Frauen sammeln Müll in Müllhalde | Bildquelle: ARD-Studio Nairobi

Kampf gegen Plastikmüll Warum Kenia kein US-Drehkreuz sein will

Stand: 07.09.2020 19:29 Uhr

Auf der Suche nach neuen Märkten würde die US-Ölindustrie gern Plastik nach Kenia exportieren. Doch das Land reagiert verärgert: Es ist stolz auf seinen Vorreiterstatus bei der Plastikmüllvermeidung.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

"Wir gehen davon aus, dass Kenia über dieses Handelsabkommen in der Zukunft eine Drehscheibe für Chemikalien und Plastik in Afrika werden kann", steht in einem Brief von Ed Brzytwa, dem Direktor des Industrieverbands "American Chemistry Council" (ACC), an den US-Unterhändler in Kenia.

Deswegen solle von "der Verhängung von Produktions- und Verbrauchsbeschränkungen auf Chemikalien und Plastik sowie Beschränkungen für den Handel über Grenzen mit Material, Rohstoffen und Abfall" abgesehen werden, heißt es weiter in dem Schreiben, das in Kenia zum Stein des Anstoßes wurde: Abfall? Seit 2017 gilt Kenia als afrikanischer Champion im Kampf gegen Einwegplastik.

In Nairobi flattern längst schon keine weggeschmissenen Plastiktüten mehr über die Straße, weil es die selbst am Gemüsestand im Supermarkt nicht mehr gibt: Sie sind verboten. Es war ein Sieg von Aktivisten gegen die Plastiklobby, der nun auf dem Spiel steht.

Schutzabkommen vor Plastikimporten

Denn die Vergangenheit zeigt, dass die USA bei internationalen Handelsgesprächen massiv die Interessen der heimischen Industrie durchzusetzen versuchen. Auf Anfrage der ARD wollte sich die US-Vertretung in Nairobi nicht zu den Verhandlungen äußern, ebensowenig wie die kenianische Handelsministerin Betty Maina. Sie wiegelte aber im lokalen Boulevardblatt "Star" ab: "Solche Vorschläge lagen bislang nicht auf dem Verhandlungstisch. An der Geschichte ist weder hier noch dort was dran." Es gehe alles nach Recht und Gesetz.

Wenn es so wäre, dürfte es für die Plastik-Allianz im kommenden Jahr noch schwerer werden: Gemeinsam mit fast 190 Staaten ist Kenia einem Abkommen beigetreten, das den Import von Plastikmüll aus Industriestaaten sehr erschwert. Die USA gehören nicht dazu.

Nach Angaben von ISRI, dem Verband der US-Recycling-Industrie, hatten die USA allein im ersten Halbjahr 2018 noch fast 500.000 Tonnen Plastikmüll exportiert; vor allem in Entwicklungsländer. Ab 2021 könnte es eng werden für diese Art von Müllgeschäft - ein Anreiz, nach neuen Zielländern zu suchen.

Mit Vermeidung ist kein Geld verdient

Die Verärgerung über den mutmaßlichen Angriff auf das Umweltbewusstsein Kenias und des ganzen Kontinents ist groß - bis hin zu Inger Andersen, Chefin der UN-Umweltorganisation UNEP und Nachbarin der US-Vertretung in Kenias Hauptstadt Nairobi: "Wenn das stimmt, wäre das unerhört und gewissenlos", sagt sie. "Wir als UNEP sind so stolz auf die führende Rolle unserer Gastgebernation Kenia bei der Vermeidung von Plastikmüll."

Mit Vermeidung verdient man aber kein Geld. Die USA wollten neue Industrien aufbauen und insbesondere Recycling-Kapazitäten in Kenia schaffen - eine Produktpalette vom Rohgranulat bis zum Abfall, sagt Fredrick Njehu von Greenpeace Africa. Das zeige nicht nur der Brief des ACC, sondern das bewiesen auch Dokumente anderer Unternehmen sowie der US-Handelskammer an den US-Handelsbeauftragten.

Fredrick Njehu von Greenpeace Africa. | Bildquelle: ARD-Studio Nairobi
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Fredrick Njehu von Greenpeace Africa erkennt in mehreren US-Schreiben den Versuch, Kenia zum Absatzort für Plastikerzeugnisse zu machen.

Ölindustrie sucht nach neuen Märkten

Dabei ist die Sicht der Öl- und Plastikindustrie durchaus nachvollziehbar. Für sie ist Kenia als Zugang zum neuen, gemeinsamen afrikanischen Wirtschaftsraum wichtig, dessen Einwohnerzahl in den nächsten Jahrzehnten wachsen wird wie kein anderer. Afrika könnte helfen, drohende Verluste auszugleichen.

Denn der weltweite Ölverbrauch könnte schon 2019 seine Spitze überschritten haben, glaubt der unabhängige, Londoner Think-Tank "Carbon Tracker" in einem neuen Bericht. Dann wäre die Ölindustrie erst recht darauf angewiesen, dass zumindest die Nachfrage nach Plastik weiter steigt - so, wie die Industrie es bislang optimistisch vorhergesagt hat.

Die will erstmal nicht weiter über unangenehme Dinge reden. Man wolle "nicht Kenias eigenen Ansatz zum Umgang mit Plastikmüll ändern", schreibt der ACC als Reaktion auf die ersten Presseberichte: "Die Reporter hätten Kenia mit dem Alarmismus verschonen sollen." Njehu von Greenpeace Africa sieht das ganz anders. Er fordert: "Wir wollen, dass die Regierung offiziell erklärt, dass sie nicht über Petrochemie und Plastik verhandeln wird."

Afrika als Traumziel für US-Plastikproduzenten
Antje Diekhans, ARD Nairobi
08.09.2020 06:43 Uhr

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