Feierlichkeiten zum Jahrestag des Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien. | Bildquelle: dpa

Ein Jahr nach dem Referendum Alles wieder ruhig in Katalonien?

Stand: 01.10.2018 05:30 Uhr

Vor genau zwölf Monaten ließ die Regionalregierung in Barcelona über die Unabhängigkeit von Spanien abstimmen. Seitdem ist viel passiert. Wie geht es der Region heute?

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Als die Wahlurne vor dem Gebäude ankommt, brandet plötzlich Applaus auf. Das letzte Mal kam sie vor einem Jahr beim Referendum zum Einsatz, in einer Schule in Barcelona-Gracia, die zu einem Abstimmungslokal umfunktioniert wurde. Jetzt kehrt die Urne in die Schule zurück, umjubelt von 40 bis 50 Bewohnern des Stadtviertels. Vor dem Gebäude haben sie eine Menschenkette gebildet. Mittendrin steht Antoni.

"Das ist sehr emotional für mich", sagt er. "Jahrelang hatten wir für das Referendum gekämpft. Heute sind wir näher als je zuvor an der Unabhängigkeit Katalonien, wir werden sie eines Tages erreichen."

Ausschreitungen am Samstag

Die Unabhängigkeit. Sie ist auch Antonis Wunsch für die Zukunft. Deshalb hat er ihn auf einen Zettel geschrieben und diesen jetzt, ein Jahr nach dem Referendum, in die Wahlurne gesteckt. Mit ähnlichen Aktionen erinnerten am Sonntag viele Katalanen vorab an den Jahrestag der Abstimmung. Alles lief friedlich ab.

Kataloniens neuer Regionalpräsident Torra spricht bei der Vereidigungszeremonie seines Kabinetts | Bildquelle: TONI ALBIR/EPA-EFE/REX/Shutterst
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Kataloniens Regionalpräsident Torra will weiter die Unabhängigkeit.

Ganz anders am Samstag: Da kam es zu Ausschreitungen am Rande zweier Demonstrationen in Barcelona. Radikale Separatisten bewarfen Polizisten mit Gegenständen und Farbbeuteln. Die Sicherheitskräfte setzten Schlagstöcke ein. Mehr als 20 Menschen wurden leicht verletzt.

Szenen, die für neue Diskussionen in Katalonien sorgen - und die separatistische Regionalregierung unter Druck setzen. Denn sie rief stets dazu auf, ohne Gewalt für das Ziel der Unabhängigkeit zu demonstrieren. Wobei der Ton von Regionalpräsident Torra schärfer wird. In einer Ansprache gestern nannte er den 1. Oktober 2017 einen Sieg für Katalonien und kritisierte die spanische Regierung, die die Polizei angewiesen habe, das Referendum gewaltsam zu verhindern.

Spanien bietet mehr Autonomie

"Dieser 1. Oktober hat uns unser Ziel gezeigt", so Torra. "Wir müssen einen neuen Vorstoß wagen, einen neuen 1. Oktober begehen, an dem wir das gleiche tun wie vor einem Jahr. Nun, wo wir die Angst hinter uns gelassen haben, müssen wir vor allem den zivilen Ungehorsam aus dem vergangenen Jahr wiederholen."

Die katalanische Regionalregierung will weiterhin durchsetzen, dass es zu einem neuen Unabhängigkeitsreferendum kommt - und zwar zu einem, das der spanische Staat akzeptiert.

Spaniens Regierungschef Sanchez hat das schon mehrmals abgelehnt und auf die Verfassung verwiesen. Die sieht eine solche Volksbefragung nicht vor. Aber Sanchez will der Regionalregierung in Barcelona offenbar entgegenkommen und brachte zuletzt ein Referendum über mehr Autonomierechte für Katalonien ins Gespräch.

"Der Vorschlag der spanischen Regierung, der das verbindende Element in der katalanischen Bevölkerung ist, zwischen Nationalisten und Nicht-Nationalisten, lautet: Eine Reform der Selbstverwaltung, die im Autonomiestatus festgeschrieben ist", sagt er.

Die Verhandlungen stocken

Doch ein solches Referendum reicht Regionalpräsident Torra nicht aus, er wies es als unzureichend zurück und beharrt auf seiner Maximalforderung. Die politischen Gespräche zwischen Madrid und Barcelona, die durch die neue sozialistische Zentralregierung überhaupt erst wieder aufgenommen wurden, sind weit von einer Lösung des Konflikts entfernt. Nach Umfragen ist weiterhin etwa die Hälfte der Katalanen für eine Loslösung von Spanien und die andere Hälfte dagegen.

Die Unabhängigkeits-Befürworter in Barcelona-Gracia sehen sich dagegen fast am Ziel, sie rufen "Wir haben gewählt!" Bei Antoni ist keine Enttäuschung zu spüren, dass seit dem Referendum vom 1. Oktober 2017 bisher nichts nach einer Republik Katalonien aussieht.

„Nein, es war ja klar, dass das keine Sache ist, die von heute auf morgen passiert", sagt er. "Wir unternehmen Schritt für Schritt. Auch wenn ich persönlich lieber etwas schneller voran gehen würde."

Für heute Abend hat die Unabhängigkeitsbewegung zu einer Demonstration in der Innenstadt von Barcelona aufgerufen: Auf einem zentralen Platz soll ein großes Transparent hängen mit dem Schriftzug "Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht". In Anlehnung daran, dass die spanische Justiz das Unabhängigkeitsreferendum verboten hatte. Und wieder kommen die Wahlurnen von vor einem Jahr ins Spiel: Die Teilnehmer der Demo wollen sie durch die Menschenmenge bis vor das katalanische Parlament tragen.

Alles wieder ruhig? Katalonien ein Jahr nach dem Referendum
Oliver Neuroth, ARD Madrid
01.10.2018 06:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Oktober 2018 um 06:10 Uhr.

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