Kreuzwegsprozession in Warschau | Bildquelle: dpa

Nach Missbrauchsvorwürfen Polens Kirche gerät in den Wahlkampf

Stand: 11.05.2019 00:25 Uhr

Die katholische Kirche in Polen steht nach Missbrauchsvorwürfen in der Kritik. Dadurch wird sie Thema im laufenden Europa-Wahlkampf. Die Regierung versucht die Kirche zu schützen. Die Opposition ist empört.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es ist Europa-Wahlkampf in Polen, und die einflussreiche katholische Kirche des Landes ist mitten hinein geraten. "Ich habe den Eindruck, die Kirche wird hier zum Prügelknaben und auf pädophile Priester reduziert", sagte der PiS-Europaabgeordnete Ryszard Czarnecki in einer Fernsehsendung.

Dabei geht es nicht nur um das Thema Missbrauch. Die Rolle der Kirche in Europa, aber auch das Verhältnis von Kirche und Staat, sind in Polen generell stark den Wahlkampf prägende Themen. Und während Teile der Opposition sich mehr oder weniger deutlich für eine klarere Trennung von Staat und Kirche einsetzen, behauptete PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski, dass "wer die Hand gegen die Kirche erhebt und sie zerstören will", der erhebe die Hand gegen Polen.

Jaroslaw Kaczynski | Bildquelle: AP
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Pis-Parteichef Jaroslaw Kaczynski: "Wer die Hand gegen die Kirche erhebt und sie zerstören will, der erhebt die Hand gegen Polen."

Homosexuellen-Aktivistin stundenlang verhört

Zusätzlich angeheizt wird die Debatte durch Ereignisse wie eine umstrittene Festnahme Anfang der Woche, die der Innenminister zunächst im Internet stolz kommentierte. Frühmorgens um sechs war eine Homosexuellen-Aktivistin abgeführt und stundenlang verhört worden, weil sie in der Nähe einer Provinzkirche Sticker verteilt haben soll, auf der die Schwarze Madonna von Tschenstochau - also die polnische Nationalikone schlechthin - um einen bunten Heiligenschein in Regenbogenfarbe ergänzt worden war. Es war ein Protest gegen homophobe Plakate in der Kirche.

Das robuste Vorgehen der Staatsmacht machte weltweit Schlagzeilen. Der Oppositionspolitiker Slawomir Nitras zeigte sich empört. Er sagte: "Wir alle wissen, dass diese Intervention nur deswegen stattgefunden hat, weil Kaczynski sie gefordert hat." Der PiS-Parteichef habe sein Urteil bereits gesprochen. "Er hatte doch festgestellt, dass sich diese Hand gegen den polnischen Staat richtet."

Unangenehme Debatten über Pädophilie

Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass es weniger die Plakate von Homo-Aktivisten sind, die der Kirche schaden, als die politische Instrumentalisierung von Glaube und Religion selbst. Das bestätigt auch Priester, Philosoph und katholischer Vordenker Andrzej Kobylinski. Ihm zufolge würde zwar ein Drittel der Gläubigen unumstößlich fest zu ihrer Kirche stehen. Diese Menschen wollten sich in ihrer heilen Kirchen-Welt nicht stören lassen durch unangenehmen Debatten über Pädophilie, sagt er.

"Menschen im älteren oder mittleren Alter fühlen sich angegriffen und befürchten, dass moralische Revolutionen aus den westlichen Ländern kommen könnten", so Kobylinski. "Es gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit, wenn konservative Politiker sagen, wir werden das nicht zulassen, wir werden traditionelle Werte verteidigen." Auf lange Sicht könne das der Kirche jedoch schaden, "denn sie verliert die junge Generation".

"Antiklerikale Stimmungen nehmen zu"

In einer Großstadt wie Lodsch etwa blieb zuletzt eine Mehrheit der Schüler dem Religionsunterricht fern. In Oppeln machte ein 14-Jähriger Schlagzeilen, der im Klassenzimmer das Kreuz von der Wand nahm. Er begründete das damit, dass höchstens sechs von 20 Mitschülern zur Religionsstunde gingen. Was solle das dann noch?

"Antiklerikale Stimmungen nehmen zu. Das betrifft nicht die 30 Prozent der Katholiken in Polen, die jeden Sonntag in die Kirche gehen", sagt Kobylinski. Aber es gebe noch die weiteren 70 Prozent, bei denen die Abneigung zur Kirche größer werde.

Kobylinski ist ein profunder Kenner der Missbrauchs-Thematik. Er habe den Tsunami, wie er es nennt, lange kommen sehen, sagt er.

Premiere einer neuen Missbrauchs-Doku

Während die polnische katholische Kirche selbst erst nach langem Zögern das Thema Missbrauch aufzuarbeiten beginnt und einen Entschädigungsfonds versprochen hat, liegt sie im Internet-Zeitalter hoffnungslos hinterher. Auf Youtube erlebt nun die Missbrauchs-Doku "Aber sag es nur niemandem" eine Premiere. Es ist eine Dokumentation über das Leid der Opfer. Sie wurde mit sogenannter Schwarmfinanzierung ermöglicht. Vermutlich wird sie viele Zuschauer erreichen. Millionen Polen sahen schon im vergangenen Jahr den scharf kirchenkritischen Spielfilm "Der Klerus", der eine kontroverse Debatte auslöste.

Bislang galt in Polen eine Grundannahme als gesetzt: "Du kannst politisch alles wollen, aber verscherze es dir nicht mit der Kirche, sonst bist du am Ende." Der einzige, der die Kirche im Wahlkampf frontal angeht, ist Robert Biedron von der jungen Linkspartei "Frühling". Er sagt, die Polen seien heute viel kirchenskeptischer als gemeinhin angenommen. Ob er Recht hat, könnten die Europawahlen zeigen. "Weltanschauliche Fragen" sollten bei dieser und den nächsten Abstimmungen wahlentscheidend sein, glaubt jedenfalls Priester-Philosoph Kobylinski.

Vor neuer Missbrauchs-Doku: Polnische Kirche gerät in Wahlkampf
Jan Pallokat, ARD Washington
10.05.2019 21:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2019 um 06:40 Uhr.

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