Judith Kerr | Bildquelle: imago images / tagesspiegel

Trauer um Judith Kerr Ein Leben voller Kinderbücher

Stand: 23.05.2019 14:57 Uhr

Ihre Vergangenheit in Nazi-Deutschland verarbeitete sie in Kinderbüchern: Judith Kerr, prämierte Kinderbuchautorin und Illustratorin, ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Von Jens-Peter Marquardt und Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Großbritannien war für Judith Kerr zur zweiten Heimat geworden, nachdem die Nationalsozialisten sie und ihre Familie 1933 aus ihrer ersten Heimat vertrieben hatten. Da war sie erst neun Jahre alt. Im Interview mit dem ARD-Studio London vor vier Jahren erinnerte sie sich noch gut an ihre Kindheit im Grunewald in Berlin: "Die Schule, das Haus, Freunde, Schlittenfahren...wir hatten nicht furchtbar viel Geld. Abends gingen meine Eltern ins Theater - es war eine normale Kindheit."

Ihr Vater war der berühmte Theaterkritiker und Hitler-Gegner Alfred Kerr. Die jüdische Familie flüchtete vor den Nazis über die Schweiz und Frankreich nach Großbritannien. Judith Kerr hätte fast im Zug an der Grenze den Fluchtplan verraten: "Meine Mutter sagte: 'Also wenn wir an der Grenze sind, wenn der Mann kommt, um sich die Pässe anzuschauen - dann sage kein Wort, kein Wort.' Das habe ich auch getan. Aber als der Passinspekteur dabei war, herauszugehen, sagte ich: 'Siehst Du, es ist doch gar nichts passiert.'"

Judith Kerr mit Eltern und Bruder als Kind | Bildquelle: picture-alliance / akg-images
galerie

Judith Kerr (rechts) mit ihren Eltern und Bruder Michael ungefähr im Jahr 1928. Ihr Vater war der Kritiker Alfred Kerr.

Die Jahre der Emigration waren für die Eltern schrecklich: Der Vater war oft arbeitslos, die Mutter depressiv. Kerr dagegen empfand dieses aufregende Leben als großes Abenteuer - neue Schulen, neue Sprachen, neue Freunde. Auch in London ging sie weiter ihrer großen Leidenschaft nach: dem Zeichnen. 

Dieses Talent ihrer Tochter erkannte die Mutter bereits früh, denn obwohl sie Berlin Hals über Kopf verlassen mussten, steckte sie die Kinderzeichnungen ihrer Tochter ein: "Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass sie also in einer Woche alles packen musste, was man da mitnehmen sollte - und da hat sie meine Bilder mitgenommen."

Ein Tiger, ein Kater und ein Kaninchen

Später machte sie eine Ausbildung zur Zeichnerin. Mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann, dem Drehbuch-Autor Thomas Nigel Kneale, hatte sie einen Sohn und eine Tochter - und aus einer Geschichte, die sie den beiden erzählte, wurde 1968 ihr erstes Bilderbuch: "Ein Tiger kommt zum Tee", gefolgt von der bei britischen Kindern beliebten Serie um den schusseligen Kater "Mog". 

Es war ihr Sohn Matthew, der danach die Mutter anregte, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben - nach einem Besuch von "The Sound of Music": "Und da sagt er: 'Also, jetzt wissen wir endlich genau, wie das war, als Mami ein kleines Mädchen war.' Ich hatte schon daran gedacht, das zu machen - und dachte: 'Ich glaube, ich muss das jetzt wirklich einmal machen.' Und der Verleger war großartig, die sagten: 'Naja, machen Sie das doch - wir haben gar nichts über diese Zeit.'"

Millionenauflage für das rosa Kaninchen

Ihr Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" erhielt 1974 den Deutschen Jugendbuchpreis und verkaufte sich bis heute weit über eine Million Mal. Eine Geschichte, die viele Schüler erstmals an die Verbrechen des NS-Regimes heranführte - und ein Erfolg, der die Autorin vollkommen überraschte: "Ich hatte es fertig geschrieben - und ich dachte dann: ‚Ich habe es so gut wie möglich gemacht, also so ehrlich wie möglich beschrieben, wie das war. Aber wer in aller Welt würde dies lesen?‘ Das war also eine vollkommene Überraschung."

Im Februar 2018 trat Judith Kerr auf dem Storystock Festival Battersea zusammen mit Benedict Cumberbatch auf, um aus "The Tiger Who Came to Tea" zu lesen. | Bildquelle: picture alliance / empics
galerie

Im Februar 2018 trat Judith Kerr auf dem Storystock Festival Battersea zusammen mit Benedict Cumberbatch auf, um aus "The Tiger Who Came to Tea" zu lesen.

Zeichnerin, Autorin, Zeitzeugin

Es folgten die Bücher "Warten bis der Frieden kommt" und "Eine Art Familientreffen" - und viele Einladungen nach Deutschland, um als Zeitzeugin mit jungen Menschen zu sprechen. Aber es war nicht mehr ihre Heimat: "Es ist ein fremdes Land für mich. Also, ich bin hier zuhause. Es ist meine Sprache - und ich liebe sie."

Im Interview mit dem "Guardian" hatte Kerr noch am vergangenen Wochenende nicht etwa von der Angst vor dem Tod gesprochen, sondern allein von der großen Furcht, irgendwann einmal nicht mehr arbeiten zu können.

Judith Kerr gestorben
Jens-Peter Marquardt, ARD London
23.05.2019 13:15 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Mai 2019 um 15:00 Uhr.

Darstellung: