Rose Midecha mit ihrem Baby | Bildquelle: Hoffmann/WDR

Antibiotikaresistenz in Kenia Pillen aus Blechhütten statt Arztbesuch

Stand: 12.08.2019 11:57 Uhr

Das eigene Kind fiebert, hat Schmerzen, hustet - was tun? Ein Arztbesuch wäre gut, doch das ist Eltern aus Kenias Slums oft nicht möglich. Stattdessen kaufen sie billige Antibiotika - mit gefährlichen Folgen.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Rose Midecha weiß nicht mehr weiter. Ihr kleines Baby Collins ist seit drei Monaten krank. Ohne Pause. Er hustet und niest. Dabei gibt ihm Midecha ständig Medikamente. "Ich war bei der Apotheke und habe Antibiotika gekauft", sagt die 37-Jährige. Als sie leer waren, ging es ihm immer noch schlecht und so habe sie neue für ihn bekommen. Doch sie lindern nur kurz die Symptome und schon ist Collins wieder richtig krank. Nicht mehr lange, dann wird seine Mutter zum nächsten Antibiotikum greifen.

Mit ihren beiden Kindern lebt Midecha im Slum Mathare in Nairobi. Die hygienischen Verhältnisse in den Armenvierteln sind schlecht - auf den Straßen liegt Müll, oft auch Fäkalien. Es gibt nur schlechten Zugang zu sauberem Wasser und keine funktionierenden Abflusssysteme. Hinzu kommt die hohe Bevölkerungsdichte. Bakterien verbreiten sich hier leicht und führen zu Krankheiten. Gegen diese werden oft Antibiotika eingesetzt.

Menschen im Slum Mathare in Nairobi | Bildquelle: Hoffmann/WDR
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Leben im Slum Mathare in Nairobi: Apotheken im klassischen Sinne gibt es dort nicht. Stattdessen wird die Medizin oft ohne Einschränkungen in Blechhütten verkauft.

Apotheker ohne Ausbildung

Eine Studie im Armenviertel Kibera in Nairobi fand heraus, dass zwischen 70 und 87 Prozent der befragten Haushalte innerhalb eines Jahres Antibiotika eingenommen hatten. Zum Vergleich: In Brandenburg wurden laut einer Studie in einem Jahr im Mittel in 6,5 Prozent der Haushalte Antibiotika verschrieben.

Midecha bekommt die Antibiotika bei den Apothekern um die Ecke. Diese sind in kleinen Wellblechhütten mit einer Auswahl an Medikamenten. Die Apotheker haben in den meisten Fällen keine pharmazeutische Ausbildung, oft noch nicht einmal eine Verkaufslizenz. Hier gibt es Antibiotika kostengünstig und einfach ohne Rezept. Eine andere Option hat Midecha nicht. "Ich würde zum Krankenhaus gehen, aber ich kann nicht. Wenn ich Arbeit bekomme, muss ich sie annehmen", sagt die alleinerziehende Mutter.

"Wenn ich den ganzen Tag im Krankenhaus warte, wer verdient dann das Geld allein für das Porridge meiner Kinder?", fragt Midecha. Hinzu kommt: Der Besuch im Krankenhaus selbst kostet auch Geld. Und das hat Midecha nicht. Sie arbeitet als Haushaltshilfe, verdient gerade einmal genug für die Miete ihrer Hütte, die Lebensmittel und die Kinderbetreuung.

George Otieno, Arzt im Kijabe-Hospital in Nairobi | Bildquelle: Hoffmann/WDR
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Kijabe-Hospital in Nairobi: Der Besuch im Krankenhaus kostet Geld.

Falsche Anwendung

Zum hohen Konsum der Antibiotika in Mathare oder Kibera kommt oft schlechte Qualität oder eine falsche Anwendung der Medikamente. Das alles fördert Resistenzen. "Die Armenviertel sind ein Hotspot für Antibiotika-Resistenz", sagt Sam Kariuki, Direktor für Forschung und Entwicklung am Kenya Medical Research Institute (KEMRI). Bakterien sind laut Forscher in der Umgebung - sie geben Resistenzen untereinander weiter. "Wenn dann viele Antibiotika gegeben werden, deren Qualität unterschiedlich ist, oder die sogar gefälscht sind, dann sind die Armenviertel wie ein Inkubator für resistente Bakterien."

In Kenia spüren die Krankenhäuser das wachsende Problem. Im Kijabe Hospital beobachtet man seit über zehn Jahren, dass die Rate der resistenten Bakterien steigt. Sie haben extra neue Behandlungsstandards entwickelt und überwachen die Resistenzen viel genauer, damit sie noch effektive Medikamente im Schrank haben.

Wie entsteht eine Antibiotika-Resistenz?

Antibiotika haben seit ihrer Entdeckung weltweit Millionen von Menschenleben gerettet. Doch Resistenzen nehmen zu. Geschätzt sterben jährlich weltweit bereits 700.000 Menschen als Folge einer Infektion, die mit Antibiotika nicht mehr behandelbar ist. Die Entstehung einer Resistenz ist ein natürlicher Vorgang. Gene, die die Information für Resistenzmechanismen enthalten, sind in einigen Bakterien vorhanden. Diese überleben die Antibiotikagabe und vermehren sich dann. Sie können die Resistenz-Gene weitergeben an andere Bakterien, auch von anderen Spezies. Dieses Phänomen heißt erworbene Resistenz. Fehlgebrauch und übermäßiger Konsum von Antibiotika fördern das Überleben und Verbreiten (Erwerben) der Resistenz beziehungsweise der resistenten Bakterien.

Neben den Übertragungen, die im Krankenhaus passieren könnten, kämen immer mehr Patienten mit resistenten Keimen zu ihnen. "Ein Grund dafür ist, dass man in Kenia einfach so Antibiotika bekommen kann", sagt George Otieno, Arzt im Kijabe Hospital. Hinzu komme der hohe Einsatz der Medikamente durch Tierärzte in der Landwirtschaft und bei der Haltung von Nutztieren. Auch das begünstigt mehr Resistenz.

Nationaler Aktionsplan für Kenia

Sam Kariuki, Direktor von KEMRI | Bildquelle: Hofmann/WDR
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Forscher Sam Kariuki: Das Problem der Antibiotikaresistenz muss lokal gelöst werden.

Bleibt die Frage, wie der afrikanische Staat die Gefahr abwenden will. Der Arzt sieht die Verantwortung bei der Regierung Kenias. "Wir müssen über unser Gesundheitssystem reden", sagt Otieno. "Wie zugänglich ist es? Kann jeder normale Bürger bei einem Arzt herausfinden, ob er tatsächlich ein Antibiotikum braucht?" Auch Forscher Kariuki glaubt, dass man das Problem lokal lösen müsse. "Damit wir Menschen um die Welt fahren können, ohne die resistenten Keime zu übertragen", sagt er. Denn durch den Flugverkehr gebe es bereits solche Entwicklungen. Wenn man vor Ort erfolgreich sei, dann könnten die globalen Effekte des Problems eingedämmt werden.

Doch einfach ist das nicht. Der kenianische Staat hat vor zwei Jahren einen nationalen Aktionsplan erstellt, will verstärkt aufklären und die Verschreibungspflicht der Antibiotika durchsetzen. Doch im Slum hat das bisher nicht viel verändert, die Medikamente gibt es immer noch so. Und die Bevölkerungsdichte in den Armenvierteln der Welt beispielsweise soll in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen.

Für Midecha bleibt erst einmal nur der Gang zum Apotheker. Sie macht sich große Sorgen um ihr Baby. "Ich denke viel darüber nach", sagt sie. "Du hast keine Ruhe, wenn dein Kind krank ist, und du nicht genau weißt, warum."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 13. August 2019 um 13:00 Uhr.

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