Blick auf einen Strand auf Teneriffa | Bildquelle: AFP

Deutsche Reisewarnung Schock auf den Kanaren

Stand: 03.09.2020 01:52 Uhr

Weil die Corona-Fallzahlen in Spanien rasant ansteigen, warnt das Auswärtige Amt nun auch vor Reisen auf die Kanaren. Für den Tourismus dort gleicht das einer Katastrophe.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Maria Dolores weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Sie betreibt ein Restaurant auf der kleinen Kanareninsel El Hierro. Hinter ihr liegen die beiden erfolgreichsten Sommermonate, die das Restaurant in 24 Jahren erlebt hat: Es war jeden Tag mittags und abends ausgebucht. Der Tourismus boomte auf El Hierro im Juli und im August, vor allem Spanier kamen. Und sie haben das Coronavirus auf die Insel gebracht, da ist sich Maria Dolores sicher. Ihrer Meinung nach hat die Kanaren-Regierung den Tourismus nach dem Alarmzustand zu früh wieder anlaufen lassen.

"Es war ein Fehler, so viele Menschen hineinzulassen. Es kamen mehr Urlauber, als nötig gewesen wären, um die Tourismusbetriebe der Insel auszulasten, also Restaurants, Bars, Supermärkte und Hotels."

El Hierro gehört zu den Kanareninseln, die am stärksten von der Viruspandemie betroffen sind. Zwar melden die Behörden gerade einmal 33 aktuell Erkrankte - aber gerechnet auf die Einwohnerzahl von nur 11.000 Menschen ist das viel. Es ist ungefähr das gleiche Verhältnis wie auf Gran Canaria, der Insel mit den meisten Coronafällen. Die Behörden dort verzeichnen im Moment etwas mehr als 3.000 Infizierte, die Hälfte aller Erkrankten der ganzen Inselgruppe.

Jeder zweite Arbeitsplatz auf Kanaren hängt vom Tourismus ab

Virologen halten es für möglich, dass nur ein einziger Infizierter für diesen massiven Ausbruch verantwortlich sein könnte. Jemand, der das Virus vom spanischen Festland eingeschleppt und im Nachtleben der Inselhauptstadt Las Palmas verbreitet hat.

Yaiza Castilla versucht gar nicht erst, irgendetwas schönzureden. Die Tourismusministerin der Kanaren findet am Abend klare und deutliche Worte, nachdem Deutschland seine Reisewarnung um die Inselgruppe erweitert hat.

"Die Meldung aus Deutschland ist eine sehr schlechte Nachricht für die Kanarischen Inseln. Wir appellieren an die Verantwortung eines jeden, damit die Zahl der Infektionen sinkt. Nur so kann sich unsere Wirtschaft wieder erholen, deren wichtigster Motor der Tourismus ist."

Nach den Worten der Ministerin hängt jeder zweite Arbeitsplatz auf den Kanaren vom Tourismus ab. Das Geschäft mit Urlaubern hat im vergangenen Jahr gut ein Drittel der Wirtschaftsleistung ausgemacht.

Urlauber am Strand auf Fuerteventura | Bildquelle: Carlos de Saa/EPA-EFE/Shuttersto
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Urlauber am Strand auf Fuerteventura. Die Zahl der Gäste auf den Kanaren war zuletzt stark zurückgegangen.

Zweiter schwerer Schlag nach britischer Quarantäne-Anordnung

Die Hoteliers bereiten sich auf harte Zeiten vor. Sie hatten im Juli schon einen Schock verkraften müssen, als die britische Regierung eine Quarantäne für Reiserückkehrer von den Kanaren anordnete. Daraufhin kamen so gut wie keine Urlauber mehr aus Großbritannien. Juan Pablo Gonzáles, der Geschäftsführer des Hotelierverbandes ASHOTEL, erwartet nun auch eine Stornierungswelle aus Deutschland.

"Das ist ein schwerer Schlag für den Tourismus auf den Inseln. Der deutsche Markt ist der zweitwichtigste für uns nach dem britischen. Deutsche Urlauber haben uns zuletzt über Wasser gehalten. Nun müssen wohl viele Hotels schließen. Wir müssen schauen, wie wir die Wintersaison bestreiten, sie hängt jetzt am seidenen Faden."

Und gerade die Wintersaison ist die wichtigste für die Kanaren. Wenn es in Mitteleuropa feucht und kalt wird, flüchten normalerweise zehntausende Deutsche und Briten auf die Inselgruppe im Atlantik. Dort herrscht im Dezember oft noch Strandwetter.

Behörden greifen durch

Die Behörden auf den Kanaren versuchen weiter, die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Sie haben schon einige Strände gesperrt und die Maskenpflicht ausgeweitet. Wirtin Maria Dolores aus El Hierro kann sich vorstellen, dass auch Gastronomie-Betriebe geschlossen werden.

"Wenn die Regierung unser Restaurant zumacht, wäre das für uns fast schon gut. Wir müssten nicht fürchten, dass Gäste uns mit dem Virus infizieren. Und unsere Beschäftigten bekämen Unterstützung vom Staat. Wenn aber keine Touristen mehr kommen und ich deshalb schließe, muss ich meine Mitarbeiter weiter bezahlen, ihre Verträge laufen ja. Ein Dilemma."

Ein Dilemma - für die Tourismusbranche auf den Kanaren und für deutsche Urlauber. Wer sich aktuell auf den Inseln befindet, muss nach der Rückkehr einen Corona-Test machen und bis zu einem negativen Ergebnis in Quarantäne. Doch auch, wenn die Reisewarnung für alle Kanaren-Inseln gilt: Die kritische Marke an Neuerkrankten haben nur Gran Canaria, El Hierro und Lanzarote überschritten. Auf Teneriffa, Fuerteventura oder La Gomera sind die Corona-Fallzahlen bisher im grünen Bereich.

Reisewarnung nun auch für die Kanaren - und damit ganz Spanien
Anita Fünffinger, ARD Berlin
03.09.2020 07:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2020 um 20:00 Uhr.

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