Radovan Karadzic sitzt im Gericht in Den Haag zwischen zwei Justizbeamten. | Bildquelle: AP

UN-Tribunal zu Karadzic Jubel beim Urteil "lebenslang"

Stand: 20.03.2019 18:18 Uhr

Der einstige bosnische Serbenführer Karadzic wollte einen Freispruch. Doch die UN-Richter halten das Urteil gegen ihn aufrecht und verlängern die Haftstrafe sogar zu lebenslang.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Ein letztes Mal folgte er dem Aufruf von Richter Vagn Joensen: "Ich möchte Herrn Karadzic nun bitten, sich zu erheben, während ich den vollständigen Text der Entscheidung in diesem Fall verlese." Radovan Karadzic, der ehemalige Präsident der Serbenrepublik in Bosnien, nahm seine Brille vom Kopf, verschränkte die Arme und vernahm scheinbar ungerührt das Urteil der zweiten und damit letzten Instanz.

Die Berufungskammer hebe die 40-jährige Haftstrafe auf, führt Joensen aus - "und verhängt eine lebenslange Haftstrafe". Bei den Worten des Richters bricht auf der Zuschauertribüne des Gerichts großer Jubel aus. Überlebende der Kriegsgräuel und Hinterbliebene der Opfer reagieren geradezu erlöst. Nach fast zehn Prozessjahren, so eine der Mütter von Srebrenica, "erfahren wir Gerechtigkeit".

Radovan Karadzic | Bildquelle: PETER DEJONG/POOL/EPA-EFE/REX
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Karadzic vernahm scheinbar ungerührt das Urteil der letzten Instanz.

Vergleich mit harten Strafen von Militärs

Bei der Festlegung des Strafmaßes beriefen sich die Richter auf prominente Fälle aus der Vergangenheit, bei denen bosnisch serbische Generäle und Offiziere bereits zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. "Die Inkongruenz zwischen der Schwere der Straftaten und der 40-jährigen Haftstrafe wird ersichtlich - wenn wir dieses Strafmaß vergleichen mit den lebenslangen Haftstrafen für Tolimir, Beara, Popovic und Galic, die allenfalls einen Bruchteil der Verbrechen zu verantworten haben, deren Karadzic sich schuldig gemacht hat", erklärt Joensen.

Um doch noch freigesprochen zu werden, hatten Karadzic und seine Anwälte fast 50 Einwände gegen das erstinstanzliche Urteil vorgebracht. Vor allem Verfahrensfehler hatte die Verteidigung moniert. Fast alle Argumente wies das Gericht zurück.

Schriftliche Befehle Karadzics waren eindeutig

Der ehemalige bosnische Serbenführer ist damit ein rechtskräftig verurteilter Kriegsverbrecher, der sich - so Joensen - des Mordes, der Verfolgung und der Vertreibung bosnischer Muslime schuldig gemacht habe. Er sei verantwortlich für die fast dreieinhalbjährige Belagerung von Sarajevo und für das Massaker von Srebrenica.

Die Beweise seien überzeugend, urteilte Joensen, um dann aus einem Schreiben Karadzics an die Truppen vor Ort zu zitieren. Darin habe dieser seinen Einheiten befohlen, "eine unerträgliche Situation totaler Unsicherheit zu schaffen, ohne Hoffnung auf Rettung oder Überleben für die Einwohner von Srebrenica und Zepa".

Mladics Berufung steht noch aus

In erster Instanz war auch der damalige Militärchef der bosnisch-serbischen Truppen, Ratko Mladic, zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Hier steht die Entscheidung der Berufungskammer noch aus. In welchem europäischen Land der 73 Jahre alte Karadzic seine Strafe verbüßen muss, ist noch unklar. In Den Haag kann die "Akte Karadzic" jedenfalls geschlossen werden.

Lebenslang für Karadzic
Ludgar Kazmierczak, ARD Den Haag
20.03.2019 17:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. März 2019 um 18:10 Uhr.

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