Kakaobohnen | Reuters

Kakaoanbau in Westafrika Noch viel Kinderarbeit in der Schokolade

Stand: 12.06.2020 04:56 Uhr

Mehr als 2,2 Millionen Kinder arbeiten auf Kakao-Plantagen in der Elfenbeinküste und Ghana. Dabei versprachen die Produzenten, Kinderarbeit um 70 Prozent zu verringern. Doch es gibt auch Lichtblicke.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Das kleine Mädchen mit den vielen Zöpfen und dem rosa Pullover weint. Die Mutter erklärt schüchtern: "Wir hatten dieses Jahr kein Geld für die Schulgebühren."

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Aber für Polizeichefin Rosa Kanda in der Region Aboissa im Süden der Elfenbeinküste kann es keine Gnade geben: "Wir haben Tochter und Mutter mitgenommen. Die Mutter kann uns zeigen, dass das Kind in Klasse zwei gehört und zumindest im vergangenen Jahr zur Schule gegangen ist."

Kontrolle von Familie | Reuters

Kontrollen sollen die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste minimieren. Bild: Reuters

Kakao-Nationen unter Druck

Gnade vor Recht will sich das Land nicht leisten, denn die USA könnten die mit Abstand größten westafrikanischen Kakao-Nationen Elfenbeinküste und Ghana mit Strafen belegen, wenn zu viele Kinder in die Plantage statt in die Schule gehen. Das wäre nicht nur wirtschaftlich schlecht, sondern würde auch ein negatives Image in der Öffentlichkeit bewirken.

Mit diesem Negativ-Image lebt die Kakao-Industrie seit 2001. Damals strahlte die BBC eine Fernsehdokumentation über Kindersklaven auf Kakao-Plantagen aus, andere Medien folgten.

Mehr als zwei Millionen Kinder arbeiten

Zwei US-Senatoren sahen gute Chancen, ein Gesetz gegen die Ausbeutung der Kinder in den beiden westafrikanischen Ländern durchzusetzen - da lenkten die Hersteller nach langen Kämpfen hinter den Kulissen ein. Freiwillig, so hieß es plötzlich.

Das Ergebnis der Einigung: 70 Prozent weniger Kinderarbeit bis 2015. Später hieß es dann bis zum Jahr 2020.

Die Universität von Chicago untersucht im Auftrag des US-Arbeitsministeriums alle fünf Jahre die Situation. Im Entwurf der jüngsten, noch unveröffentlichten Studie heißt es, 2,26 Millionen Kinder würden derzeit auf den Plantagen der beiden Länder arbeiten. Fast zwei Millionen davon arbeiten demnach unter besonderen Gefahren. Das ist ein Anstieg von 30 auf 41 Prozent der Kinder innerhalb von zehn Jahren (bis 2019).

"Keine Fortschritte"

"Es hat in dieser Zeit keine Fortschritte gegeben", sagt Friedel Hütz-Adams vom kirchennahen Südwind-Institut in Bonn. Das habe auch daran gelegen, dass der Preis in dieser Zeit zeitweise um ein Drittel eingebrochen sei. Ein Bauer in der Region müsste heute mindestens das Doppelte verdienen, um seine Existenz zu sichern. "Den direkten Zusammenhang zwischen Preis und Kinderarbeit haben wir im Kakao-Sektor immer wieder beobachten können."

Für die 30 Gramm Kakao, die man in der Herstellung für eine Standard-Schokolade braucht, zahle man etwa sieben Cent, so Hütz-Adams, mehr sei nicht drin. "Der Preis für die Tafel sagt am Ende nichts darüber aus, ob Kinderarbeit drin ist", sagt Hütz-Adams. Der Wert steigere sich über die Weiterverarbeitung.

Das heißt aber auch: Ein paar Cent mehr könnte die Existenz der Bauern sichern - ohne, dass es der Käufer im Supermarkt richtig spüren würde.

Kakaobohnen werden zum Trocknen ausgelegt | Reuters

Bei den Kakao-Bauern kommen vom Preis im Supermarkt nur Cent-Beträge an. Bild: Reuters

Erst zur Schule, dann auf die Plantage

"Es gibt Anzeichen, dass die Lage dort, wo die Industrie mit ihren Programmen und Zertifizierungen unterwegs ist, besser ist als anderswo," meint Torben Erbrath vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie.

Das räumt auch die Studie ein: Wo Familien mit Rat, Tat und möglichst auch Geld geholfen wird, gehe die Zahl der Kinderarbeiter zurück. Allerdings, sagen Kritiker, habe die Industrie verglichen mit ihren Milliarden-Umsätzen bislang nur bescheidene Summen gezahlt, um die Lage für die Bauern zu stabilisieren.

Vor allem haben die Elfenbeinküste und Ghana durch ein besseres Angebot erreicht, dass mehr Kinder zur Schule gehen. Allerdings: Danach gehen sie oft trotzdem noch auf die Plantage.

Forderungen nach Lieferketten-Gesetzen

Die Kakao-Produzenten sehen, dass sie als Branche beim Thema Menschenrechte gescheitert sind. Nun sucht man angeblich den Schulterschluss mit einzelnen Staaten und mit der EU. Lieferketten-Gesetze müssten her, die beim Kleinfarmer anfangen und seine Existenz schützen, aber auch den Wettbewerb zwischen den Unternehmen. Und: Die Erzeugerstaaten müssten stärker in die Pflicht genommen werden.

"Keine nationalen Alleingänge"

"Für den Kakao- und Schokoladensektor und einige andere Agrarsektoren herrscht doch Einigkeit, dass wir gemeinsame Spielregeln brauchen und keine nationalen Alleingänge. Menschenrechte machen nicht an den Grenzen halt," sagt Verbandsvertreter Erbrath entschieden.

Er hofft auf praktische Erkenntnisse aus der unveröffentlichten US-Studie. Die hätte schon längst veröffentlicht werden sollen, heißt es bei Nichtregierungsorganisationen. Aber es werde noch um die Interpretation der Zahlen gestritten. So wie immer, also.

Über dieses Thema berichtete BR5 Aktuell am 12. Juni 2020 um 09:05 Uhr.