Demonstranten am katalonischen Nationalfeiertag. | EPA

Katalanischer Nationalfeiertag Eine Chance für die Separatisten?

Stand: 11.09.2021 13:54 Uhr

Katalonien feiert seinen Nationalfeiertag. Die Separatisten nutzen diesen Tag erneut für ihre Forderung nach Unabhängigkeit. Doch viele Katalanen sind der fruchtlosen Proteste inzwischen müde.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Neun Uhr morgens ist traditionell der offizielle Beginn des Nationalfeiertags, der Diada - bis vor gut zehn Jahren vor allem ein fröhliches Volksfest, an dem die Menschen die katalanische Sprache und Kultur feiern. Seitdem ist der Einfluss separatistischer Bürgerbewegungen - zunächst vor allem des sogenannten Katalanischen Nationalkongresses - enorm gewachsen. Bis zum vorläufigen Höhepunkt 2017.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Würde und Freiheit, einen eigenen Staat forderten damals so viele wie noch nie in Sprechchören. Alleine in Barcelona waren damals rund eine Million Menschen auf den Straßen. Aber das illegale Referendum wenige Wochen später ist verpufft. Nicht verfassungskonform, urteilten Gerichte. Führende Separatisten wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Viele in Katalonien sind der fruchtlosen Auseinandersetzung mit dem Zentralstaat müde - gerade mal die Hälfte der Wahlberechtigten hat bei der Regionalwahl im Februar tatsächlich abgestimmt.

Die nackten Zahlen sehen so aus, dass nicht einmal 15 Prozent der Wahlberechtigten einer der drei Parteien die Stimme gegeben haben, die im Regionalparlament für mehr Unabhängigkeit oder sogar einen eigenen Staat eintreten - trotzdem haben sie zusammen eine Mehrheit - wegen der niedrigen Wahlbeteiligung und des komplizierten Wahlrechts.

Viel Pathos und markige Worte

In der Kommunikation der Separatisten und ihrer Anhänger liegt der Fokus natürlich darauf: Katalonien habe Historisches erlebt, die Unabhängigkeitsbewegung zum ersten Mal die meisten Stimmen bekommen. Das betonte auch Pere Aragones, inzwischen Ministerpräsident Kataloniens, in einer Rede kurz nach der Wahl. Das mit der Stimmenmehrheit stimmt zwar nicht, es ist nur eine Sitzmehrheit - aber sei's drum.

Die Regierung stand allerdings erst ein Vierteljahr nach der Wahl. Denn die Independentistas, die Unabhängigkeitsbefürworter, die da miteinander koalieren, sind sich eigentlich nicht besonders grün - seit Jahren schon.
 
Neu ist, dass zum ersten Mal die ERC, die Republikanische Linke, den Ministerpräsidenten stellt - eben jenen Pere Aragones: keine 40 Jahre alt, 1,63 groß. Er trägt einen gepflegten Vollbart, Brille und markige Worte im Mund. Für die verurteilten Politiker und Funktionäre von 2017 fordert er eine Amnestie, für die Region Selbstbestimmung.

Pere Aragones | AFP

Ministerpräsident Aragones fordert Selbstbestimmung für die Region. Bild: AFP

Das sei der große Konsens in der katalanischen Gesellschaft, sagt er - wie gesagt: Tatsächlich für Unabhängigkeitsparteien gestimmt haben nicht mal 15 Prozent der Wahlberechtigten. Aber Klappern gehört auch bei den Independentistas unbedingt zum Geschäft dazu.

Der Konflikt wird bleiben

Immerhin startet kommende Woche ein Runder Tisch mit Vertretern der Zentralregierung: Aragones ist zumindest grundsätzlich dialogbereit, nachdem Spaniens Ministerpräsident Sanchez den Verurteilten von 2017 zwar weder die Strafen erlassen konnte, noch wollte - sie aber begnadigt hat. Der hat dafür von der konservativen Opposition in Madrid Prügel bezogen, aber einer müsse eben den ersten Schritt machen. Die Zeit alleine werde die Wunden im Konflikt zwischen Katalonien und Zentralstaat nicht heilen, so der sozialistische Regierungschef.

Eine Verhandlungslösung über mehr Unabhängigkeit als autonome Gemeinschaft, einen gerechteren Finanzausgleich zwischen den Regionen - für beide, Zentralstaat und Katalonien, wahrscheinlich die bessere Lösung. Das Baskenland macht es nicht erst seit dem Ende des ETA-Terrors vor.

Verlorenes Terrain zurückgewinnen

Doch dem eigentlich gemäßigten Katalanen Aragones sitzt der Koalitionspartner im Nacken, die erheblich radikalere JuntsXcat. Das ist die Partei des nach Brüssel geflohenen Ex-Ministerpräsidenten Puigdemont. Vor ein paar Tagen, kurz vor der Diada, hat der radikale Separatist Puigdemont von Brüssel aus schnell nochmal Öl ins Feuer gegossen. In einem offenen Brief, zitiert in den Fernsehnachrichten, schrieb er:

Die Konfrontation gegenüber dem Zentralstaat ist unverzichtbar, wenn Katalonien als eigenständige Nation anerkannt werden will.

Bei der Diada heute wollen die radikalen Separatisten verlorenes Terrain zurückgewinnen. Der Katalanische Nationalkongress ANC - die Namensgleichheit mit dem südafrikanischen Nationalkongress ist kein Zufall, man sieht sich ja als unterdrückt - veranstaltet die zentrale Kundgebung in Barcelona. Wenn es nach ihm geht, wird bei der Diada eben nicht nur fröhlich gefeiert wie früher, sondern vor allem Stimmung gemacht - für die Abspaltung von Spanien.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. September 2021 um 09:10 Uhr.