Touristen fliehen Kaschmir | Bildquelle: AFP

Nach Terrorwarnung Tausende Touristen verlassen Kaschmir

Stand: 04.08.2019 05:28 Uhr

Nach Hinweisen auf Anschlagspläne für den indischen Teil der Region Kaschmir verlassen tausende Touristen fluchtartig das Gebiet. Indien hat zehntausende Soldaten entsendet. Das Land plant offenbar, den Sonderstatus der Region zu verändern.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südostasien

Die indische Regierung hat in den vergangenen Tagen mehr als 25.000 weitere Soldaten in die Unruheprovinz entsandt, nachdem in der vergangenen Woche bereits 10.000 zusätzliche Soldaten dort stationiert worden waren. Die Regierung in Neu-Delhi begründet dies mit Sicherheitsbedenken.

Es gebe Informationen, dass von Pakistan unterstützte Terroristen Anschläge verüben wollten, sagte ein führender Offizier der indischen Streitkräfte, KJS Dillon in Srinagar: "Pakistan und die pakistanischen Streitkräfte wollen unbedingt den Frieden im Kaschmir-Tal stören. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir mit unseren Sicherheitskräften hier alles tun werden, um das zu verhindern."

Indien plant Änderung des Sonderstatus

In den indischen Medien wird über andere Gründe für die militärische Aufstockung in der ohnehin hochgerüsteten Provinz Jammu und Kaschmir im Norden Indiens spekuliert. Die Regierung in Delhi plane, den bisherigen Sonderstatus von Kaschmir zu verändern, was massive Proteste bei der einheimischen, mehrheitlich muslimischen Bevölkerung auslösen würde.

Wie es heißt, soll ein Artikel aus der indischen Verfassung gestrichen werden, nachdem der Landerwerb in dem Himalaya-Tal nur Personen erlaubt ist, die in Kaschmir leben. Die regierende hindu-nationalistische Regierungspartei BJP kämpft schon seit Jahren für eine Abschaffung des Sonderstatus.

Pilgerreise wurde abgebrochen

Dichtes Gedränge am Flughafen von Srinagar.Tausende Hindus sind in den vergangenen Tagen aus Kaschmir geflohen, nachdem die Behörden eine Sicherheitswarnung ausgegeben hatten. Die sogenannte Amarnath Yatra, eine hinduistische Pilgerreise, die seit Anfang Juli Tausende Gläubige Hindus in die vorwiegend muslimische Region führte, wurde abgebrochen. Medienberichten zufolge sollen zusätzliche Flugzeuge die Menschen von dort wegbringen.

Die einheimische Bevölkerung, die ohnehin genervt ist von den strengen Sicherheitsvorkehrungen in Kaschmir, fühlt sich durch die zusätzlichen Soldaten bedroht. Peerzada Shakir, ein Einwohner von Srinagar: "Das ist bedrohlich und schürt nur noch mehr Angst unter der Bevölkerung. Und warum das alles? Was sollen all diese Soldaten hier in Kaschmir? Was planen die schon wieder? Wir haben ein Recht das zu erfahren."

Benzinschlange | Bildquelle: AFP
galerie

An den Tankstellen bilden sich lange Schlangen - viele sind mit dem Motorrad unterwegs und stehen an für ein bisschen Benzin.

Aufstand in der Bevölkerung wird erwartet

Der Student Irshad Ahmad sieht das Ganze als Einschränkung der Freiheitsrechte der Kaschmiris: Jedes Mal wollen sie uns Kaschmiris ruhig stellen, indem sie mehr Truppen herschicken und mehr Geheimdienstleute. Die sollen doch nur dafür sorgen, dass wir keinen Widerstand mehr leisten. Die wollen uns unsere verfassungsmäßigen Rechte nehmen."

Eine Streichung des Artikels 35A der indischen Verfassung, in dem der Sonderstatus für Kaschmir festgeschrieben ist, könnte einen gewalttätigen Aufstand auslösen, befürchtet auch der frühere Regierungschef der Provinz, Farooq Abdullah. Es gebe große Ängste unter der Bevölkerung: "Der Artikel 35A darf nicht abgeschafft werden. Er ist einer der Grundpfeiler unserer Provinz. Wir fühlen uns auch als Inder, aber dieser Artikel ist sehr wichtig für uns. Es gibt auch keinen Grund ihn abzuschaffen. Aber dieses Land bewegt sich immer weiter in Richtung Hinduismus. Hindu, Hindu, Hindu, alles dreht sich nur noch darum. Haben denn Muslime keine Rechte in diesem Land? Und die Sikhs? Was ist mit unserer Verfassung?"

Neuregelung am 15. August

Nach Informationen der Tageszeitung "Times of India", soll Jammu, der südliche Teil der Provinz Jammu und Kaschmir, wo vorwiegend Hindus leben, zu einer eigenen Provinz werden. Für Kaschmir und die angrenzende Region Ladakh solle eine Sonderverwaltung eingesetzt werden, hieß es. Möglicherweise wolle Indiens Premierminister Modi spätestens am indischen Unabhängigkeitstag, dem 15. August, die Neuregelung für Kaschmir verkünden.

Indien - Pulverfass Kaschmir
Bern Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
04.08.2019 06:24 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. August 2019 um 13:00 Uhr im Mittagsecho.

Darstellung: