geben. Die Wissenschaftler empfehlen, den öffentlichen Verkehr sowie das Gehen und Radfahren zu fördern, etwa mit mehr Radwegen. Und sie fordern, in Gesundheitssysteme zu investieren, um so durch die Erderwärmung geschädigten Menschen helfen zu können.

Deutsche Forscher sehen Lücken in der Studie

Allergieforscher Torsten Zuberbier von der Charité in Berlin begrüßt den Report grundsätzlich. Es fehle jedoch ein wichtiger Aspekt: Durch den Klimawandel habe sich Pollenflug verstärkt und die Blütezeit verlängert. Zudem breiteten sich allergene Pflanzenarten wie etwa Ambrosia in Europa weiter aus. Daher sei es unverständlich, dass der Report Allergien komplett ignoriere.

Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig sagte, deutsche Ärzte müssten zunehmend von Mücken übertragene Erreger "auf dem Schirm" haben. "So blieben dieses Jahr zum Beispiel die meisten West-Nil-Virus-Infektionen unerkannt, weil bei Grippe-ähnlichen Symptomen niemand an diesen Erreger dachte." Nötig seien Fortbildungen und gute Testsysteme.

Bundesärztekammer fordert Hitzeschutzplan

Als Reaktion auf den Bericht forderten deutsche Mediziner einen nationalen Hitzeschutzplan. Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzewellen nähmen weiter zu, warnte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer. Das erfordere besser vorbereitete Rettungsdienste, Kliniken, Alten- und Pflegeheime. Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels würden nicht irgendwann in weit entfernten Weltgegenden spürbar, sondern hier und heute.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 14. November 2019 um 06:50 Uhr.

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